#KaltInBerlin

12 Stunden Berlin: Nachts auf der Straße bei –12 Grad

Auf -12 Grad sackten die Temperaturen. Reporter der Berliner Morgenpost erlebten die Nacht im Frost und berichteten live.

Herbert gibt einem Obdachlosen unter der Brücke vom S-Bahnhof Spandau Zitronentee. Einen Transport zu einer Unterkunft lehnt er bei -8,8 Grad ab

Foto: David Heerde

Berlin. Die Berliner Morgenpost will dokumentieren, wie Menschen ohne Zuhause unter der Kälte in Berlin leiden. Unsere Reporter waren in der Nacht an zahlreichen Orten der Stadt unterwegs. Zwölf Stunden lang haben wir berichtet, was in Bahnhöfen, den Straßen, unter Brücken und in anderen Zufluchtsorten passiert. Auf Twitter dokumentieren wir die Ereignisse unter dem Hashtag #kaltinBerlin.

Die Berliner Morgenpost spendet 50.000 Euro für die Obdachlosenhilfe

6.21 Uhr, +22 Grad: In wenigen Minuten geht die Sonne auf, um 6.55 Uhr. Hier in der Redaktion mit komfortablen 22 Grad im Büro denken wir an alle, die die Nacht in der Kälte verbringen mussten. Was denken Sie? Sagen Sie uns Ihre Meinung auf Facebook.

5.36 Uhr, 12 Grad: Wir sammeln hier einige ausgewählte Reaktionen auf unseren Twitter-Hashtag #KaltinBerlin:

5.22 Uhr, 12 Grad: Unsere Kollegin Uta Keseling ist weiter unterwegs.

4.52 Uhr, 12 Grad: Speziell für Straßenkinder gibt es eine Website, die beim Nötigsten weiterhelfen kann – Essen, Schlafen, Ärzte, Hygiene. Deutschlandweit, mit vielen Angeboten aus Berlin: Mokli-Help.

4.30 Uhr, 12 Grad: Wie gehen andere Städte mit Obdachlosen um? In Hamburg gelten für Obdachlose strengere Regeln als in Berlin: Der NDR berichtete, dass insbesondere Menschen aus Osteuropa​ dort nun kontrolliert werden, wenn sie einen Schlafplatz im Winternotprogramm haben möchten. Wenn im Pass eine Meldeadresse steht, zieht die Sozialbehörde daraus die Konsequenz, dass derjenige freiwillig obdachlos sei. Er verliert dann seinen Anspruch auf die Unterbringung und kann nachts lediglich in einer der Wärmestuben unterkommen, in denen für Besucher aber nur Stühle bereit stehen, keine Schlafplätze. Dortmund verteilt neuerdings Knöllchen an Obdachlose: Wer sein Lager in der Innenstadt aufschlägt, muss 20 Euro Straße zahlen, berichteten die "Ruhr Nachrichten" dieser Tage.

4.07 Uhr, 11 Grad: Das vielleicht krasseste Foto der Nacht. "Die dürfen da bleiben, solange sie sich benehmen", sagte eine Mitarbeiterin. Lesen Sie hier auch Reaktionen auf Twitter zu dem von uns generierten Hashtag #KaltinBerlin.


3.25 Uhr, 11 Grad: Die jüngste Prognose lautet, dass es in den nächsten Stunden noch einen Grad kälter, –12 Grad, in dieser Nacht wird. Also nicht ganz so schlimm, aber wann beginnt schlimm? Wir ändern am Morgen unsere Überschrift zu diesem Artikel. Sonnenaufgang ist um 6.55 Uhr. Aber am Mittwoch und Donnerstag drohen für Berlin erneut Tiefsttemperaturen bis zu –9 Grad. Zum Wetter der Morgenpost.

3.12 Uhr, 11 Grad: Unsere Reporter kehren teilweise in die Redaktion zurück. Einer der Eindrücke:

2.42 Uhr, 11 Grad, Facebook. Dieter Puhl, Leiter der Bahnhofsmission am Zoo, schrieb heute Nacht in dem sozialen Netzwerk:

„Einer liest in der Bibel, freiwillig, einige essen noch, die Essensausgabe, fast alle Gäste kamen herein und wärmten sich auf, verlief friedlich und tiefenentspannt, es sind genügend Helfer da, Stefanie und Philipp haben alles wunderbar im Griff, einige werden wohl bleiben, weitere kommen vielleicht hinzu, auch die Hunde unserer Gäste wurden durch die Berliner Tiertafel e.V. versorgt, einer geht heute noch mehrfach um den Pudding, um einzuladen, mal schauen ob und wie hier alle zur Ruhe kommen.
Eine Mütze Schlaf tut gut.
Vor der Tür ist es eisig und das ist der Erfolg, niemand steht dort und friert.
Okay, etwas Wahnsinn, warum bringt man sehr, sehr beeinträchtigte Menschen zu uns und nicht gleich in das Krankenhaus?
Etwas Wärme.
War bislang ein guter Abend.
Immerhin für einige.“

2.22 Uhr, 11 Grad: Szenen aus der Nacht. Wer helfen will, findet auf der Seite der Kältehilfe Berlin ein Spendenformular. Das Programm wurde 1989 von Berliner Kirchengemeinden und Wohlfahrtsverbänden und von der Senatsverwaltung ins Leben gerufen.

2.00 Uhr, 11 Grad: Im McDonald's in der Friedrichstraße gehen die Lichter aus, der Boden wird gewischt. Hierhin verirrt sich heute niemand mehr.

1.45 Uhr, 11 Grad: Unsere Reporter wärmen sich mit Tee und Kaffee im McDonald's am Hauptbahnhof etwas auf. Ein Kollege hat unterwegs seine Handschuhe verloren.

1.20 Uhr, 11 Grad: Die Stadt wirkt wie ausgestorben, berichtet einer unserer Reporter. Am Kudamm ist nur noch wenig los. Unterwegs sind wir unter anderem zum U-Bahnhof Schillingstraße und zum Hauptbahnhof.

1.01 Uhr, 11 Grad: Eine Gruppe Rumänen hat sich nahe der Weserstraße an einem Supermarkt unter Plastikplanen verkrochen. Für den Wärmebus war das die letzte Station.

0.52 Uhr, 11 Grad: An einigen Stationen in Berlin werden aktuell Temperaturen von –11 Grad gemessen, etwa bei Kachelmannwetter. Ein anderer Dienst, wetter.de, nennt aktuell eine sogenannte gefühlte Temperatur von –22 Grad. Das ist die wahrgenommene Umgebungstemperatur, die etwa durch Wind für ein kälteres Empfinden sorgt.

0.42 Uhr, 10 Grad: Der Wärmebus macht eine Überstunde, um noch nach einem Lager in Neukölln zu schauen. Dort sollen mehrere ältere Leute sein, denen es schlecht geht.

0.35 Uhr, 10 Grad, Zoo: In der Bahnhofsmission am Zoo hat seit Mitternacht zum ersten Mal das Nachtcafe geöffnet. Elf Menschen ohne Wohnung sitzen bei Kaffee und Tee zusammen. Ein ehrenamtlicher Helfer dreht im Freien seine Runden, spricht Obdachlose unter den Brücken an und macht sie auf das Angebot des Nachtcafés aufmerksam.

0.27 Uhr, 10 Grad: Die meisten Notunterkünfte haben mittlerweile geschlossen. Wer jetzt noch eine warme Schlafstelle sucht, muss zur Stadtmission in die Lehrter Straße (Moabit) nahe dem Hauptbahnhof.

0.13 Uhr, 9 Grad: Wärmebusfahrer Herbert Szukalsky war am Dienstagmorgen zu Gast in der Elizabeth-Shaw-Grundschule. Drei fünfte Klassen hatten viele Fragen zum Thema Obdachlosigkeit - und haben mehr als 300 Euro bei einem Basar eingenommen und für den Wärmebus gespendet.

23.32 Uhr, 8 Grad: Wer bei der Kälte nicht im Freien sein will, kann ins Nachtcafé der Bahnhofsmission kommen. Es ist eine Premiere: 30 Plätze im Warmen. Öffnet um Mitternacht.

23.16 Uhr, 8 Grad: Der offenbar psychisch erkrankte Mann geriet vor wenigen Minuten vor der Bahnhofsmission in eine Schlägerei. Platzwunde am Kopf. Krankenhaus. "Manchmal geht Jesus merkwürdige Wege", sagt Dieter Puhl.

23.05 Uhr, –8 Grad: Eingekotet und offenbar psychisch erkrankt, vermutlich auch an ansteckenden Krankheiten leidend, aus dem Krankenhaus abgehauen, wird ein 60 Jahre alter Mann von der Polizei aufgegriffen und bei der Bahnhofsmission abgeliefert. "Warum kommt die Polizei zu uns? Warum bringt sie so einen Mann nicht in ein Krankenhaus zurück?", fragt sich Dieter Puhl, Leiter der Bahnhofsmission. "Wir helfen gerne, aber wir können doch nicht alle gesellschaftlichen Aufgaben übernehmen." Der Mann kann später duschen und wird neu eingekleidet. Dann werde man weitersehen, sagt Puhl. Gegebenfalls muss er in der Nacht wieder in ein Krankenhaus.

22.51 Uhr, –9 Grad, Spandau: Zitronentee für einen Bulgaren, unter der Brücke vom S-Bahnhof in Spandau.

22.35 Uhr, –8 Grad, Lehrter Straße: In der Notunterkunft in der Lehrter Straße liegen bei manchen die Nerven blank. Das Thermometer zeigt –8 Grad. Ein Mann will rein, hat Hausverbot, bespuckt und beschimpft einen Sicherheitsmann. Simon Mallow von der Stadtmission erklärt: „Es gibt drei Tabus hier: Drogen, Alkohol, Gewalt.“ Wer sich nicht daran hält, muss draußen bleiben. Je kälter, desto aggressiver sei die Stimmung. Aber nicht nur für die Obdachlosen sind die Frostnächte eine Härteprobe. Eine Helferin berichtet, sie arbeite jetzt seit 24 Stunden.

22.26 Uhr, –7,9 Grad, Bahnhof Wedding: Vor dem Bahnhof liegt ein Mann. Er lehnt Hilfe ab.

22.01 Uhr, –7 Grad. Unsere Reporterin Uta Keseling hat ein trauriges Wiedersehen mit einem Mann, den sie vor vier Jahren schon einmal für die Morgenpost interviewt hat. Er wartet noch immer auf eine Wohnung – und schläft bis heute in einem Bahnhof.

21.32 Uhr, –7 Grad: Der Kältebus der Stadtmission ist mit zwei Fahrzeugen bis 3 Uhr am Morgen im Einsatz. Er war in den vergangenen Nächten mit jeweils bis zu 150 Anrufen völlig überlastet – und hat nun ein Notsignal gesendet: Bitte nur anrufen, wenn es anders nicht geht! Tipps, wie man am besten helfen kann, gibt es auf der Kältebus-Facebook-Seite.

21.22 Uhr, –7 Grad, Friedrichshain: Jochen (31) lebt seit ein paar Tagen unter der Brücke an der Koppenstraße in Friedrichshain. Er ist zufrieden und nennt seinen Schlafplatz "seine Wohnung" . In eine Notunterkunft möchte er nicht. Er ist seit Jahren obdachlos. Tagsüber läuft er durch die Stadt, abends kehrt er unter die Brücke zurück.

21.21 Uhr, –7 Grad, Zehlendorf: Blackout in Berlins Südwesten. In Teilen von Zehlendorf und Lichterfelde ist am Dienstagabend der Strom ausgefallen.

21.01 Uhr, –7 Grad, Flughafen Tempelhof: Die Notunterkunft der Kältehilfe in den Hangars des Flughafens Tempelhof füllt sich langsam. An die 40 Obdachlose sind schon da. Insgesamt gibt es 200 Pritschen – im Hangar 4 schlafen die Männer, in Hangar 3 Frauen und Paare. Zum Aufwärmen gibt es Kartoffelsuppe, Tee und gespendete Kleidung. Alkohol muss draußen bleiben.

20.55 Uhr, –7 Grad, Lichtenberg: Unsere Reporterin gibt eine Bitte der Wärmebusbesatzung weiter. Wenn Obdachlose nicht mehr ansprechbar sind, nicht mehr aufstehen können, erkennbar krank sind: bitte den Notruf 112 wählen, nicht den Kälte- oder Wärmebus.

20.32 Uhr, –6,9 Grad, Flughafen Tempelhof: Die Notunterkunft im Hangar 4 öffnet ihre Türen.

20.25 Uhr, –7 Grad, Ostbahnhof: Die Straßen rund um den Ostbahnhof sind wie leer gefegt. Offenbar haben sich die Menschen ohne Wohnungen wärmere Orte gesucht, wenn möglich. Einige der Obdachlosen sitzen im Bahnhof im Vorraum der Supermärkte, andere stehen in Gruppen in der Tiefgarage zusammen und trinken ihr Bier. Deutsch spricht hier keiner.

20.06 Uhr, –7 Grad: Das Telefon des Wärmebusses klingelt ununterbrochen – allein in der ersten Stunde, in der er unterwegs ist, mehr als 20 Mal.

19.30 Uhr, –6 Grad, Charlottenburg. In der Bahnhofsmission an der Jebensstraße sitzt ein junger Mann barfuß und mit freiem Oberkörper an einem Tisch. So läuft er seit Jahren durch die Stadt. Heute hat er um ein Fußbad gebeten. Die ehrenamtlichen Helfer und Mitarbeiter bereiten die Essensausgabe um 22 Uhr vor.

19.28 Uhr, –6 Grad, Bahnhofsmission: Dieter Puhl von der Bahnhofsmission schätzt, dass heute Nacht 4000 bis 5000 Menschen im Freien schlafen werden. Es würden 1200 Plätze in Notunterkünften bereit stehen. So viele, wie noch nie.

19.16 Uhr, –6 Grad: Wie viele Menschen in Berlin auf der Straße leben, kann nur geschätzt werden. Experten schätzen die Zahl auf bis zu 6000, Tendenz steigend. In diesem Winter stellt die Kältehilfe 1100 Not-Schlafplätze für den Winter zur Verfügung, diese Woche kamen noch einmal 100 dazu: im Hangar III des ehemaligen Flughafens Tempelhof, wo nun insgesamt 200 Menschen nachts der Kälte entkommen können.

18.59 Uhr, –6 Grad, Joseph-Haydn-Straße. Helfer sprechen einen Obdachlosen an.

18.49 Uhr, –6 Grad: Am Zoo startet Herbert, geht auf Tour mit der Kältehilfe.

18.25 Uhr, –5 Grad, Bachestraße. Das Deutsche Rote Kreuz verschickt eine Pressemitteilung: Wegen der großen Kälte verstärkt der Verband sein Angebot in der Kältehilfe. Zusätzlich zum DRK-Wärmebus, der täglich von 18 bis 24 Uhr in Berlin unterwegs ist, werden in besonders kalten Nächten Ehrenamtliche mehrere Kreisverbände mit zusätzlichen Wärmebussen Wohnungslose mit wärmende Decken und Bekleidung sowie heißen Getränken versorgen. Der Wärmebus ist unter Tel. 0170-9100042 erreichbar.

18 Uhr, –5 Grad, Berlin, Kurfürstendamm 22. Die Berliner Morgenpost will dokumentieren, wie viele Menschen, die kein Zuhause haben, unter der Kälte in Berlin leiden. Unsere Reporter sind an zahlreichen Orten der Stadt unterwegs. Zwölf Stunden lang berichten wir, was in Bahnhöfen, den Straßen, unter Brücken und in anderen Zufluchtsorten passiert. Auf Twitter dokumentieren wir die Ereignisse unter dem Hashtag #kaltinBerlin.

Wenn die Kältehilfe mit dem Lastenrad kommt

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