Notfälle

Neue Notfallpraxen sollen Rettungsstellen entlasten

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Thomas Fülling
Die Rettungsstelle im Unfallkrankenhaus Marzahn (Archivbild)

Die Rettungsstelle im Unfallkrankenhaus Marzahn (Archivbild)

Foto: dpa Picture-Alliance / Hannibal Hanschke / picture alliance / dpa

Die Kassenärztliche Vereinigung hat eine Reform ihres Notfallangebots angekündigt. Notdienstpraxis startet im April am Jüdischen Krankenhaus.

Lange Schlangen vor der Aufnahme, noch länger dann die Zeit im Warteraum. Die Rettungsstellen an Berlins Krankenhäuser sind chronisch überlastet. Vor allem Freitagabend und an den Wochenenden herrscht dort oft der Ausnahmezustand. Doch nun können die Rettungsärzte auf Entlastung hoffen. Die für die ambulante medizinische Versorgung zuständige Kassenärztliche Vereinigung Berlin (KV) hat eine Reform ihres Notfallangebots angekündigt. Eckpunkte dazu wurden am Donnerstag vorgestellt.

Kernpunkt des neuen Konzepts ist der Aufbau eines stadtweiten Netzes von Notdienstpraxen, die in direkter Nachbarschaft zu den Rettungsstellen der Kliniken von der KV betrieben werden. Die mit Fachärzten und nichtärztlichem Personal besetzten Ambulanzen sollen dabei die Patienten übernehmen, die keine klassischen Notfälle sind. Dazu gehöre etwa jemand, der an chronischen Beschwerden leidet und wegen einer Verschlechterung seines Zustands die Zeit bis zum nächsten Hausarzttermin überbrücken will. Niemand müsse aber Sorge haben, dass er künftig nicht angemessen behandelt wird, versicherte der stellvertretende KV-Vorstandschef, Burkhard Ruppert. „Wer mit blutenden Wunden kommt oder koronale Auffälligkeiten aufweist, wird natürlich weiterhin in der Rettungsstelle versorgt.“

Eine erste solche Notdienstpraxis arbeitet seit August 2016 bereits am Unfallkrankenhaus Berlin (UKB) in Marzahn – laut Ruppert „mit großem Erfolg“. Nun soll Anfang April am Jüdischen Krankenhaus in Wedding eine zweite Ambulanz folgen. Insgesamt geht die KV von einem Bedarf von acht Notdienstpraxen für Berlin aus.

Die Praxen werden über das gesamte Stadtgebiet verteilt

Vorbild dafür ist das international vielfach gerühmte Notfallsystem in Dänemark. In Kopenhagen sei der Bedarf mit einer Arztstelle auf 425.000 Einwohner definiert. Werde dies auf Berlin übertragen, komme man auf zunächst acht Praxen. Laut Ruppert sollen sie nicht nur im vermeintlich reichen Südwesten entstehen, sondern über die ganze Stadt verteilt werden. Wo das genau sein wird, ließ die KV aber noch offen. Man sei mit mehreren Krankenhäusern im Gespräch, Ergebnisse werden aber erst nach deren Abschluss verkündet.

Unter Dach und Fach ist bereits die Partnerschaft mit dem Jüdischen Krankenhaus an der Heinz-Galinski-Straße in Wedding. Die traditionsreiche Klinik mit 352 Betten ist als Notfallkrankenhaus eingestuft. Nach Angaben der Kaufmännischen Direktorin Brit Ismer versorgt die Rettungsstelle rund 20.000 Patienten pro Jahr. Gut 7000 von ihnen werden wegen der Schwere der Erkrankung stationär aufgenommen, die übrigen können nach einer ambulanten Behandlung die Rettungsstelle wieder verlassen. Bei etwa 3500 – also etwa jedem Vierten – würde es sich laut Ismer aber um Patienten mit Beschwerden handeln, die auch von niedergelassenen Ärzten behandelt werden könnten.

Eröffnung der Notdienstpraxis am Ostermontag

Allerdings: Die Praxen der Kassenärzte sind Mittwoch- oder Freitagnachmittag sowie an Sonn- und Feiertagen in aller Regel nicht geöffnet. Genau zu diesen Zeiten sollen nun am Jüdischen Krankenhaus auch Kassenärzte zur Verfügung stehen. Die Eröffnung der Notdienstpraxis ist für Ostermontag, 2. April, geplant. Einem Feiertag also, an dem erfahrungsgemäß besonders viele Patienten ohne echte Notfalleinstufung in die Rettungsstellen drängen.

Ein zweiter Eckpfeiler des neuen Konzepts zur Notfallversorgung ist die „Weiterentwicklung der Leitstelle der KV Berlin“. Die rund um die Uhr betriebene Zentrale an der Masurenallee in Westend koordiniert die Einsätze des Ärztlichen Bereitschaftsdienstes, bietet aber auch fachärztliche Beratung an. Und das mit Erfolg: Laut Ruppert gab es im Vorjahr 40.000 Beratungsgespräche, in rund drei Viertel aller Fälle war anschließend keine weitere ärztliche Versorgung mehr notwendig. Eine Entlastung für Arztpraxen wie Rettungsstellen gleichermaßen. Trotz dieser Zahlen sei das Angebot aber noch viel zu wenig bekannt, so die Einschätzung der KV.

Bereitschaftsdienst nur noch über bundesweit einheitliche Nummer erreichbar

Auch deshalb wird der Ärztliche Bereitschaftsdienst ab 1. April nur noch über die bundesweit einheitliche Rufnummer 116 117 erreichbar sein. Die bisherige Berliner Nummer 310031 werde dafür schrittweise „vom Netz“ genommen. Auch ihr Beratungsangebot will die KV weiter ausbauen: Künftig sollen Fachärzte nicht nur außerhalb der üblichen Praxisöffnungszeiten, sondern täglich von 8 bis 24 Uhr zur Verfügung stehen. Am Telefon erfolge eine Ersteinschätzung der Beschwerden, dann gibt es eine Empfehlung, wohin sich der Patient damit wenden kann. Ob es auch mehr Hilfe gibt, Termine bei gefragten Fachärzten zu bekommen, blieb offen.

„Reorganisiert“ wird auch der fahrende Ärztlichen Bereitschaftsdienst. Deren Einsatz soll auf die Zeit außerhalb der Praxis-Sprechstunden begrenzt werden. Um immobile Patienten auch zu anderen Zeiten versorgen zu können, denkt die KV über die Einführung eines Hausbesuchsdienstes nach.