Kindertagesstätte

Pankow bremst Kita-Betreiber aus

Das Bezirks-Bauamt verhindert in Niederschönhausen eine Kita für 85 Kinder. Dabei brauch Berlin 25.000 neue Plätze.

Alexander Hübner vom Kita-Träger Camino würde hier gerne eine Kita mit 85 Plätzen eröffnen

Alexander Hübner vom Kita-Träger Camino würde hier gerne eine Kita mit 85 Plätzen eröffnen

Foto: David Heerde

Berlin. In dem orangefarbenen ehemaligen Botschaftsgebäude mit großem Garten in Niederschönhausen sollte eigentlich schon bald eine Kita mit 85 Plätzen eröffnen. Das Grundstück an der Friesenstraße bietet sogar genügend Platz für einen Anbau. Doch die Pläne des Kita-Trägers Camino GmbH wurden vom zuständigen Bauamt des Bezirks nun vorerst ausgebremst.

Die Entscheidung scheint absurd angesichts der Tatsache, dass Kitaplätze in Berlin Mangelware sind. Inzwischen haben kinderreiche Bezirke Schwierigkeiten, den Rechtsanspruch auf einen Kitaplatz zu gewährleisten. Seit Januar spitzt sich die Lage zu. Nach Angaben des Berliner Verwaltungsgerichts sind derzeit 15 Eil- und Klageverfahren von verzweifelten Eltern anhängig, die keinen Kitaplatz bekommen.

Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) hatte Ende Dezember sogar eine Platzprämie für Kita-Träger in Aussicht gestellt: Um den schnell wachsenden Bedarf zu bewältigen, soll es einen Bonus von monatlich 250 Euro für jeden Platz geben, den die Träger in der Zeit von Januar bis Juni mehr anbieten als im Vorjahreszeitraum. Damit sollen alle Reserven mobilisiert werden, die bisher nicht genutzt wurden.

25.000 neue Kitaplätze werden gebraucht

Derzeit gibt es in Berlin 168.000 Kitaplätze – und der Bedarf wächst stetig. So leben heute laut Senatsverwaltung für Familie 220.000 Kinder im Kitaalter in Berlin, das sind 50.000 mehr als noch vor zehn Jahren. Bis 2021 will der rot-rot-grüne Senat weitere 25.000 Plätze schaffen. Angesichts des riesigen Bedarfs ist eher Klotzen statt Kleckern gefragt. Umso mehr irritiert die Auffassung des Pankower Bauamtes, dass an diesem Standort nur eine Kita mit maximal 25 Plätzen zulässig ist, da es sich hier um ein reines Wohngebiet handelt. Eine Baugenehmigung gibt es deshalb bisher nicht. „Alle anderen Genehmigungen liegen vor, auch die Finanzierung durch die Bank steht. Wir könnten sofort loslegen, wenn der Bauantrag bewilligt würde“, sagte Alexander Hübner, stellvertretender Geschäftsführer des Kita-Trägers Camino.

Paradox ist, dass die Kitaaufsicht gerade ein Interesse daran hat, Kitas in Wohngebieten entstehen zu lassen, damit die Familien dort kurze Wege haben. Das Gebäude in Niederschönhausen befindet sich laut Kitabedarfsatlas in einer Region der Kategorie 3plus. Das bedeutet, dass es hier nur noch geringe Platzreserven gibt und ein steigender Bedarf erwartet wird. Auch für die angrenzende Region in Alt-Pankow könnte die Einrichtung für Entlastung sorgen. Dort reichen die vorhandenen Plätze schon jetzt nicht aus, und der Standort in Niederschönhausen wäre durch die S-Bahn gut angebunden. Die Jugendstadträtin Rona Tietje (SPD) wäre deshalb froh, wenn das Projekt zustande käme.

Allerdings gibt es auch Gegenwind aus der Nachbarschaft. Das Grundstück liegt in einer ruhigen Siedlung von Einfamilienhäusern. Die Ruhe könnte durch eine Kita mit 85 Kindern gestört werden, fürchten offenbar einige Anwohner. Es lägen bereits Beschwerden aus der Nachbarschaft vor, heißt es aus der Bezirksverwaltung für Stadtentwicklung. Vollrad Kuhn (Grüne), zuständiger Baustadtrat von Pankow, will sich auch wegen der Beschwerden nicht öffentlich zu dem Vorgang äußern. Er zeigte sich zwar offen für Gespräche mit dem Träger, es müsse aber geltendes Baurecht eingehalten werden, so der Stadtrat.

Der Träger ist überzeugt, dass die aktuelle Rechtsprechung auf ihrer Seite ist. „Es gibt Urteile aus dem Jahr 2017, die auch größere Einrichtungen in reinen Wohngebieten zulassen“, sagte Hübner. Eine entsprechende Stellungnahme durch die Anwältin sei dem Amt mitgeteilt worden. „Gefragt ist eine politische Entscheidung, ob der Schutz der Anwohner wichtiger ist oder die Schaffung von Kitaplätzen“, sagte Hübner.

Der Träger Camino GmbH betreibt bereits vier Kitas in Pankow. Eine der Einrichtungen befindet sich in Wilhelmsruh, nur fünf Minuten entfernt von der geplanten neuen Einrichtung. In dieser Kita gibt es nach Angaben des Trägers zwei bis drei Mal so viele Anmeldungen wie vorhandene Plätze.

„Kindergeräusche sind kein Lärm“

Dass es beim Bau einer neuen Einrichtung auch Bedenken wegen der Lärmbelästigung aus der Nachbarschaft gibt, ist nicht neu, bestätigte Torsten Wischnewski-Ruschin vom Paritätischen Wohlfahrtsverband. „Wir haben kein Verständnis für die Entscheidung des Bauamtes. Kindergeräusche sind kein Lärm“, sagte Wischnewski-Ruschin. Es gebe kaum noch geeignete Flächen oder Objekte für Kitas. Und dieses Gebäude in Parknähe sei besonders gut geeignet.

Die Vorsitzende des Landeselternausschusses, Katrin Molkentin, äußerte sich empört: „Ich bin erschrocken, dass es überhaupt eine rechtliche Regelung gibt, die größere Kitas in reinen Wohngebieten nicht erlaubt.“

Mehr zum Thema:

Anmeldung für Baby-Schwimmkurse frustriert Berliner Eltern

Ärzte fordern Impfpflicht gegen Masern für alle Kinder

Erziehermangel in Friedrichshain-Kreuzberg immer schlimmer

An diesen Standorten sollen "Schnellbau-Kitas" entstehen

© Berliner Morgenpost 2018 – Alle Rechte vorbehalten.