Berlin

Eine Runde Skat im „Kranzler“

Seit 50 Jahren spielen vier Berliner zusammen Karten. 24 Jahre warteten sie darauf, ihre Reservierung in dem berühmten Café wahrzunehmen

So richtig stimmig sieht es nicht aus, wie die drei Herren auf den schlichten Holzhöckerchen um einen niedrigen Tisch aus gleichem Material sitzen. Das Gestühl erinnert eher an das Mobiliar einer Kita. Ganz so hatten es sich die vier Berliner Lehrer nicht vorgestellt, als sie vor 50 Jahren davon träumten, einmal ihre Skatkarten auf den gestärkten Tischdecken des Café „Kranzler“ zu kloppen. Damals stand dem Traum die Berliner Mauer im Weg und heute ist das Einzige, was den „Kranzler“-Nachfolger „The Barn“ in der Rotunde mit dem legendären Café verbindet, der Ausschank des koffeinhaltigen Heißgetränks. Einmal wollten sich die vier Männer aber noch an dem Ort einfinden, der so lange, fast wie ein Symbol für die Freiheit, ihr Leben begleitet hat.

Doch von Anfang an: Horst Langlotz, Lothar Fielitz, Olaf Hörtz und Günter Kellermann studieren seit Mitte der 60er-Jahre an der Humboldt-Universität. 1967 treffen sie sich zum ersten Mal im „Haus des Lehrers“ am Alexanderplatz zum Skatspielen. Die Chemie der vier angehenden Mathematik- und Physiklehrer stimmt. So gut, dass sie seit 50 Jahren zusammen das Spiel um Reizen und Stechen, Grand und Null-Ouvert pflegen. Nur der Armee-Dienst nach dem Studium bricht für wenige Wochen einen der Spieler aus dem Quartett. Doch ansonsten wird eisern weitergekloppt, 16 Mal im Jahr.

Die wohl langfristigste Reservierung der Welt

Es ist indes nicht allein das halbe Jahrhundert gemeinsamen Spiels, das die vier Skat-Freunde so bemerkenswert macht. Es ist auch der ungewöhnliche Traum der ehemaligen Ost-Berliner, unbedingt eines Tages einmal im „Kranzler“ spielen zu wollen. Er beschert ihnen die wahrscheinlich langfristigste Restaurant-Reservierung der Weltgeschichte: Ein Tisch für den 1. Mai 2000 im „Kranzler“ für vier Personen, bestellt am 2. Mai 1976.

Berlin ist 1976 seit 15 Jahren eine geteilte Stadt. Zwar hat Erich Honecker ein Jahr zuvor die „Helsinki-Akte“ der Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE) unterzeichnet, die DDR-Bürgern die Einhaltung der Menschenrechte und Freizügigkeit garantieren soll. Doch vor dem Rentenalter rechnen die wenigsten Ost-Berliner damit, einmal über den Kudamm bummeln oder gar einen Kaffee im „Kranzler“ trinken zu können. Auch Kellermann und seine drei Freunde scherzen seit Jahren darüber und malen sich aus, wie sie eines Tages ihre Herrenabende als Rentner im „Kranzler“ abhalten werden. Günter Kellermann ist erst 32 Jahre alt, als die Ostberliner Behörden ihm 1976 eine West-Reise zur Hochzeit seiner Schwester genehmigen.

Am 2. Mai 1976 sitzt er dann nicht nur in West-Berlin, sondern auch im „Kranzler“. Begleitet wird er allerdings nicht von seinen drei Freunden, sondern von einer Cousine. Die hat dann aber auch die Idee für die ungewöhnlich Reservierung: „Bestell’ doch einfach schon jetzt mal einen Tisch für den Zeitpunkt, an dem ihr alle Rentner seid“, schlägt sie vor.

Günter Kellermann überschlägt aufgeregt die Jahre, die ihnen noch fehlen, um als Rentner frei durch die Welt reisen zu dürfen. Doch ausgerechnet der studierte Mathematik-Lehrer vertut sich dabei um fast zehn Jahre und lässt sich vom Kellner eine Reservierung für den 1. Mai 2000, 16 Uhr, ausstellen. Ein Dokument, das dennoch das Unmögliche greifbar für ihn macht. Manchmal, wenn die Männer in den folgenden Jahren zusammen spielten, sprechen sie über die Reservierung, die bei Kellermann gerahmt an der Wand hängt. Inzwischen sind alle vier verheiratet, ziehen Kinder groß, haben sich eingerichtet. „Wie fast alle in der DDR, man hatte nur noch auf die Rente zu warten“, sagt Kellermann. Zum Skatspielen treffen sie sich „immer reihum bei einem von uns zu Hause“, erzählt Hörtz. „Die eine oder andere Ehefrau wechselt zwischendurch, die Skatfreunde bleiben“, fügt Kellermann hinzu und grinst verschmitzt. Immerhin verwenden sie das erspielte Geld, um einmal im Jahr gemeinsam mit ihren Frauen zu verreisen.

Als dann die historische Nacht im November 1989 anbricht, glaubt nur Kellermann sofort den Nachrichten. Während Lothar Fielitz seine Wohnung renoviert, ist Olaf Hörtz schon schlafen gegangen. „Ich habe zwar die Pressekonferenz gesehen, aber nicht verstanden, was das konkret bedeutet“, sagt Langlotz. Viel ändert sich für die vier Lehrer nicht. „Am Satz des Pythagoras ist nun mal nichts zu rütteln, egal in welchem System“, sagt Langlotz. Dass der politische Druck weg war, sei aber eine ungeheure Erleichterung gewesen“, wirft Fielitz ein. Im Lehrberuf sind sie auch nach der Wende alle geblieben.

Mit einem rechnen sie in den Wirrungen der neuen Zeit jedoch nicht, dass ihr langersehntes Treffen im „Kranzler“ am 1. Mai 2000 scheitert, weil das Café wenige Monate zuvor schließt. Zwar treffen sich die vier Spieler schon vorher einmal am Ort ihrer Wünsche, zu dem sie ja nun reisen dürfen, auch wenn sie noch keine Rentner sind. In der Aufregung vergessen sie aber schlicht die Karten zu Hause.

Zur Vollendung ihres 50. Jubiläums finden sich die vier Männer nun noch einmal im „Kranzler“ ein, in dem ja nicht mehr viel an das „Kranzler“ erinnert. Dieses Mal denken sie aber an ihre Karten, auch der Wimpel ist dabei, den reihum immer der Beste mit nach Hause nehmen darf, und eine kleine Bronzeskulptur mit vier Kartenspielern, Mitbringsel von einer gemeinsamen Reise nach Bulgarien. Gespielt und gereist wird nämlich immer noch.

4800 Stunden, insgesamt 200 Tage ihres Lebens haben sie in den vergangenen 50 Jahren um einen Skattisch gesessen, rechnen die Mathematiker vor. Sogar beim Guinness-Buch der Rekorde melden sie sich deswegen. Dort winkt man wegen fehlender Nachweise der ersten Jahre aber ab, sagt Kellermann. „War letztlich gut“, sinniert er. Die ganze Prüf-Prozedur bis zu einem Eintrag hätte etwa 1000 Euro gekostet. Doch dieser Einsatz war für die Zocker-Runde doch etwas zu hoch.