Verkehr in Berlin

Berliner Firmen testen Lastenräder als Transportmittel

Die Politik will, dass mehr Menschen aufs Auto verzichten. Dabei helfen könnten Lastenräder, aber Lkw werden sie kaum ersetzen können.

Tischler Henning Hempel fährt seit acht Jahren mit einem Lastenfahrrad durch Berlin. Velogut will noch mehr Firmen für die Räder begeistern

Tischler Henning Hempel fährt seit acht Jahren mit einem Lastenfahrrad durch Berlin. Velogut will noch mehr Firmen für die Räder begeistern

Foto: Daniel Schaler

Berlin. Der Limonaden-und-Eistee-Hersteller Lemonaid wird in diesem Jahr ein Lastenfahrrad anschaffen, um damit ein Auto aus dem firmeneigenen Fuhrpark zu ersetzen. „Das fühlt sich gut an“, sagt Felix Gessert. Der Mitarbeiter des Unternehmens ist seit einigen Monaten im Berliner Stadtgebiet mit dem Transportrad unterwegs. Auf der Ladefläche kann er bequem vier Getränkekisten verstauen. Um alte und neue Kunden zu besuchen, ist er jeden Tag etwa 25 Kilometer unterwegs. Falls er mal nicht mehr kann, springt der Elektromotor ein. Der Großteil der Fahrten lasse sich in der deutschen Hauptstadt sogar bequemer mit dem Zweirad erledigen als mit einem Auto. „Vor allem montags und freitags weichen wir mit einem Rad den Staus aus und sind sogar schneller“, erklärt Gessert. Mit dem Lastenfahrrad habe er sich zudem die Parkplatzsuche und Spritkosten gespart.

Lemonaid ist eines von mehr als 100 Unternehmen, die in Berlin am Lastenfahrrad-Projekt von Velogut teilgenommen haben. Der Pilotversuch mit den Zweirädern, die bis zu 180 Kilogramm inklusive Fahrer transportieren können, läuft seit Februar des vergangenen Jahres. Das Projekt wird vom Bundesumweltministerium gefördert. „Wir wollen niemanden aus seinem Fahrzeug zerren. Es geht nicht darum, den Lkw zu ersetzen. Aber das Lastenfahrrad kann den Fuhrpark von Firmen ergänzen“, erklärt Projektleiterin und Velogut-Initiatorin Cora Geißler.

Die Projektphase ist für die Firmen kostenlos

In der Projektphase können Firmen die Räder für ein bis drei Monate leihen. Das ist für die Unternehmen kostenlos. Geißler will so auch Erkenntnisse darüber gewinnen, für welche Betriebe die Lastenräder infrage kommen. Handwerker und auch Dienstleister etwa sparten bei der Anfahrt zu ihren Kunden Zeit, seien deswegen zuverlässiger und auch pünktlicher, berichtet die Velogut-Leiterin. Doch es gibt auch Rückschläge: Zuletzt hatte ein Autohaus geplant, seinen Kunden die Lastenräder als Ersatzfahrzeug anzubieten. Die Idee sei nicht angenommen worden, sagt Geißler.

Der Tischler Henning Hempel fährt seit acht Jahren mit seinem eigenen Lastenfahrrad durch Berlin. Irgendwann hatte er keine Lust mehr auf die Staus und die Suche nach einem Parkplatz. Hempel kaufte ein Zweirad, montierte ein Gestell darauf, um seine Werkzeugkisten transportieren zu können. Selbst gebaute Möbel oder anderes Material, das er zu seinen Kunden bringen muss, lässt er vorab von einem Kurierdienst abholen. Das Radfahren tut dem Handwerker gut. „Ich fühle mich mit 52 immer noch wie ein 25-Jähriger. Vor einigen Jahren hatte ich Kniepro­bleme. Seitdem ich Rad fahre, geht es mir wieder gut“, sagt er. Aber nicht nur körperlich fühlt sich der Tischler besser. Gleichzeitig tue er auch etwas für die Umwelt, erklärt er.

Politik: Fahrrad und Nahverkehr statt Auto

Angesichts der Diskussionen um mögliche Diesel-Fahrverbote müssen Deutschlands Städte handeln, auch Berlin. In der Hauptstadt wächst das Wirtschaftsverkehrsaufkommen seit Jahren. Nach Berechnungen der Unternehmensverbände Berlin-Brandenburg (UVB) verzeichnet etwa ein mittelständischer Industriebetrieb mit 300 Mitarbeitern jedes Jahr rund 11.000 Lkw-Fahrten. Aber auch der Berliner Bauboom führt zu mehr Verkehr: 30.000 Wohneinheiten will der Senat in der laufenden Legislaturperiode bauen lassen. Laut UVB seien dafür mehr als 2,25 Millionen Handwerkerfahrten und mehr als 570.000 Fahrten für Baustoffe nötig. Der Politik geht es jetzt darum, den städtischen Verkehr zu entlasten. Die zuständige Senatorin Regine Günther (parteilos, für Grüne) hatte im vergangenen Jahr den Entwurf für das neue Mobilitätsgesetz vorgelegt: Mehr Menschen sollen auf das Auto verzichten, den Nahverkehr nutzen oder das Fahrrad nehmen. Gefragt ist aber auch die Wirtschaft.

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Das Lastenfahrrad kann dabei ein Baustein sein, sagt auch der UVB. Laut Hochrechnungen des Verbandes könnten immerhin acht Prozent der Fahrten des Wirtschaftsverkehrs mit dem Fahrrad erledigt werden. Wenig hilfreich ist die umweltfreundliche Alternative bei der Logistik von Waren: Nur etwa ein Prozent der Transportleistung könne von Lastenrädern übernommen werden. Die Zweiräder wären so eine Alternative für den Transport kleinerer Warenmengen auf kurzen Distanzen – zum Beispiel im stark wachsenden Segment der Kurier- und Paketdienstleister, sagt UVB-Geschäftsführer Sven Weickert. Für die Belieferung von Unternehmen, Baustellen, Supermärkten und Hotels sei das Konzept ungeeignet.

Eine Chance für die Lastenräder sieht auch die Berliner Handwerkskammer: „Angesichts des Verkehrsaufkommens in der wachsenden Metropole Berlin sind die Lastenfahrräder eine Möglichkeit, der Umwelt etwas Gutes zu tun“, sagt der Hauptgeschäftsführer der Kammer, Jürgen Wittke. Der klassische Lieferwagen werde aber Hauptverkehrsmittel des Handwerks bleiben. Wie vielfältig die Einsatzmöglichkeiten für die Drahtesel sind, zeigen Elias Dege und Frederyk Bieseke mit ihrem Projekt „Warmgefahren“. Derzeit schwingen sich die jungen Männer jeden Abend auf die beiden Lastenräder, die Velogut ihnen zur Verfügung stellt. Dege und Bieseke fahren in Parks, geben Kaffee und Tee, aber auch Decken, Jacken oder Schlafsäcke an Obdachlose aus. „Mit dem Rad können wir die Menschen besser erreichen als mit dem Auto“, sagt Dege. Die Kältehilfe mit dem Lastenrad wird gut angenommen. Bald soll ein dritter Fahrer mitmachen. Das Projekt Velogut läuft noch bis Juli. Cora Geißler sucht weitere Firmen zur Teilnahme. Die ist noch kostenlos. Erst nach der Testphase wird ein kostenpflichtiges Leihsystem aufgebaut.

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