Obdachlosigkeit

Wie Berliner Menschen auf der Straße helfen

| Lesedauer: 9 Minuten
Uta Keseling, Andreas Gandzior
Bahnhofsmission am Bahnhof Zoologischer Garten in Berlin, freiwillige Helfer, Milena Demski, Sylwia Schoenhoff, Copyright: DAVIDS/Sven Darmer, 01.03.2018

Bahnhofsmission am Bahnhof Zoologischer Garten in Berlin, freiwillige Helfer, Milena Demski, Sylwia Schoenhoff, Copyright: DAVIDS/Sven Darmer, 01.03.2018

Foto: DAVIDS/Sven Darmer

Suppenküchen, Wärmebusse, Nachtcafés – viele Berliner engagieren sich für Obdachlose. Und: Wie jeder etwas tun kann.

Wenn die Temperaturen in den Minusbereich fallen, werden für Obdachlose die Nächte zum Überlebenskampf. Doch es gibt andererseits zahllose Helfer, die ihnen zur Seite stehen. In Suppenküchen, Nachtcafés und den Notübernachtungen, in denen zurzeit 1200 Schlafplätze bereitstehen. Oder auch direkt auf der Straße, wo sich Nachbarn spontan um Menschen kümmern, die kein Zuhause mehr haben. Rund 6000 Menschen leben derzeit in Berlin auf der Straße, schätzen Hilfsorganisationen. In unserer Donnerstagsausgabe haben wir ihre Not im Freien geschildert. Hier stellen wir einige Ehrenamtliche vor, die ihnen helfen.

Daniel Nitschke zum Beispiel, der als ehrenamtlicher Katastrophenschützer eigentlich zu Großveranstaltungen oder Evakuierungen gerufen wird. „Dort versorgen wir Menschen mit Tee, Decken oder leisten medizinische Ersthilfe“, sagt er. Auf die Idee kamen sie, weil die „Schnelle Einsatzgruppe“ (SEG) über ein Fahrzeug verfügt. Damit verstärken sie seit fünf Jahren die Arbeit des regulären Wärmebusses des DRK-Landesverbandes, „immer dann, wenn die Temperaturen unter –10 Grad fallen“. Auch der DRK-Kreisverband Steglitz ist mit einem Fahrzeug unterwegs. Bereits seit 24 Jahren gibt es den Kältebus der Stadtmission – inzwischen sind es eigentlich sogar zwei Fahrzeuge unter dem Namen. Die Fahrer sind Ehrenamtliche.

Achim Walter ist fast 80 Jahre alt, erzählt er. Der Reinickendorfer hat sein halbes Leben obdachlosen Menschen geholfen und tut es immer noch. Weil er inzwischen nicht mehr gut laufen kann, sitzt er zu Hause am Telefon und hört sich die Sorgen der Menschen an. Bis vor gut einem Jahr war Walter an den Brennpunkten der Stadt unterwegs und verteilte heiße Getränke, Essen und Kleidung. „Ich bin in Berlin geboren und habe als Kind gehungert und gelitten“, sagt er. Das habe ihn geprägt. „An den Wochenenden habe ich mehrere Thermoskannen mit Kaffee gekocht und Stullen geschmiert, sie dann an die Obdachlosen auf dem Breitscheidplatz verteilt“, sagt er. „Ich habe die Menschen auf der Straße angesprochen und sie gefragt, ob sie Hunger haben.“ Im Winter hat er Kleidung gesammelt, sie gewaschen und dann verteilt. Das hat er auch im Ruhestand weiter gemacht. Von seiner kleinen Rente kaufte er Socken und Handschuhe oder verteilte in der Stadt heiße Getränke. „Ich war immer an Plätzen unterwegs, wo die Armut deutlich sichtbar war.“

Mathis Dickel (22) wirkt wie ein lässiger Typ. Er trägt Irokesenschnitt, ist Musiker und studiert Medizin. Aber eines seiner größten Talente liegt in der freiwilligen Obdachlosenhilfe. Schon zu Abiturzeiten kam er mit dem Ehrenamt in Kontakt, erfuhr so von vielen schlimmen Schicksalen Hilfsbedürftiger. Nach einem freiwilligen sozialen Jahr in der Mission am Hauptbahnhof wusste er: Seine berufliche Laufbahn liegt in der Versorgung von Obdachlosen. Noch heute ist er neben dem Studium im medizinischen Team der Mission tätig. Acht bis neun Stunden pro Woche. „Mehr schaffe ich leider wegen meines vollgepackten Vorlesungsplans nicht.“

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Nachtreportage - Kalt in Berlin

Was ist sein Motiv? „Bei dieser Arbeit wird man sensibler und wachsamer. Ich sehe heute, wenn ich durch die Straßen laufe, wer dringend Hilfe oder den Kältebus benötigt.“ Abschalten von dem Erlebten kann er im Gespräch mit Freunden. Viele in seinem Bekanntenkreis sind selbst ehrenamtlich tätig. Er ist sich sicher, jeder kann etwas tun. „Ein kleines Lächeln oder ein Blick, wenn man Obdachlosen begegnet, gibt ihnen ein Teil ihrer Würde zurück.“

„Hilfsbedürftigen Menschen etwas Emotion entgegenzubringen, gibt ihnen Hoffnungen und Trost“, sagt auch Conny Schmidt (53) über ihre Arbeit. Seit fast zehn Jahren ist sie ehrenamtliche Mitarbeiterin für die verschiedenen Stadtmissionen Berlins. Auch nach Feierabend ist ihr Herz bei den Hilfsbedürftigen. Viele brauchen ein Ohr, um sich auszusprechen. Manchmal weint sie mit ihnen. Conny will den Menschen die Zuneigung geben, die sie selbst nie erfahren hat. Ihre eigene Kindheit war gezeichnet von Misshandlungen und sexuellem Missbrauch. Kraft findet sie seit vielen Jahren im Gebet. Ihr Leitspruch stammt vom Arzt und Philosophen Albert Schweitzer: „Viel Kälte ist unter den Menschen, weil wir nicht wagen, uns so herzlich zu geben, wie wir sind.“

Hilfe auch für Hunde, die mit auf der Straße leben

Viele Obdachlose haben als Gefährten einen Hund. Doch Tiere kosten auch Geld. Durchschnittlich 300 bis 400 Kilogramm Hundefutter verteilt deswegen Katja Erdbrügger pro Monat mit ihren Mitstreiterinnen der Berliner Tiertafel. „Wir sind zweimal in der Woche unterwegs und sammeln gespendete Dinge ein“, sagt sie. „Jeden Dienstag fahren wir zur Bahnhofsmission und liefern dort die Spenden ab.“ Neben Futter werden auch Isomatten, Hundemäntel, Leinen, Halsbänder und Maulkörbe gespendet und verteilt.

Seit zwölf Jahren engagiert sich Katja Erdbrügger ehrenamtlich bei Privatinitiativen für Obdachlose. „Wir kochen beispielsweise Suppe und verteilen sie“, sagt die Ergotherapeutin. Auf diesem Weg sei sie vor etwa eineinhalb Jahren auf die Obdachlosen mit Hunden aufmerksam geworden. Die Berliner Tiertafel kümmert sich aber nicht nur um die Tiere von Obdachlosen. „Wir sammeln Futter und Zubehör, um diese an Menschen weiterzugeben, die nicht mehr in der Lage sind, ihre Tiere aus eigenen Mitteln zu versorgen.“

Seit acht Jahren engagiert sich Thomas Hartmer (53) für Obdachlose. Heute wird seine Hilfe im Nachtcafé der Herz-Jesu-Gemeinde an der Fehrbelliner Straße mehr den je gebraucht. Er selbst steckte vor vielen Jahren in einer Lebenskrise und erfuhr Hilfe. „Ich dachte mir, ich muss etwas zurückgeben.“ Angefangen hat er in einer Suppenküche. Vor einigen Jahren erfuhr er von einer ähnlichen Einrichtung. Inzwischen ist er seit zwei Jahren Leiter des Nachtcafés. Einmal wöchentlich, von September bis März und in der Nacht von Montag zu Dienstag, bietet Hartmers Einrichtung bis zu 18 Personen Schlafplätze. Außerdem haben Wohnungslose und andere Hilfsbedürftige die Chance auf eine Dusche und frische Kleidung. Zudem können an jenem Abend bis zu 50 Personen mit warmen Speisen versorgt werden. Finanziert wird die Einrichtung durch Spenden und in Zusammenarbeit mit der Tafel. Hartmer macht seine Aufgabe Spaß. „Das Mitgefühl, das viele Menschen Hilfsbedürftigen zukommen lassen, bewegt mich immer wieder.“

Und so können Sie helfen

  • Mobile Hilfe Der Wärmebus des DRK und die Kältebusse der Stadtmission fahren zu Obdachlosen-Schlafplätzen. Sie verteilen Decken, Schlafsäcke und heiße Getränke und bringen die Menschen, wenn sie es wollen, in Notunterkünfte. Für Menschen, die nicht ansprechbar sind, erkennbar große gesundheitliche Probleme haben, zum Beispiel nicht mehr laufen können, sollte besser der Notruf 112 gewählt werden.


  • Kältebus Der Bus ist jede Nacht von 21 Uhr bis 3 Uhr unterwegs, Tel. 0178 523 58 38. Der Wärmebus des DRK fährt ab 18 Uhr bis 24 Uhr, Tel. 0170 910 00 42. Weitere Informationen gibt es unter: www.kaeltehilfe-berlin.de Senatsbus Aufgrund der hohen Nachfrage in den vergangenen Nächten hat Sozialsenatorin Elke Breitenbach (Linke) ein Fahrzeug des Senatsfuhrparks zu einem weiteren Kältebus umfunktionieren lassen. Der Bus, der ansonsten der Protokollabteilung der Senatskanzlei zur Verfügung steht, ist seit Donnerstagabend im Einsatz. Die Apardo GmbH stellt einen Kältebus für die City West und Spandau zur Verfügung. Mo. bis Fr. von 19 bis 24 Uhr unter der Tel. 0152-19241704

  • Sachspenden Die Bahnhofsmission am Bahnhof Zoo freut sich immer über haltbare Lebensmittel, ganz besonders über Käse, Kaffee und Schokolade. Die Kleiderkammer dort ist begrenzt, am dringendsten gebraucht werden warme Männerunterwäsche, warme Socken und Männerschuhe in großen Größen. Schlafsäcke ebenfalls gebraucht.

  • Spenden Berliner helfen e.V., der Verein der Berliner Morgenpost, unterstützt die Kältehilfe der Stadt mit 50.000 Euro aus Leserspenden. Jeweils 10.000 Euro gehen an die Berliner Stadtmission, das DRK Berlin, das Unionhilfswerk, die Ärztin Jenny de la Torre sowie an die Wohnungslosen-Ambulanz und das Arztmobil der Caritas. Wenn auch Sie die Kältehilfe unterstützen möchten: Berliner helfen e.V. Stichwort: Kältehilfe IBAN: DE69 1002 0500 0003 3071 00 BIC: BFSWDE33BER

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