Berlin

Der Spagat zwischen Kindern und Karriere

Grünen-Politiker Benedikt Lux ist vierfacher Vater, er will kürzertreten. Elternzeit ist für Abgeordnete jedoch nicht erlaubt.

Benedikt Luxim Kreise seiner Familie

Benedikt Luxim Kreise seiner Familie

Foto: Amin Akhtar

„Hauptsache das wird nicht wie bei Wolfgang Bosbach“, sagt Benedikt Lux irgendwann mitten im Gespräch. Der frühere CDU-Bundestagsabgeordnete und Talkshow-Dauergast Bosbach hatte einst erklärt, nie auf einem Elternabend seiner drei Töchter gewesen zu sein. Vierfach-Papa und Grünen-Politiker Benedikt Lux graut es davor, im Alter ähnlich zurückblicken zu müssen. Nach der Geburt seiner beiden Zwillingstöchter Greta und Emilia im Oktober 2017 hat sich der 36-Jährige deshalb entschlossen, für einige Monate kürzerzutreten. Benedikt Lux geht in „parlamentarische Elternzeit“, wie er sagt. Das ist als Politiker nicht ganz einfach, der Erwartungsdruck ist hoch, überall präsent zu sein. Lux will trotzdem einen Weg finden: „Ich will mich transparent machen, erklären, warum ich jetzt ein halbes Jahr etwas abtauchen muss.“

Rückblick: 25. August 2017, Sommerfeld, nördlich von Berlin. Innenpolitiker Lux ist mit seinen Fraktionskollegen auf einer Klausurtagung. Er steht gerade vom Frühstückstisch auf, als sein Handy klingelt: Seine schwangere Frau ist dran. Eine Frühgeburt der Zwillinge droht. In der 21. Woche. Lux ist erschüttert. „Das war viel zu früh.“ Er reist sofort ab. Fraktionskollegen rufen ihm ein Taxi, damit er in seine Wohnung in Steglitz zurückkommt, sich um Sohn Jannick (4) und Tochter Marie (6) kümmern kann. „Ich habe die beiden dann erstmal eingepackt, und wir haben etwas Schönes unternommen“, sagt Lux. Acht Wochen konnten die Ärzte die Geburt der Zwillinge noch herauszögern. „Wegen der frühen Zeit war das ein hohes Risiko, unsere ganze Familie war am Limit“, sagt er heute.

Lux lehrt an der Hochschule

Lux merkte damals, dass er nicht weiterarbeiten konnte wie bisher – 60 Stunden in der Woche waren keine Seltenheit. Der Rechtsanwalt ist innenpolitischer Sprecher seiner Fraktion, unterrichtet zudem junge Polizisten an der Hochschule für Wirtschaft und Recht. Freie Wochenenden gibt es selten, dazu die ständige Erreichbarkeit für Parteikollegen und Journalisten. Schwer vereinbar damit, der sorgende Vater von vier kleinen Kindern zu sein. Doch wo es in anderen Berufsrichtungen geregelte Elternzeitmodelle gibt, muss Lux sich vor Parteifreunden und Wählern rechtfertigen, wenn er kürzertreten will: Denn anders als Arbeitnehmer können Abgeordnete nach einer Geburt nicht einfach zu Hause bleiben, um sich um ihre Kinder zu kümmern. Ihr Mandat ist an ihre Person gebunden, sie können nicht durch jemanden ersetzt oder vertreten werden. 2007 entschied das Bundesverfassungsgericht, dass eine Elternzeit für Abgeordnete grundsätzlich nicht möglich sei.

Deshalb hat Lux die Idee zu seiner „parlamentarischen Elternzeit“, wie er das nennt. Auf etwa 30 Stunden in der Woche hat er sich deshalb seit Ende August vergangenen Jahres reduziert. „Ich will die beiden älteren verlässlich zur Schule bringen und auch wieder abholen“, sagt er. Zu den Ausschuss- und Plenarsitzungen geht Lux weiterhin – das muss er. Denn schwänzt er die, müsste er sogar Strafe zahlen. Aber es fallen Abendtermine weg, Bürgergespräche, Vernetzungstreffen.

Eine Umstellung, den Tag nach den Kindern zu planen

Statt morgens gleich in sein Büro im Preußischen Landtag zu fahren, vor Ausschusssitzungen Akten zu wälzen, bringt er nun täglich seine Tochter Marie zur Schule. Lux, der bereits einen Marathon lief, macht Laufschule mit ihr auf dem Weg. Hopserlauf, Kniehebellauf. Vater-Tochter-Zeit. Aber eine Umstellung sei das schon gewesen für ihn, den Tag nach den Kindern zu planen, nicht nur seinen Kalender im Kopf zu haben, sondern auch ihren. In den ersten Tagen habe er hin und wieder Termine verschwitzt. „Captain Chaos halt“, erzählt er.

Bereits mit 31 wurde Lux parlamentarischer Geschäftsführer seiner Fraktion. Als sein Sohn Jannick vor vier Jahren geboren wurde, hatte Lux das Gefühl, nicht genug zu Hause zu sein, etwas zu verpassen. Ob er das bereut? „Ich sehe das so, dass ich das jetzt aufhole“, sagt er. Je größer die Familie wurde, desto größer wurde der Wunsch, seine Zeit neu einzuteilen, sie häufiger mit seiner Frau zu verbringen, die als Lehrerin arbeitet, und den Kindern.

Die Familie soll nicht zu kurz kommen

Wenn die beiden Jüngsten in ein paar Monaten aus dem Gröbsten raus sind, will Lux wieder ganz einsteigen in die Politik. Denn der Steglitzer Grünen-Mann hat den Anspruch, den Spagat zu schaffen zwischen Kindern und Karriere. Seine Pläne: „Ich will in meinem Wahlkreis für die Grünen so richtig was rocken – da haben bei der letzten Wahl nur 400 Stimmen zum Sieg gefehlt“, sagt er. Allerdings möchte er das in Zukunft schaffen, ohne die Familie zu vernachlässigen. „Mit vier Kindern kann ich abends nicht immer erreichbar sein oder sonntags – ich kann mir nicht die kompletten Tage zukloppen.“ Einfach wird das nicht. Auch Parteifreunde und Wähler haben hohe Erwartungen. Ein Beispiel: Vor einigen Jahren verkündete Sigmar Gabriel, damals Wirtschaftsminister, stolz, einmal pro Woche seine Tochter von der Kita abzuholen. Was folgte, war nicht etwa Lob, dass er seine Frau entlaste, sondern eine Dienstaufsichtsbeschwerde eines Mitarbeiters einer Bundesbehörde: Gabriel verletze seine Amtspflichten. Fälle wie dieser zeigen, wie schwierig es ist, Politik und Familie zueinander zu bringen – für Mütter genauso wie für Väter.

Benedikt Lux sagt, dass er viele Väter kenne, die sich mehr an der Erziehung ihrer Kinder beteiligen wollen. Lux will nach seiner persönlichen Elternzeit freie Sonntage nehmen, Termine nach Wichtigkeit sortieren, lernen, nein zu sagen. Alles, damit er sich nicht irgendwann eingestehen muss: Ich bin nie auf einem Elternabend meiner Kinder gewesen.

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