Tempelhof-schöneberg

Ein Umschwung deutet sich an

Mr. Anti-GroKo war hier. Im Haus der Falken an der Friedenauer Saarstraße. Das war vor drei Wochen. Juso-Chef Kevin Kühnert argumentierte gegen die Koalition mit der CDU. Er bekam viel Applaus. Jetzt sitzen sie wieder zusammen, die Mitglieder der SPD Friedenau im Keller des Falkenhauses. Es ist der Tag, an dem der Parteivorsitzende Martin Schulz endgültig zurücktritt. Matthias Geisthardt, Vorsitzender der SPD-Friedenau, leitet die Sitzung. Vor ihm liegen 34 neue Parteibücher. Einige überreicht er an diesem Abend. An neue Mitglieder. Über 50 Berliner sind in den letzten Wochen in den Ortsverband eingetreten. 541 Mitglieder zählt nun die SPD in Friedenau.

Eines davon ist Michael Ickes. Seit zwei Wochen ist er in der Partei. „Die SPD muss jetzt ihren Weg finden“, sagt er. Eine Erneuerung gehe nicht in der Regierungsarbeit. Dem stimmen in der Diskussion einige Sozialdemokraten zu. Die Bildungsbeauftragte der Friedenauer SPD, Antje Schwarzer, ist sich sicher: „Ich werde auf jeden Fall gegen den Koavertrag stimmen.“ Der Pflegebereich sei nicht gut ausgehandelt und die strikte Regelung beim Familiennachzug sei für sie ein klarer Rechtsbruch. Und dann wird sie grundsätzlich: Jedes Mal, wenn die SPD in die Koalition mit der CDU eingegangen ist, sei sie beschädigt daraus hervorgegangen. Mechthild Rawert sieht das anders. Die Sozialdemokratin saß viele Jahre für die Berliner SPD im Bundestag. An diesem Abend hat sie den Koalitionsvertrag und ein Buch über 100 Jahre Frauenrechte mitgebracht. Es sei nicht selbstverständlich, dass die Errungenschaften der vergangenen Jahrzehnte erhalten bleiben. Die SPD müsse immer dafür kämpfen – auch jetzt in einer Regierung. Im Koalitionsvertrag gebe es viele Punkte, in denen sich die SPD durchgesetzt habe. Die Erneuerung der Partei sei das Eine. „Aber viele Leute auf der Straße sagen auch, dass nun endlich eine Regierung her muss.“

Ann-Christin Wehmeyer ist Schriftführerin in der Friedenauer SPD. Sie war nach dem Auftritt von Kühnert klar auf der Seite GroKo-Gegner. Nun, nach dem Lesen des Koalitionsvertrags, sehe sie auch viele positive Inhalte. „Es nervt mich, dass die Personaldiskussion die inhaltliche Diskussion überlagert.“ Entschieden sei sie aber noch nicht, wie so viele in der Friedenauer SPD. Eines macht sie deutlich in Richtung GroKo-Gegner: Für Neuwahlen ist die SPD in einer denkbar schlechten Verfassung. Die letzte Umfrage sieht die SPD bei 16 Prozent.