Trotz Kitaplatz-Gutschein

Wenn „bezirksfremde“ Kinder in der Kita abgelehnt werden

Kreuzberg lehnt die Betreuung eines Kindes aus Neukölln ab. Obwohl die Kitaplatz-Gutscheine für ganz Berlin gelten.

Anne Fromm und Kersten Augustin suchen verzweifelt einen Kitaplatz für ihren einjährigen Sohn

Anne Fromm und Kersten Augustin suchen verzweifelt einen Kitaplatz für ihren einjährigen Sohn

Foto: Daniel Schaler

Die jungen Eltern führen Buch über ihre Odyssee. Sohn Max, dessen richtiger Name nicht in der Zeitung stehen soll, war vier Wochen alt, da legten seine Eltern eine elektronische Liste an – um bei der Kitaplatzsuche nicht den Überblick zu verlieren. Denn dass die Suche im Babyboom-Viertel im Norden Neuköllns beschwerlich wird, damit war zu rechnen. Aber dass nach elfmonatiger Suche 30 angefragte Kitas auf der Liste stehen, dass sie es zusätzlich bei mehr als zwei Dutzend Tagesmüttern versuchen und am Ende an einer Bezirksgrenze scheitern, damit hat Vater Kersten Augustin nicht gerechnet. Er sagt: „Teilweise lachen die Kita­mitarbeiter nur noch, wenn man nach einem freien Platz fragt.“

Ab 1. März hat Max Anspruch auf einen Kitaplatz. So steht es auf dem Kitagutschein. Dass der Anspruch derzeit nicht einzulösen ist, damit haben sich die Eltern fast schon abgefunden. „Wir haben eine Notlösung gefunden“, sagt Augustin, „eine Tagesmutter am Kottbusser Tor würde Max betreuen. Vorübergehend und nur halbtags. Aber immerhin.“

Zu früh gefreut. Denn das Kottbusser Tor liegt im falschen Bezirk. Dass, so erzählt es Augustin, hat er bei einem Anruf im Jugendamt Kreuzberg erfahren. „Wir haben genug Eltern in unserem Bezirk, die dringend suchen“, soll die Sachbearbeiterin gesagt haben. Und: Man habe mit den Tagesmüttern schriftlich vereinbart, keine Kinder aus anderen Bezirken aufzunehmen.

Die Absage ist ungewöhnlich. Warum, erklärt eine Sprecherin der Senatsjugendverwaltung: „Ein Kitagut­schein, den man auch für einen Platz bei einer Tagesmutter braucht, gilt natürlich berlinweit.“ Eltern beantragen ihn in ihrem Bezirk. Wo sie ihn einlösen, ist ihnen überlassen. Dennoch sagt Augustin: Mehrere Tagespflegeeinrichtungen hätten ihn mit dem Verweis auf das Verbot durch das Jugendamt abgelehnt. Wie kann das sein?

Verklagen müssen Eltern den Bezirk, in dem sie wohnen

„Das Problem ist: Am Ende sind wir als Wohnbezirk dafür zuständig, einen Platz für unsere Kinder zu finden“, sagt die Kreuzberger Bezirkssprecherin Sara Lühmann. Mit anderen Worten: Wenn Eltern ihren Anspruch auf einen Kitaplatz vor Gericht gültig machen wollen, klagen sie gegen den Bezirk, in dem sie wohnen. Sechs Klagen zähle man seit Jahresbeginn. Lühmann spricht von einem „Widerspruch im Betreuungssystem“. Hier könnte der Grund für die Absage liegen. Diese Vermutung legen schon die Statistiken nahe.

Der Kitaplatzmangel scheint inzwischen eine kritische Masse erreicht zu haben. Auf 168.000 Kitaplätze kommen derzeit 220.000 Kinder im Kitaalter. 50.000 mehr als vor zehn Jahren

„Wir kommen jetzt genau an die Grenze, wo es nicht mehr geht“, sagt Katrin Molkentin, Vorsitzende des Landeselternausschusses Berliner Kindertagesstätten. Hätten die Eltern bislang die erfolglose Kitasuche meist mit privaten Einschnitten kompensiert – etwa indem ein Elternteil unbezahlten Elternurlaub nimmt –, würden jetzt immer mehr ihr Recht auch einklagen. Sie wisse zwar von keinen anderen Fällen, bei denen Eltern aus anderen Bezirken abgelehnt wurden. Aber: „Ich kann mir schon vorstellen, dass die Jugendämter aus Angst vor Klagen Druck auf die Betreiber machen.“

„Vorrangige Versorgung von Kindern aus dem Bezirk“

Aus Friedrichshain-Kreuzberg heißt es: Man empfehle „die vorrangige Versorgung von Kindern aus dem Bezirk“. Bei Kindertagesstätten könne man allerdings kaum Vorgaben machen. Man betreue auch etwa 1100 „bezirksfremde“ Kinder mehr, als man selbst in Kitas in andere Bezirke „schicke“. Dank Babyboom sei der Platzmangel im Bezirk besonders akut.

Die Tagesmütter im Bezirk habe man deshalb eine Einverständniserklärung unterschreiben lassen. Demnach sind freie Plätze mit Kindern aus dem eigenen Bezirk zu besetzen. Aus der Senatsjugendverwaltung heißt es: „Uns ist keine rechtliche Regelung bekannt, die besagt, dass Kinder aus dem Wohnbezirk Vorrang vor anderen Kindern haben.“ Ob die Kreuzberger Regelung rechtens ist, werde man prüfen. Bezirkssprecherin Lühmann sagt: „Wir machen das einfach.“

Der kleine Max wird am Montag ein Jahr alt, macht gerade die ersten Schritte. Mitte März endet die Elterzeit von Vater Kersten Augustin. Die Oma wohnt gut 300 Kilometer entfernt. Die Eltern denken jetzt über eine Reduzierung ihrer Arbeitszeiten nach – und über den Gang vor Gericht.

Wegen Streik: Jede zweite Kita blieb geschlossen

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