Alliierte in Berlin

Ein Stück altes West-Berlin lebt weiter

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Carolin Brühl
Surface-Club

Surface-Club

Foto: privat / BM

Ein Wilmersdorfer erinnert mit seinem „Surface Club“ an eine Zeit, als die US-Soldaten den Sound der geteilten Stadt mitbestimmten.

Berlin. Die Orte haben gewechselt, die Idee nicht. Einmal im Monat lässt der Wilmersdorfer Andreas Kieß die Zeit wieder auferstehen, als amerikanische Soldaten mit ihrer Musik und ihrem Lifestyle das Lebensgefühl der Jugend in West-Berlin beeinflusst haben. Kieß ist selbst ein Kind dieser Zeit, als der Zugang zu den Clubs der US-Soldaten für einen Jugendlichen das Ziel seiner Träume bedeutete. Und er ist nicht allein.

Als 16-Jähriger besuchte er erstmals eine Diskothek: das „Cheetah“ an der Hasenheide. Doch seiner wahren Leidenschaft begegnete Kieß im „Riverboat“. Inzwischen ein dröges Behörden-Hochhaus, beherbergte das Gebäude am Hohenzollerndamm 174 im Obergeschoss bis 1990 den stadtbekannten Club mit einer spektakulären Dachterrasse. Auf drei Bühnen spielten verschiedene Bands abwechselnd. Pausen gab es nicht. Zu den Stammkapellen im Riverboat gehörte unter anderem The Q mit Frank Zander, die bei Songs wie „Suzie Q“ von Creedence Clearwater Revival zu Höchstform aufliefen.

„Ich bin sehr schnell da im amerikanischen Sektor hängengeblieben“, sagt Kieß. „Von diesem Tag an hat mich diese Musik, diese lockere Atmosphäre und der zwanglose Umgang der Menschen miteinander nicht mehr losgelassen.“ Angetan hatte es ihm die Old School Black Music von Chic, Brass Construction oder The Bar-Kays. Mit 20 begann er an den Sonnabenden als Kellner im „Riverboat“ zu arbeiten und baute freundschaftliche Kontakte zu amerikanischen Soldaten auf. Über die bekam er Zutritt zu den Soldatenclubs. Kieß kannte sie alle: Das „Starlight Grove“ in der ehemaligen McNair-Kaserne in Lichterfelde, den „Checkpoint NCO Club“ in Zehlendorf, das „SilverWings“ am Flughafen Tempelhof und die Partys im „Harnack House“ in Dahlem.

Das Sterben der Clubs Anfang der 80er-Jahre

Auch in der Friedenauer Diskothek „La Belle“, auf die vor 30 Jahren libysche Agenten ein Attentat verübten, bei dem drei Menschen getötet und 230 verletzt wurden, war er viele Jahre zu Gast. Nicht jedoch am Tag des Anschlags. „Es hat aber Freunde von mir erwischt“, sagt Kieß und schluckt. „Man kannte einander, die Szene war eng verstrickt.“

Der große Einschnitt kam, als die meisten amerikanischen Soldaten Anfang der 80er-Jahre aus Berlin abgezogen wurden, in den ersten Golfkrieg ziehen mussten und ihre Clubs schlossen. Kieß suchte neue Clubs, in denen die schwarze Musikkultur gepflegt wurde. Im „Strike“ oder im „Flame“ lag der Schwerpunkt auf Hip-Hop und R&B. Kieß fehlte aber die direkte Begegnung mit Menschen einer anderen Kultur und vor allem das, was er selbst immer wieder als den „Spirit der 80er“ bezeichnet.

Auch die Maueröffnung veränderte die Szene und führte nach seiner Beobachtung zum Sterben der alten Clubs und Diskotheken im Westen. „Die Szene hat sich verschoben. Die neuen Clubs in der neuen Mitte wie das ,Felix‘ oder das ,Adagio‘ waren viel größer, das Publikum ein anderes“, sagt der heute 55-Jährige.

„Es musste etwas passieren“, beschloss er. „Ich habe bei einem Konzert von Boyz II Men viele alte Bekannte getroffen, denen es so wie mir ging. Sie haben keinen Club mehr gefunden, in dem ihre Musik läuft und in dem sie nicht wie alte Leute angeguckt werden. Das war für mich die Initialzündung.“

Kieß begann selbst Clubabende zu organisieren. Seinen „Surface Club“ gibt es mittlerweile seit fast acht Jahren. Nach mehreren Umzügen sind Andreas Kieß und seine Truppe in der „Amber Suite“ im Ullsteinhaus in Tempelhof gelandet. Auf dem Flyer steht „You are going to enter the American sector“. Die meisten Besucher des „Surface Clubs“ sind Stammgäste, sagt Kieß. Doch er stellt fest, dass sich immer mehr junge Leute für die Musik interessieren und den „Spirit“ auf seinen Partys mögen.

Besonders freut ihn, wenn ehemalige US-Soldaten, die mit ihren Familien Berlin besuchen, eine seiner Veranstaltungen besuchen. „Und wenn sie dann sagen, dass es sich ein wenig wie früher angefühlt hat, dann fühle auch ich mich gut“, sagt er.

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