Flüchtlingsprojekt

Syrische Bouletten im "Kreuzberger Himmel"

Das Restaurant „Kreuzberger Himmel“ wird von Geflüchteten gemacht. Unterstützt werden sie vom Verein "Be an Angel". Ein Erfolgsmodell.

Drei aus dem Team im „Kreuzberger Himmel“: Dia Monawar, Andreas Tölke, Vorsitzender des Verein „Be an Angel" und Yazan AlBaour (v.l.)

Drei aus dem Team im „Kreuzberger Himmel“: Dia Monawar, Andreas Tölke, Vorsitzender des Verein „Be an Angel" und Yazan AlBaour (v.l.)

Foto: Ricarda Spiegel

Berlin. Am Anfang stehen die Auberginen. Ohne sie geht nichts, nicht im Himmel und nicht auf Erden, vor allem aber: nicht im „Kreuzberger Himmel“, dem zurzeit wohl ungewöhnlichsten Restaurant Kreuzbergs. Serviert wird hier gehobene syrische Küche, der Gastraum neben der St.-Bonifatius-Kirche an der Yorckstraße ist frisch erneuert und elegant gestaltet.

Das Besondere aber sind die jungen Leute, die zwischen Küche und Tresen hin- und herwuseln: Köche, Barleute und Bedienungen stammen aus Syrien, Afghanistan oder Pakistan, sie sind als Geflüchtete nach Deutschland gekommen. Mittendrin: Andreas Tölke, Journalist und Gründer des Vereins „Be an Angel e.V.“, der sich seit 2015 für die Integration von Geflüchteten engagiert – und neuerdings Leiter des wohl außergewöhnlichsten Restaurants in Kreuzberg ist.

Ein Profi-Restaurant mit geflüchteten Menschen? Kann das funktionieren? Andreas Tölke sitzt mit dem Handy am Tisch, versucht, den Überblick zu behalten und sagt: „Ja.“ Tölke, 56 Jahre alt, ist – oder war – Journalist. Bis zum Sommer 2015 drehte sich sein Leben um gutes Design. Er jettete für „Elle Decoration“ und andere Designmagazine um die Welt, traf Größen wie Jeff Koons. Sein Freundeskreis ist ein Who-is-Who aus Künstlern, Designern, Medienleuten, Schauspielern.

Während Tölke aus seinem ersten Leben erzählt, schreibt er an der Einkaufsliste des Tages. Fragt: „Wo sind eigentlich die Sachen für das Kibbeh?“ Notiert zehn Kisten Auberginen – am folgenden Tag steht die Premierenfeier des Berlinale-Films „Eldorado“ an. 120 Gäste werden erwartet.

Zur Eröffnungsfeier waren schon Berlinale-Stars hier

Auch zur Eröffnungsfeier des Restaurants Mitte Februar waren schon Berlinale-Stars hier. Kurz danach ließ sich Starkoch Kolja Kleeberg die „Kibbeh“ erklären, was die syrischen Köche als „syrische Bouletten“ übersetzen. Eine Untertreibung, denn die zarten Küchlein sind mit Lammhack, Granatapfelkernen und Nüssen gefüllt. Syrische Wundertüten würde besser passen.

Auf der Karte, die die Köche selbst entwickelt haben, stehen Vorspeisen wie Baba Ganoush aus Auberginen, Joghurt und Granatapfel oder „Maqlooba“ (Reis, Auberginen, Lamm), das in einem Topf zubereitet und zum Servieren auf den Kopf gestellt wird. Im „Kreuzberger Himmel“ kommt es liebevoll angerichtet auf den Tisch. Es soll ebenso gut aussehen wie schmecken, das ist wichtig.

Denn der „Kreuzberger Himmel“ soll kein Ort sein, in dem es um Mitleid geht oder politischen Anspruch. Durch die hohen Fenster sieht man im Gastraum keine „Refugees-Welcome“-Fahnen, sondern elegante Bocci-Leuchten, die im Raum schweben wie kleine Monde. Der Kreuzberger Himmel ist sozusagen Phase zwei der Integration. Die konkrete Umsetzung jenes Wortes, das im politischen Betrieb zur Floskel verkommen ist: Die Integration von Menschen, die vor Verfolgung und Krieg geflohen sind, oft Unvorstellbares erlebt haben und immer noch erleben.

Auch die neun Köche, Bedienungen und Aushilfen im Restaurant sind „Geflüchtete“, und auch wenn sie selbst dieses Etikett nicht mehr mögen. Der „Kreuzberger Himmel“ ist für sie eine Chance zur Rückkehr in ein Leben mit Alltag und Zukunft. „Es ist unglaublich, wie ernst sie ihre Aufgaben nehmen“, sagt Tölke. Was auch für ihn selbst gilt, der zwar als Student mal in der Münchener Bar „Größenwahn“ gejobbt hat, aber weiter keine gastronomische Erfahrung mitbrachte.

Als Journalist arbeitete er sich binnen kurzer Zeit tief in die Materie ein, die viel mehr bedeutet als „nur“ gutes Essen. Anträge, Verordnungen, Hygienevorschriften – er verdreht die Augen – sogar die Filznoppen unter den Stühlen entsprechen der Forderung des Umweltamtes. „Lärmschutz“, sagt Tölke lakonisch und schiebt auf dem Tisch jene Unterlagen zusammen, von denen tatsächlich Schicksale abhängen. Ausbildungsverträge, Aufenthaltsgenehmigungen, Asylanträge. So einfach das Wort Integration auch klingt, „jeder Fall ist anders und leider ist keiner unkompliziert“.

Ohne Unterlagen, dafür mit Traumata

Die Köche, zum Beispiel, die in der Küche jetzt Zwiebeln und Auberginen schnibbeln, Geflügel und Lamm zerlegen: Othman Achiti (44) hatte in Syrien ein eigenes Restaurant, leitete in Saudi-Arabien im „Intercontinental“ 36 Mitarbeiter an – im „Kreuzberger Himmel“ ist er nur als Küchenhilfe angestellt, ebenso wie Koch Nour Aldeen (36). Wer zu Fuß und in Schlauchbooten vor dem Krieg fliegt, hat am Ende keine Unterlagen mehr dabei, um eine Ausbildung bei der IHK anerkennen zu lassen.

Was die Menschen mitbringen, sind statt dessen oft Traumata aus dem Krieg. Ein Küchenjob kann nichts ungeschehen machen, aber helfen, damit zu leben. Sarohja (39) aus Afghanistan zum Beispiel arbeitet seit einem Monat in der Küche. „Ich will nicht immer zu Hause sitzen und an mein vergangenes Leben denken“, sie lächelt traurig. Sarohja floh mit ihren Kindern, heute 18 und 20. Ihr Mann wurde von Taliban erschossen, vor ihren Augen.

Jeder und jede im „Kreuzberger Himmel“ hat eine Geschichte, sagt An­dreas Tölke. Es sind Erfahrungen, von denen Tölke höchstens ahnte, als er im Sommer 2015 spontan erstmals fünf Geflüchtete bei sich aufnahm. „Als damals die Lage am Lageso eskalierte, als Abend für Abend Hunderte Menschen unter freiem Himmel schliefen, habe ich Freunde angerufen, die sich schon am Lageso engagierten und gesagt, „schickt mir vier Leute, ich habe Platz“.

Nach einem halben Jahr waren es rund 400 Menschen, die bei Tölke ein- und wieder ausgegangen waren. Und sein Leben hatte komplett gedreht. Sie gründeten den Verein „Be an Angel“ und suchten Unterkünfte, mieteten Wohnungen an, organisierten Hostelplätze, warben über die sozialen Netzwerke weitere spontane Gastgeber. Wer dem nachkam, wurde von Tölke auf Facebook belohnt: „Ein Pfund Liebe!“

Beratung und Restaurant in einem

Wenn es gelang, eine Wohnung zu vermitteln, erzählt Tölke, „wurden wir oft zum Essen eingeladen. Wir waren begeistert von der syrischen, afghanischen, pakistanischen Küche“. Als die katholische St.-Bonifatius-Gemeinde den „Kreuzberger Himmel“ an der Yorckstraße neu ausschrieb – zuvor war es ein Projekt, bei dem Pfarrer hinterm Tresen standen – bekam „Be an Angel“ für sein Konzept den Zuschlag.

Drei Monate haben sie das Servieren geübt, die Karte gestaltet, Fragen nach Höflichkeit und Etikette diskutiert – und sich geeinigt, dass schwarze Hemden für Restaurant-Bedienungen eleganter sind als weiße. Nun sind die Tische Abend für Abend voll, das Publikum gemischt, jung und alt, Kreuzberger Öko neben Designer-Berliner. Es duftet nach Gewürzen und Minze, und wenn alles läuft, verschwindet Tölke im Hinterzimmer, um weitere Menschen zu beraten, die Jobs, Wohnungen und eine Zukunft suchen.

Kreuzberger Himmel, Yorckstraße 89, 10965 Berlin, Do.–So. ab 17 Uhr, Hauptgerichte ab 11,90 Euro, Reservierungen: quandoo.de

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