Keibelstraße

Umbau des DDR-Polizeigefängnisses hinterlässt Schäden

Das ehemalige DDR-Polizeigefängnis Keibelstraße in Mitte wird zum „außerschulischen Lernort“ umgestaltet – ohne Rücksicht auf Verluste.

Der Blick von oben auf die Glasbausteine im Innenhof des ehemaligen Polizeigefängnissen Keibelstraße. Vieles ist hier noch erhalten

Der Blick von oben auf die Glasbausteine im Innenhof des ehemaligen Polizeigefängnissen Keibelstraße. Vieles ist hier noch erhalten

Foto: dpa Picture-Alliance / Marcel Mettelsiefen / picture alliance / dpa

Berlin. Wer als Häftling zu DDR-Zeiten das Untersuchungsgefängnis der Volkspolizei an der Keibelstraße betrat, hatte sicherlich Angst. Die Architektur des Ortes verstärkte diese Furcht. Im Erdgeschoss fensterlose Arrestzellen, nur an der Decke des langen Flures waren Glasbausteine eingelassen. Schemenhaft konnte man von dort unten Menschen im ersten Stock erkennen. Andere Häftlinge, Bewacher. Eine ungute Vorahnung, dass dort oben noch mehr ist.

Wer allerdings aktuell über das Erdgeschoss ins ehemalige Polizeigefängnis Keibelstraße eintritt, wird diesen Eindruck nicht mehr nachempfinden können. Denn statt auf Glasbausteine blickt man nun auf eine Zwischendecke, typischer Trockenbau. Aus Brandschutzgründen, heißt es bei der Berliner Immobilienmanagement GmbH (BIM), hätte man die Glasbausteine von unten „einkoffern“ müssen. Und auch andere Dinge wurden im Erdgeschoss baulich verändert. In der gefürchteten „Tigerzelle“, die besonders eng war und mit einem Gitter verschlossen, drängen sich nun Sicherungskästen an der Zellenwand. Hier ist offenbar jetzt die Elektrozentrale des Hauses. Und zwei ehemalige Arrestzellen wurden vor Kurzem regelrecht zugemauert, damit dahinter Duschen entstehen konnten. Was ist hier los?

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Aus finanziellen Gründen wird nur die erste Etage genutzt

Die Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie möchte aus dem ehemaligen Polizeigefängnis Keibelstraße einen „außerschulischen Lernort“ machen, der noch dieses Jahr eröffnen soll. Das bietet sich an, grenzt doch das Gefängnis unmittelbar an die Schulverwaltung. Die Beamten haben ihr Quartier nämlich dort bezogen, wo früher das Präsidium der Deutschen Volkspolizei war. Zwischen 1949 und 1951 baute die Vopo-Führung nebenan das Untersuchungsgefängnis, es gibt bis heute einen direkten Übergang zwischen Verwaltung und der alten Haftanstalt. Ein Gefängnis, wie aus einem Hollywoodfilm. Die verunsicherten Häftlinge im Erdgeschoss hatte beim Blick durch die Glasbausteine die richtige Ahnung beschlichen – über ihnen, im ersten Stock, eröffnete sich ein beeindruckender, beängstigender Innenhof. Von einem Punkt aus ist dort das ganze Gefängnis überblickbar. Panoptikum-Architektur.

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Weil das Geld bei der Senatsverwaltung für Bildung knapp und der Aufwand, so ein ganzes ehemaliges Gefängnis zugänglich zu machen, groß ist – die Treppen sind steil, die Geländer niedrig – , beschloss man, nur den ersten Stock zum Lernort umzuwandeln. Das Erdgeschoss spielt also im Konzept keine Rolle. Und so konnte die BIM dort unten ungebremst umbauen – für den Bau-Dienstleister der Stadt stehen Brandschutzfragen und Fluchtwege ganz oben auf der Agenda. Deshalb wurden die Glasbausteine „eingekoffert“, heißt es jetzt von der BIM. Das Erdgeschoss der Keibelstraße, es ist jetzt kein historischer Ort mehr, sondern ein Fluchtweg. Die Firmen, die von der BIM beauftragt wurden, haben ihre Arbeit also formal korrekt ausgeführt. Allerdings auf Kosten der historischen Bausubstanz.

Eine Etage höher, wo jetzt der eigentliche Lernort entsteht, lief es nicht besser. In vielen Zellen wurden moderne Steckdosen eingebaut – schließlich will die Leipziger Agentur Kocmoc, die den Lernort für Schüler bespielt, viel mit Multimedia arbeiten. Dass die Zellen zu DDR-Zeiten ausdrücklich keine Steckdosen hatten, weil man verhindern wollte, dass sich Häftlinge mit einem Stromschlag umbringen konnten, spielt keine Rolle mehr. Die grellweißen modernen Dosen wurden einfach in die Wände gehauen. Ohne Rücksicht auf die Aura des Ortes.

Bei der Agentur Kocmoc verteidigt man das Multimedia-Konzept. Damit erreiche man die Schüler, sagt Jan Wünsche, der für die Ausstellung verantwortlich ist. Und betont, man sei nur für die erste Etage zuständig. Dass sich eine Etage darunter, im Erdgeschoss, fensterlose Arrestzellen befanden, hört er zum ersten Mal. Nicht überraschend – dreht sich ihr Konzept des „Lernort Keibelstraße“, so wie es im Wettbewerb vorgestellt wurde, doch weniger um die Keibelstraße als um DDR-Geschichte allgemein. 17. Juni 1953, Bau der Mauer, Weltfestspiele der Jugend 1973 und 1989 werden hier mit viel Tamtam thematisiert. Der Ort selbst? Er dient mehr als Kulisse, als dass er im Zentrum steht.

Moderne Lampen, die Leitungen grob über Putz

Womöglich achtet deshalb keiner richtig darauf, wie grob jetzt Veränderungen am Bau vorgenommen werden. Moderne Lampen auf unschönen Metallschienen, Leitungen über Putz. Die Treppen, die in die oberen Stockwerke führen, sind wie ein Vorgarten mit billigem Gitter eingezäunt. Damit kein Schüler dort hochgeht. Wünsche weist darauf hin, dass schon vorher im ersten Stock viel verändert wurde. „Es gibt Zellen, die komplett falsch sind“, sagt er.

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In den 90er-Jahren, als das Gefängnis brachlag, wurden hier Filme gedreht. „Männerpension“ und „Good Bye, Lenin!“ sind darunter. Dabei wurden einige Zellen neu gestrichen. Das weiß auch Tom Sello, der Berliner Landesbeauftragte zur Aufarbeitung der DDR-Diktatur. Er ist ein Experte für die Keibelstraße, hat die Senatsverwaltung für Bildung zum Lernort ermuntert. Er weiß von der Komplexität des Ortes. „Am originalsten ist die fünfte Etage“, sagt er. In vielen Stockwerken seien verschiedene Schichten der Nutzungsgeschichte zu sehen. So wurde das Gefängnis Keibelstraße in den 90er-Jahren eine Weile als Abschiebeknast benutzt, deshalb fänden sich im sechsten Stock kyrillische und vietnamesische Schriften an den Wänden.

Über die Bilder, die er jetzt vom Umbau gesehen hat, ist er nicht glücklich. „Es muss darauf geachtet werden, dass nicht noch mehr an historischer Sub­stanz zerstört wird“, mahnt er. Doch die Schäden, die jetzt schon beim Umbau entstanden sind, sind groß. In der Hauptverantwortung steht da die Senatsverwaltung für Bildung. Sie ist der Auftraggeber für die Sanierung, sie hat das Konzept der Agentur abgesegnet, sie sagt auch der BIM, was zu tun ist. Dort erklärt man, die Sanierungen seien vom Denkmalschutz genehmigt.

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