Arbeitslosen-Hochburg

Pläne gegen den Absturz des Berliner Quartiers Heerstraße

Mit dem Programm Stadtumbau West soll es Verbesserungen im Brennpunkt Heerstraße geben. Denn die Entwicklung gibt Anlass zur Sorge.

Problemgebiet Heerstraße-Nord in Spandau: Jeder Zweite bezieht hier Transferleistungen vom Staat

Problemgebiet Heerstraße-Nord in Spandau: Jeder Zweite bezieht hier Transferleistungen vom Staat

Foto: Reto Klar

Berlin. Um die Hochhäuser der Großsiedlung Heerstraße-Nord in Spandau pfeift der Wind erbarmungslos. Am in die Jahre gekommenen Einkaufszentrum „Staaken-Center“ huschen Passanten achtlos vorbei. Der türkische Gemüsehändler steht unverdrossen vor seinen Auslagen auf dem Gehweg und preist seine Tagesangebote an. Das Quartier gehört seit Jahrzehnten zu den Berliner Pro­blemgebieten. Von den gut 18.000 Bewohnern bezieht fast jeder zweite Transferleistungen vom Staat. Ebenso viele haben einen Migrationshintergrund. Dass mit steigenden Mieten in der Innenstadt Menschen mit geringem Einkommen in die Außenbezirke ziehen, verschärft die Lage weiter. Das Land versucht, gleich mit mehreren Förderprogrammen gegenzusteuern.

Bereits seit 2005 gibt es im Gebiet Heerstraße-Nord ein Quartiersmanagement. 2017 wurde das Wohngebiet auch in das Programm „Stadtumbau West“ aufgenommen. Die Umbaufläche geht allerdings über die Großsiedlungen an der Heerstraße hinaus. So umfasst sie auch das Fort Hahneberg im Süden und die in den 60er-Jahren entstandene Louise-Schroeder-Siedlung im Norden. Anlass für die Aufnahme des Gebietes in die Förderung ist ein deutlicher Zuzug von überwiegend sozial schwachen Familien.

Für Jonny-K.-Aktivpark beginnen die Planungen

Dem Stadtteil droht eine problematische Entwicklung der Sozialstruktur sowie der Wohn- und Lebensverhältnisse. „Die Versorgung mit sozialer Infrastruktur ist teils unzureichend“, heißt es in der Begründung des Senats für die Aufnahme in das Förderprogramm. Zudem gebe es deutliche Sanierungsrückstände am Gebäudebestand. „Auch der öffentliche Raum ist – vor allem im Ortsteilzentrum Obstallee – von vielen Mängeln geprägt“, hat der Senat festgestellt.

Zehn Jahre lang wird es nun Fördermittel geben, um die Situation zu verbessern. Sieben Millionen Euro sollen zunächst fließen. Die ersten Maßnahmen sind bereits festgelegt, andere werden vorbereitet.

Stadtweit bekannt geworden ist der Plan für den Jonny-K.-Aktivpark. Der damals 20-jährige Jonny war am 13. Oktober 2012 in der Nähe des Alexanderplatzes in Mitte bei einer gewalttätigen Auseinandersetzung totgetreten worden, als er einem Freund zu Hilfe kommen wollte. Weil Jonny K. auf die Carlo-Schmid-Oberschule ging und im nahen Park Fußball spielte, will der Bezirk Spandau den Egelpfuhlpark nach ihm benennen und dort verschiedene Möglichkeiten für Jugendliche schaffen, sich zu begegnen und sportlich aktiv zu sein. In diesem Jahr würden dafür die Planungen beginnen, kündigte Jennifer Nagel vom Spandauer Stadtplanungsamt im Quartiersrat Heerstraße-Nord an, in dem neben Bürgern auch Vertreter verschiedener Organisationen mitarbeiten.

Neue Rad- und Fußwege geplant

Der Jonny-K.-Aktivpark soll Teil des Egelpfuhlgraben-Grünzuges werden, der sich vom Bullengraben in Staaken bis zum Seeburger Weg erstreckt. Auch hier sind neue Rad- und Fußwege geplant. Allerdings rechnen die Planer sowohl auf dem Gebiet des künftigen Jonny-K.-Aktivparks als auch um den Egelpfuhlgraben mit Altlasten, weil sich dort Industriebetriebe und Mülldeponien befanden. Für den Spielplatz am Cosmarweg haben die Umbauarbeiten bereits begonnen. Nach den Wünschen der beteiligten Kinder soll im Mai ein neuer Bolzplatz zum Thema Piraten fertiggestellt werden.

Das Büro VCDB Verkehrsconsult Dresden-Berlin arbeitet an einem Verkehrsgutachten zur Barrierefreiheit der Quartierstraßen. Nach ersten Zwischenergebnissen ist es für die Bewohner der Großraumsiedlung, vor allem für die vielen gehbehinderten Menschen, aber auch für Familien mit Kinderwagen, nicht einfach, sich durch die Siedlung zu bewegen. „Die größte Barriere ist der Verkehr“, sagte Planer Thomas Lehmann.

Weil Parkplätze überall im Gebiet knapp sind, werden Fahrzeuge auch in Mündungsbereichen der Straßen und dort abgestellt, wo bereits Bordsteine für Fußgänger abgesenkt sind, hat Lehmann festgestellt. Insbesondere die Hauptstraßen seien so stark befahren, dass sie von Fußgängern nur schwer überquert werden könnten. So wurden auf dem Magistratsweg 10.200 Fahrzeuge am Tag gezählt, auf der Sandstraße, auf der auch erheblicher Fußgängerverkehr herrsche, noch 6150 Autos am Tag. Auch auf dem Blasewitzer Ring wurden 6000 Fahrzeug in 24 Stunden registriert.

Besonders schlecht seien die Quartierstraßen für Radfahrer, es fehle überall an Radwegen oder -streifen. Durch eine Vielzahl kleiner Maßnahmen sollten Verbesserungen erzielt werden, deren Kosten das Verkehrplanungsbüro nun durchrechnen will. So könne die weite Kreuzung zwischen Sandstraße, Blasewitzer Ring und Obstallee durch vorgestreckte Gehwege für Fußgänger leichter passierbar werden.

Bezirk beschließt Bau eines neuen Bildungszentrums

Auch das historische Fort Hahneberg könnte vom Stadtumbau-Programm profitieren. Die Arbeitsgemeinschaft Fort Hahneberg möchte den Hauptweg in die Anlage pflastern und Besuchertoi­letten bauen. Weil sich am Fort seltene Tiere und Pflanzen angesiedelt haben, ist dazu eine sogenannte Eingriffsbewertung nötig. „Das Gutachten werden wir nächstes Jahr angehen“, kündigte Stadtplanerin Nagel an.

Um den Bewohnern der umliegenden Hochhaussiedlungen bessere Anlaufpunkt zu bieten, sollen die Gemeinderäume der Kirche zu Staaken im Gemeinwesenzentrum an der Obstallee so umgebaut werden, dass sie für die Allgemeinheit zum Beispiel für Versammlungen und Kurse besser nutzbar sind. Zudem soll ein Bildungs- und Gesundheitszentrum entstehen. Das hat das Bezirksamt im Januar beschlossen. Möglicher Standort könnte der Nutzerparkplatz zwischen Gemeindezentrum und Ärztehaus sein

Gedacht sei an ein multifunktionales viergeschossiges Gebäude, in dem eine größere Stadtteilbibliothek, Räume der Volkshochschule, der Musikschule, Beratungsmöglichkeiten und vielleicht ein Café untergebracht werden sollen. „Das wäre etwas Innovatives für ganz Berlin mit viel Strahlkraft für das Quartier“, ist Jennifer Nagel überzeugt.

Überlegt wird auch, das Begegnungszentrum der Zuversichtskirche abzureißen und auf dem Grundstück am Brunsbütteler Damm ein neues Stadtteilzentrum für die Louise-Schroeder-Siedlung zu errichten, das um eine Kita ergänzt werden könnte. Auf vier landeseigenen Grundstücken am Cosmarweg ist neben dem neuen Naturerfahrungsraum ebenfalls eine neue Kita geplant, bei der das Land sein Modell für schnelles Bauen mit Fertigteilmodulen erproben will.

Und auch der triste Vorplatz des Einkaufszentrums soll aufgewertet werden. „Dort, wo sich Menschen treffen, die man etwas mit gemischten Gefühlen betrachtet“, solle dann eine Fläche mit Aufenthaltsqualität für alle Bewohner des Quartiers Heerstraße-Nord entstehen, sagte Jennifer Nagel. Die Flächen gehörten allerdings zum Staaken-Center. Mit dem privaten Eigner führe das Bezirksamt bereits Gespräche. In diesem Jahr soll es eine Machbarkeitsstudie zu dem Vorhaben geben.

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