Berlin

Welle der Gewalt gegen BVG-Personal

Sechs Attacken auf Fahrer und Kontrolleure in nur drei Tagen. Sprecherin: „Hemmschwelle ist spürbar gesunken“.

Trotz Videoüberwachung kommt es immer wieder zu Angriffen auf BVG-Personal und Sicherheitskräfte (Symbolbild)

Trotz Videoüberwachung kommt es immer wieder zu Angriffen auf BVG-Personal und Sicherheitskräfte (Symbolbild)

Foto: dpa Picture-Alliance / Arno Burgi / picture-alliance/ dpa

Berlin.  Ein brutaler Überfall auf einen Mitarbeiter der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) hatte am Wochenende bundesweit für Schlagzeilen gesorgt. Doch die Attacke, bei der in Hellersdorf ein 49 Jahre alter Mitarbeiter der Verkehrsbetriebe schwere Kopf- und Augenverletzungen erlitt, ist in der Stadt längst kein Einzelfall mehr, sondern beinahe schon die Regel. „Es vergeht kaum ein Tag, an dem unsere Einsatzzentralen nicht solche und ähnliche Meldungen über Gewaltvorfälle von unseren Mitarbeitern erhalten“, sagte BVG-Sprecherin Petra Reetz am Montag der Berliner Morgenpost.

Nach ihren Angaben hat es allein in den vergangenen drei Tagen fünf weitere Zwischenfälle gegeben, bei denen BVG-Mitarbeiter von Fahrgästen attackiert und angegriffen worden. Dabei bleibt es längst nicht bei verbalen Wortgefechten, da wird auch geschubst, geschlagen oder mit Waffen gedroht. So bedrohte etwa am Sonntagmorgen im U-Bahnhof Wittenau (U-Bahnline 8) ein Mann einen Sicherheitsmitarbeiter mit einem Messer. Laut Polizei handelte es sich um einen 27 Jahre alten Mann, der stark alkoholisiert war. Am Sonnabendnachmittag kam es zu einer Auseinandersetzung in einem Bus der Linie M29. Ein 29-Jähriger weigerte sich zunächst, bei einer Kontrolle sein Ticket vorzuzeigen. Der Schwarzfahrer schrie den 36 Jahre alten Kontrolleur an und schubste ihn. Der Kontrolleur wurde dabei am Hals verletzt. Am Sonntagabend eskalierte am Bahnhof Südstern (U-Bahnlinie U7) die Situation. Dort wurde ein Triebfahrzeugführer mit einer Flasche beworfen, Scheiben gingen dabei zu Bruch. Auch in diesem Fall musste die Fahrt des Zuges unterbrochen und die Polizei gerufen werden.

Die Fahrgäste waren auch Leidtragende einer Attacke, die sich dann am frühen Montagmorgen am Hauptbahnhof ereignete. Dort versuchte ein Mann in einen Bus einzusteigen, der bereits von der Haltestelle abgefahren war. Als der Bus an einer roten Ampel noch einmal stoppen musste, versuchte der Mann die hintere Tür des Busses mit Gewalt aufzudrücken. Polizisten der 23. Einsatzhundertschaft, die zufällig in der Nähe waren, beobachteten das und kamen dem Busfahrer zu Hilfe. Bei dem Gerangel wurde der Fahrer an der linken Hand verletzt. Gegen den 27 Jahre alten Tatverdächtigen wird nun wegen Körperverletzung und Sachbeschädigung ermittelt, weil die Tür nach der Attacke Funktionsstörungen aufwies. Bei dem Vorfall am Sonnabendmorgen wurde, wie berichtet, ein 49-jähriger BVG-Mitarbeiter am U-Bahnhof Louis-Lewin-Straße von einem Unbekannten, der zuvor mit einer Waffe gesehen worden war, attackiert. Der BVG-Mitarbeiter wurde dabei schwer am Kopf verletzt. Die Ärzte kämpfen noch immer darum, dass der Mann sein Augenlicht nicht verliert.

Angriffe von Fahrgästen werden immer brutaler

Attacken auf BVG-Mitarbeiter sind nicht unbedingt eine neue Erscheinung. Rein quantitativ sind sie sogar zurückgegangen. Nach dem zuletzt von den Verkehrsbetrieben veröffentlichten Sicherheitsbericht gab es 2016 insgesamt 555 Übergriffe auf Mitarbeiter, davon 67, die Krankschreibungen von mehr als drei Tagen zur Folge hatten. Zum Vergleich: Im Jahr 2012 wurden mit 1004 noch fast doppelt so viele Angriffe gezählt. Allerdings: „Die Kollegen beobachten eine deutliche Zunahme der Gewaltbereitschaft“, so BVG-Sprecherin Reetz. Die Hemmschwelle der Angreifer, jemanden in einer Auseinandersetzung ernsthaft zu verletzten, sei dabei spürbar gesunken.

„Ich bin fassungslos und hoffe sehr, dass der Mitarbeiter wieder gesund wird“, kommentierte Jens Wieseke die Gewalttat. Der Sprecher des Berliner Fahrgastverbandes Igeb sieht den Vorfall als Indiz für eine überaus bedenkliche gesellschaftliche Entwicklung: „Gerade die Berliner U-Bahn wird immer mehr als rechtsfreier Raum wahrgenommen.“ Wieseke fordert die Politik auf, Lösungen zu finden. Die jüngsten Übergriffe auf BVG-Mitarbeiter seien ein Angriff auf den gesamten öffentlichen Nahverkehr, weil sie das Sicherheitsgefühl der Reisenden bedrohten.

Ähnlich sieht das Innenexperte Tom Schreiber (SPD). Er fordert eine härtere Auslegung des Hausrechts. „Wer BVG-Mitarbeiter angreift, muss mit Hausverbot belegt werden“, sagte Schreiber der Berliner Morgenpost. Man könne etwa überlegen, Gewalttätern die Benutzung von öffentlichen Verkehrsmitteln zu untersagen.

Auch Feuerwehrleute, Rettungs­sanitäter, Ordnungsamtsmitarbeiter und selbst Polizisten sehen sich häufig Angriffen ausgesetzt. Im vergangenen Jahr hatte es nach Informationen der Berliner Morgenpost erneut mehr Übergriffe auf Rettungskräfte und Polizisten gegeben. Die Polizeiliche Kriminalitätsstatistik für 2017 weist einen Anstieg zwischen fünf und zehn Prozent aus.

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