Sozialbericht 2017

Jeder sechste Berliner ist von Armut bedroht

Immer mehr Menschen sind in Berlin armutsgefährdet, zeigt der neue Sozialbericht. Manche Gruppen sind besonders stark betroffen.

Jeder sechste Berliner ist laut Sozialbericht 2017 von Armut bedroht (Archiv)

Jeder sechste Berliner ist laut Sozialbericht 2017 von Armut bedroht (Archiv)

Foto: Sergej Glanze / Glanze

Berlin. In Berlin ist mehr als jedes fünfte Kind armutsgefährdet. Der Wert von 22,7 Prozent ist der höchste seit zehn Jahren. Das geht aus dem Regionalen Sozialbericht 2017 hervor, den das Amt für Statistik Berlin-Brandenburg und Susanne Gerull, Vertreterin der Landesarmutskonferenz, am Mittwoch vorgestellt haben. Der Anteil der armutsgefährdeten Bevölkerung insgesamt stieg auf 16,6 Prozent, so viele waren es zuletzt 2004. Bei den Über-65-Jährigen ist rund jeder Zehnte betroffen, dieses Niveau wurde zuletzt vor 20 Jahren erreicht.

Insbesondere Alleinerziehende und Familien mit drei und mehr Kindern leben in Berlin mit einem hohen Armutsrisiko. In diesen Gruppen beträgt der Anteil der Gefährdeten mehr als 30 Prozent. Als armutsgefährdet gelten Personen und Familien, denen weniger als 60 Prozent des mittleren Pro-Kopf-Einkommens der Gesamtbevölkerung zur Verfügung stehen. Wer mit weniger als 50 Prozent auskommen muss, gilt als arm. Durch eine einheitliche Anwendung dieser Definition in Europa kann das Maß der Armutsgefährdung in den einzelnen EU-Staaten miteinander verglichen werden.

Als Gesamtbevölkerung können die Statistiker entweder Berlin oder Deutschland heranziehen. Da die mittleren Einkommen in der Metropolregion Berlin-Brandenburg geringer ausfallen als im Bundesdurchschnitt, ist auch die Schwelle zur Armutsgefährdung niedriger. Im Bund liegt sie bei 969 Euro monatlichem Nettoeinkommen, in Berlin bei 922 Euro, in Brandenburg bei 923 Euro. Berlin liegt im Bundesvergleich weiterhin an viertletzter Stelle, größer ist das Armutsrisiko lediglich in Mecklenburg-Vorpommern, Bremen und Sachsen-Anhalt. Zieht man den Bundesmaßstab heran, wären sogar fast 20 Prozent aller Berlin er armutsgefährdet.

Mietbelastung bei sozial Schwachen besonders hoch

Der Regionale Sozialbericht wird seit 2012 alle zwei Jahre vom Amt für Statistik erstellt. Er gibt durch eine Fülle von Daten Aufschluss über die gesellschaftliche Integration der Menschen und ihre soziale Sicherheit. In der aktuellen vierten Ausgabe wurden erstmals auch Indikatoren betrachtet, die die Erwerbstätigkeit, die Wohnsituation und das Gesundheitswesen betreffen. 7,8 Prozent der Erwerbstätigen sind trotz ihres Lohns oder Gehalts armutsgefährdet. Bei den Vollzeitbeschäftigten liegt der Anteil bei 4,1 Prozent, bei den Teilzeitkräften beträgt er 17,8 Prozent. Auch über die Vereinbarkeit von Familie und Beruf sagt der Sozialbericht etwas aus. In Haushalten mit Kindern unter sechs Jahren sind 85,4 Prozent der Männer erwerbstätig, aber nur 62,1 Prozent der Frauen. Auch wenn die Erwerbstätigkeit in beiden Gruppen in den vergangenen zehn Jahren zugenommen hat, ist der prozentuale Abstand ungefähr gleich geblieben. In diesem Zeitraum haben sich also die traditionellen Muster der Erwerbstätigkeit kaum geändert.

Die Statistiker haben als neuen Indikator für soziale Belastungen auch den Anteil der Bruttokaltmiete am Haushaltsnettoeinkommen betrachtet. Demnach lag dieser Anteil in Berlin bei 26 Prozent, in armutsgefährdenden Haushalten indes bei 39 Prozent. In fast jedem zweiten dieser Haushalte gehen mehr als 40 Prozent des Einkommens für die Miete drauf. Bei nicht Armutsgefährdeten ist das nur bei neun Prozent der Mieter der Fall. Diese Werte basieren allerdings auf Daten von 2014, sie werden nur alle vier Jahre erhoben. Aktuell dürfte angesichts der Mietsteigerungen in den vergangenen Jahren die Belastungsquote höher ausfallen. Die anderen Daten im aktuellen Sozialbericht stammen von 2016.

Anteil der Hartz-IV-Empfänger in Reinickendorf gestiegen

Die Quote der armutsgefährdeten Menschen schwankt in Berlin zwischen den Bezirken sehr stark. In Neukölln, Mitte und Spandau waren 2016 weit mehr als 20 Prozent der Menschen betroffen, in Pankow hingegen nur 6,4 Prozent, in Steglitz-Zehlendorf und Treptow-Köpenick rund zehn Prozent. Betrachtet man den Anteil der Empfänger von staatlicher Mindestsicherung wie Hartz IV oder Hilfe zum Lebensunterhalt über die letzten zehn Jahre, werden Aufsteiger sichtbar. Vor allem in Pankow, Friedrichshain-Kreuzberg, Mitte und Neukölln ist der Anteil der Transferleistungsempfänger an der Gesamtbevölkerung stark gesunken. Lediglich in einem Bezirk ist der Anteil gestiegen: Reinickendorf.

Susanne Gerull, Professorin an der Alice-Salomon-Hochschule, sieht diese Entwicklung als Beleg der Gentrifizierung dieser Bezirke. Sie würdigte den Regionalbericht als die erste ressortübergreifende Darstellung, die einen ganzheitlichen Blick auf Armut und soziale Benachteiligung in Berlin wirft. Die Maßnahmen gegen Kinderarmut und zur Integration von Alleinerziehenden in den Arbeitsmarkt würden nicht greifen, stellte Gerull fest, die drohende Altersarmut von künftig weit mehr Betroffenen werde ebenfalls nicht aufgehalten. Hier sieht die Professorin vor allem den Bundesgesetzgeber in der Pflicht. So hätten etwa Hartz-IV-Empfänger nichts von einer Erhöhung des Kindergeldes, weil dieses auf ihre Leistungen angerechnet werde. Sie fordert eine Grundsicherung für Kinder, die unabhängig vom Einkommen der Eltern sein solle.

Gerull ist überzeugt, dass die soziale Ungleichheit in Berlin wächst. Dabei dürfe nicht nur betrachtet werden, ob sich Nettoeinkommen unterschiedlich entwickeln. Auch Gentrifizierungsprozesse und die steigende Mietbelastung ärmerer Bevölkerungsgruppen müssten berücksichtigt werden.

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