Berlin

Wenn der Bus sagt, wo es langgeht

Auf zwei Linien wollen die Berliner Verkehrsbetriebe akustische Außenansagen testen. Das könnte nicht nur für Sehbehinderte und Blinde eine Hilfe sein

Wie schwer es Blinde und Sehbehinderte im Berliner Nahverkehr derzeit haben, lässt sich am eindruckvollsten in Spandau erleben. Vor dem Rathaus fahren im Minutentakt Busse auf gleich 13 Linien vor. Welcher fährt wohin? Wann kommt der nächste auf meiner Linie? Wer schlecht oder gar nicht lesen kann, hat kaum eine Chance, in den richtigen Bus einzusteigen.

So wie in Spandau sieht es auch an vielen anderen Stellen im Nahverkehrsnetz der Hauptstadt aus. Mehrfach-Haltestellen und dichte Takte sind längst die Regel denn die Ausnahme. Und angesichts des anhaltend starken Wachstums der Berliner Einwohnerzahl wollen der Senat und die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) das Nahverkehrsangebot in Zukunft noch kräftig ausbauen.

Damit Blinde und Sehbehinderte nicht zunehmend auf der Strecke bleiben, will die BVG nun nach ihren U-Bahnen, bei denen Durchsagen in- und außerhalb des Zuges längst üblich sind, auch ihren Bussen und Straßenbahnen sowie möglicherweise auch den Haltestellen das Sprechen beibringen. Ein entsprechendes Pilotprojekt unter dem Namen „2-Sinne-Prinzip bei Bus und Straßenbahn“ stellte BVG-Chefin Sigrid Nikutta am Montag im Betriebshof Lichtenberg vor.

Der vom Senat mit rund zwei Millionen Euro geförderte Testlauf hat laut Nikutta zunächst das Ziel, ein praktikables und von den Betroffenen auch akzeptiertes System zu finden. Dazu werden ab 19. Februar auf der Tramlinie M4 (Hackescher Markt – Falkenberg/Hohenschönhausen) sowie der Buslinie 186 (S Grunewald – S Lichterfelde Süd) ein Jahr lang verschiedene Lösungen für die akustische Fahrgastinformation getestet. Erprobt werden laut BVG-Sprecher Markus Falkner an beiden Linien dafür zwölf Systeme von sieben Herstellern. Grundsätzlich gibt es dabei drei Lösungsansätze:


Die sprechende Haltestelle Dabei betätigt der Fahrgast an der Haltestelle einen Druckknopf und aktiviert damit das System. Anschließend werden ihm die nächsten Abfahrten mit Linie, Ziel und voraussichtlicher Abfahrtzeit (wie sie auch optisch angezeigt werden) per Lautsprecher angesagt. Bereits 2013 hatte die BVG ein solches System getestet – und anschließend verworfen. Zu teuer und zu wenig zuverlässig, hieß es damals. Im Gegensatz zu den früheren Tests soll nun auch das sich nähernde Fahrzeug erkannt und automatisch über den Lautsprecher mit Linie und Ziel angekündigt werden. Der Vorteil: Blinde und sehbehinderte Fahrgäste benötigen dafür keine zusätzliche Ausrüstung (etwa ein Smartphone). Drei Systeme sind im Test. Insgesamt 13 Haltestellen an den beiden Linien werden entsprechend ausgestattet.
Das sprechende Fahrzeug Nach dem Stopp an der Haltestelle und dem Öffnen der Einstiegstür werden den davor wartenden Fahrgästen die Linie sowie Ziel der Fahrt angesagt. Je zehn Busse und Straßenbahnen sollen mit den dafür notwendigen Außenlautsprechern ausgerüstet werden. Im Test sind vier unterschiedliche Systeme. Alle Systeme funktionieren im Prinzip wie die automatisierte Innenansage. Der Nachteil: Die Ansagen sind fest vorgegeben und aktualisieren sich bei einer unvorhergesehen Änderung des Fahrtziels, etwa wegen einer Straßensperrung, nicht. In diesem Fall muss der Fahrer oder die Fahrerin über die aktuelle Veränderung informieren.


Das sprechende Smartphone Der Fahrgast kann sich auf dem eigenen Smartphone oder Tablet über eine App den Namen der Haltestelle sowie über die nächsten Abfahrten mit Liniennummer, Ziel und voraussichtlichen Abfahrtszeiten ansagen lassen. Bei Einfahrt eines Fahrzeuges kündigt ihm die App akustisch die Liniennummer sowie das Ziel an. Durch hinterlegte GPS-Koordinaten wird die jeweilige Haltestelle erkannt. Jedes auf den Linien 186 und M4 eingesetzte Fahrzeug wird dazu mit einem kleinen Sender, der auf der Bluetooth-Technologie basiert, ausgestattet. Jeder Bus, jede Tram kann so von der Smartphone-App eindeutig identifiziert werden, sodass das Fahrzeug in Echtzeit auf dem Smartphone wenige Augenblicke vor dem Eintreffen angekündigt wird. Der Vorteil: Die App kann auch über planmäßige Veränderungen, etwa Bauarbeiten, informieren, wenn diese in den Datenbanken der BVG oder des Verkehrsverbundes verfügbar sind. Der Nachteil: Jeder Nutzer muss stets ein Smartphone oder Tablet dabeihaben. Im Test sind fünf Lösungen.

Die BVG will in einem Jahr entscheiden, welche Lösung oder auch Lösungskombination im gesamten Nahverkehrssystem Einzug halten soll. Anschließend soll es eine europaweite Ausschreibung geben. Erst dann dürften auch die Kosten für das Umrüstprogramm klar sein. Billig wird es wohl nicht, verfügt doch die BVG außerhalb der U-Bahn über mehr als 1400 Busse, mehr als 320 Straßenbahnen und über 7000 Haltestellen.

Von der Politik bekam die BVG Beifall für ihre Initiative: Für Verkehrssenatorin Regine Günther (parteilos, für Grüne) wird Berlin damit „ein Stück gleicher und menschlicher“. Und Sozialsenatorin Elke Breitenbach (Linke) betonte, dass nicht nur Blinde und Sehbehinderte, sondern auch die wachsende Zahl funktioneller Analphabeten von akustischen Ansagen an den Haltestellen profitieren werden.

Überwiegend positiv fällt auch die Reaktion der Betroffenen aus. „Richtig zufrieden bin ich aber erst, wenn jeder Bus und jede Bahn umgerüstet ist und die Ansagen auch bei jedem Wetter verständlich sind“, sagte Manfred Scharbach, Geschäftsführer des Allgemeinen Blinden- und Sehbehindertenvereins Berlin, der sich für Außenansagen einsetzt. Zu Sorgen von Anwohnern vor Dauer-Lärmbelastung sagte Scharbach: „Das ist ein Popanz. Die Busse sollen uns ja nicht anbrüllen, sondern uns etwas flüstern.“

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