Illegales Autorennen

BGH entscheidet über Mord-Urteil gegen Kudamm-Raser

Der Bundesgerichtshof entscheidet heute, ob die Raser vom Kurfürstendamm wegen Mordes verurteilt werden durften.

Der Prozess um die Kudamm-Raser als Chronik

Der Bundesgerichtshof hat das Urteil gegen die Kudamm-Raser aufgehoben. Die Angeklagten können auf wesentlich mildere Strafen hoffen.

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Berlin. Maximilian Warshitsky ist am 1. März wieder fünfeinhalb Stunden von Berlin nach Karlsruhe gefahren. „Auch wenn die Urteilsbegründung vermutlich nur 15 Minuten dauern wird und keine große Öffentlichkeit zu erwarten ist. Ich musste das tun“, sagt der 37-Jährige. „Ich mache es für meinen Vater; einen Menschen der gern gelebt hat und der völlig unnötig sein Leben lassen musste. Das werde ich auch jedem sagen, der meine Meinung hören will.“

Vater Michael Warshitsky wurde am 1. Februar 2016 kurz nach Mitternacht getötet. Der 69-jährige Arzt im Ruhestand fuhr mit seinem Wagen auf der Nürnberger Straße in Richtung Tauentzienstraße. Er hatte „Grün“, als er mit seinem pinkfarbenen Jeep Wrangler die Kreuzung überqueren wollte. Er konnte nicht ahnen, dass sich in diesem Moment zwei Männer ein an Irrsinn grenzendes Autorennen lieferten und mit bis zu 170 Stundenkilometern auf ihn zurasten. Warshitskys Jeep wurde erfasst und zerbarst; die Teile seines Wagens wurden 70 Meter weit geschleudert. Er selbst verstarb noch am Unfallort.

Urteil sorgte bei Juristen für heftige Diskussionen

Am 1. März wird der 4. Strafsenat des Bundesgerichtshofs um 15 Uhr über ein Urteil des Berliner Landgerichts vom 27. Februar 2017 entscheiden. Ein Urteil, das bei Juristen und Verkehrsexperten für heftige Diskussionen sorgte: Die Berliner Richter hatten gegen die beiden Auto-Raser - den 27-jährige Hamdi H. und den zwei Jahre jüngere Marvin N. - lebenslänglichen Freiheitsstrafen ausgesprochen. Das war ein Novum. Erstmals in der deutschen Rechtsgeschichte wurden Teilnehmer eines illegalen Autorennens, das tödlich endete, wegen Mordes verurteilt. Die Verteidiger gingen gegen dieses Urteil erfolgreich in Revision.

Am 1. Februar gab es in Karlsruhe eine mündliche Verhandlung. Beate Sost-Scheible, Vorsitzende Richterin des 4. Strafsenats, erklärte zu Beginn, dass es nicht darum gehe, ob Raser künftig wegen Mordes bestraft werden können. Geprüft werde allein, ob die Richter in Berlin rechtsfehlerfrei auf Mord erkannt haben. In dem folgenden verbalen Schlagaustausch zwischen den aus Berlin gekommenen Verteidigern Ali B. Norouzi und Stefan Conen und dem Bundesanwalt Hannes Meyer-Wieck; vor allem aber durch die kritischen Zwischenfragen der Senatsvorsitzenden Sost-Scheible deutete sich an: Das Urteil wird wohl keinen Bestand haben.

Auch Warshitsky hat es so empfunden. Er ist Webdesigner und kein Jurist, hat sich in den letzten Monaten aber „reichlich Wissen aneignen“ können. Ihm ist auch klar, dass er diesen Fall „natürlich ganz anders sieht als alle anderen“; die einzige Ausnahme sei sein drei Jahre älterer Bruder. 2001 verstarb ihre Mutter an Krebs. Am 1. Februar 2016 haben die beiden auch ihren Vater verloren.

"Hast Du mal mit Deinem Vater telefoniert?"

Maximilian Warshitsky hat noch jedes Detail in Erinnerung, wie er vom Tod des Vaters erfuhr - und diese Nachricht nicht wahr haben wollte. Da gab es am frühen Morgen des 1. Februar den Anruf eines Kollegen, der vorsichtig fragte, ob er schon Nachrichten gehört habe. „Hast du mal mit deinem Vater telefoniert? Da war am Kudamm so ein Unfall mit einem Toten, und einem Jeep.“

Er habe anschließend im Internet recherchiert, habe Fotos gesehen: das Wrack des Jeeps, größtenteils mit einer Plane verdeckt; aber die „extrem markante“ pinkfarbene Lackierung sei immer noch zu sehen gewesen. Trotzdem habe er es immer noch nicht glauben wollen, habe den Vater angerufen; erst auf dem Handy - „er ist sonst immer sofort ran gegangen, auch nachts“; dann auf dem Festnetztelefon. Und als der Vater den Hörer nicht abhob, habe er sich eingeredet, dass er „mit dem Hund draußen ist und das Handy vergessen hat“.

"Das heute Nacht, das war doch dein Vater..."

Er war dann zur Wohnung des Vaters in der Schöneberger Keithstraße gefahren. Im Hausflur standen Journalisten, die auf ihn zustürmten. Ein Nachbar kam ihm entgegen, sagte: „Das heute Nacht, das war doch dein Vater...“ Er weiß noch, wie er in die Wohnung lief und die Tür hinter sich zuschlug. Der Hund des Vaters sprang ihm entgegen; ein Yorkshire Terrier, der jetzt bei ihm lebt - „das ist das Lebendige, was mir geblieben ist“. Er weiß noch, dass der Anrufbeantworter blinkte und dass er, als er auf Wiedergabe drückte, die aufgeregte Stimme des Freundin seines Vaters hörte: „Mischa, wo bist du? Ich stehe vor deiner Tür!“

Warshitsky muss kurz wegschauen und schlucken, als er davon erzählt. Es ist für ihn wie eine Mission geworden, dass sein Vater nicht umsonst gestorben sein darf. Er hat verschiedene Vorstellungen: eine Gedenktafel an der Unfallstelle - „als ein Zeichen für alle Raser-Opfer und ihre Angehörigen“; einen Entschädigungsfond für Hinterbliebene, „der könnte gespeist werden aus Bußgeldern für Raser“. Er hat schon Strategien entwickelte, wie er das durchsetzen will. Er sucht Helfer. Es treibt ihn um.

"Das war für mich Terror auf der Straße"

An dem mehr als fünf Monate dauernden Prozess vor dem Moabiter Schwurgericht nahm Warshitsky als Nebenkläger teil: „Für meinen Bruder und mich.“ Der schlanke, groß gewachsene Mann hat schon während dieses Prozesses „begreifen müssen, dass es sich um eine äußerst komplizierte Rechtslage handelt“. Er habe juristische Termini wie „bedingter Vorsatz“ zur Kenntnis nehmen müssen, „die ich vorher noch nie gehört habe“. Das habe seine Meinung aber nicht geändert, sagte er. „Was die gemacht haben, war für mich Terror auf der Straße. Denen war doch alles egal. Für mich war es Mord.“ Als das Urteil fiel, sei er „im positiven Sinne fasziniert und begeistert gewesen, dass es auch bei den Richtern Mord hieß und nicht nur fahrlässige Tötung.“

Er hat auch lernen müssen, „damit umzugehen, dass Angeklagte vor Gericht nichts zu sagen brauchen. „Ich gehe davon aus, dass ihre Verteidiger ihnen das geraten haben, trotzdem habe er „dieses Schweigen empfunden, als ob mir jemand ins Gesicht spuckt“, sagt Warshitsky. Erst ganz zum Schluss hätten sie sich versucht zu entschuldigen. Zunächst habe Marvin N.s Verteidiger ein Statement verlesen „und dabei auch gleich noch dafür plädiert, dass seinem Mandanten der Führerschein zurückgegeben werden soll. Das fand ich schon fast obszön“, so Warshitsky. Der zweite Angeklagte Hamdi H. habe dann sogar selber gesprochen, in Richtung der Nebenklägerbank, und so was wie Reue gezeigt. „Ich habe ihm das abgenommen“, sagt Warshitsky. „Aber nur bis zur Urteilsverkündung.“ Hamdi H. war nach Verlesung des Urteilstenors trotz Ermahnungen des Richters aus Protest stehen geblieben. „Da war mir klar, seine Reue kann niemals ernst gemeint gewesen sein“, sagt Warshitsky. „Der hat nichts begriffen. Der hat das nur gesagt, um besser wegzukommen.“

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