Hoher Investitionsstau

Berlins Hochschulen sind ein Sanierungsfall

An Berlins Hochschulen besteht ein riesiger Investitionsstau. Ein neues Gutachten beziffert den Finanzbedarf auf 3,2 Milliarden Euro.

Das Hauptgebäude der Humboldt-Universitaet Unter den Linden in Mitte muss saniert werden (Archiv)

Das Hauptgebäude der Humboldt-Universitaet Unter den Linden in Mitte muss saniert werden (Archiv)

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Berlin. Der Sanierungsbedarf an den Gebäuden der elf staatlichen Berliner Hochschulen ist höher als bisher angenommen. Laut einem noch unveröffentlichten Gutachten wird er auf 3,2 Milliarden Euro beziffert. Das hat die Berliner Morgenpost aus Wissenschaftskreisen erfahren. Bislang gingen Schätzungen eher von der Hälfte der benötigten Summe aus.

Das Abgeordnetenhaus hatte die Senatswissenschaftsverwaltung bereits 2013 aufgefordert, den Investitionsbedarf der Hochschulen zu ermitteln. 2014 wurde dann mit der Landeskonferenz der Hochschulrektoren vereinbart, dass diese ein Gutachten zum Sanierungsbedarf in Auftrag geben soll. Die Aufgabe übernahm federführend die Technische Universität, ein Rechtsstreit im Ausschreibungsverfahren für die Expertise sorgte aber für lange Verzögerungen.

Schließlich wurde ein externes Planungs- und Beratungsunternehmen damit beauftragt, rund 450 Bestandsgebäude in einem Scan zu untersuchen. Das Gutachten wird nach Morgenpost-Informationen im Februar oder März veröffentlicht. Es soll die Datengrundlage liefern, um ein Bauprogramm für die Hochschulen mit transparenten Finanzierungsplänen und Prioritätensetzungen zu entwickeln.

Hochschulsanierung zählt zu den Schwerpunkten von Rot-Rot-Grün

Investitionen in Berlins Hochschulen von 100 Millionen Euro pro Jahr für Sanierungen und Neubauten gehören zu den Schwerpunkten der rot-rot-grünen Landesregierung. Die Wissenschaftspolitik verantwortet der Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD). In den kürzlich unterzeichneten Hochschulverträgen wurden Investitionszuschüsse vereinbart, weitere Projekte werden über die im Landeshaushalt abgebildete Investitionsplanung und den Investitionsfonds des Landes „Siwana“ finanziert.

Seit 2015 stellt Berlin zudem im Rahmen des „Investitionspakts Hochschulbau“ zusätzlich 32 Millionen Euro pro Jahr für Sanierungen an Hochschulen zur Verfügung. Das Geld stammt aus der Bafög-Finanzierung, die der Bund inzwischen allein trägt.

Größter Teil der Summe ist noch nicht finanziert

All das reicht aber nicht, um den Sanierungsstau von 3,2 Milliarden Euro abzubauen. Bislang ist nach Schätzung von Beobachtern etwa ein Drittel der Summe abgedeckt, der größere Teil müsste noch finanziert werden. Der fehlende Milliardenbetrag könnte über rund 15 Jahre gestreckt werden und würde folglich 140 bis 150 Millionen Euro pro Jahr zusätzlich ausmachen. Er müsste in den Beratungen für die nächsten Doppelhaushalte und bei der Verteilung der Mittel aus dem Investitionsfonds des Landes Berlin berücksichtigt werden.

Sanierungsbedarf melden alle staatlichen Hochschulen und Universitäten, er trifft sie aber in unterschiedlichem Umfang. Eines der prominentesten Projekte ist die Grundsanierung des Hauptgebäudes der Humboldt-Universität Unter den Linden. Allein der erste Bauabschnitt wird laut Senatsverwaltung auf knapp 47 Millionen Euro taxiert. Baubeginn soll in diesem Jahr sein, der Abschluss des ersten Bauabschnitts ist für 2022 geplant.

An der Freien Universität wartet bei der Sanierung ein „dicker Brocken“

Ein „dicker Brocken“ an der Freien Universität ist die Sanierung der Häuser an der Arnimallee und Takustraße (Dahlem), in denen das Institut für Chemie und Biochemie untergebracht ist. Sie stammen teils aus den 60er- und 70er-Jahren und weisen funktionale Defizite, Schadstoffbelastung, Brandschutzprobleme und hohe Betriebskosten auf. Wegen der veralteten Technik und Gebäudehüllen ist der Energieverbrauch sehr hoch.

Die Grundsanierung kommt einem Neubau gleich, denn die Häuser werden bis auf das Betonskelett rück- und anschließend neu aufgebaut. Das Projekt ist in zwei Bauabschnitte aufgeteilt, die insgesamt Kosten von rund 133 Millionen Euro verursachen. Der erste Bauabschnitt soll in diesem Frühjahr beendet werden, der umfangreichere zweite unmittelbar danach beginnen und bis 2022 dauern.

Sanierungsbedarf der Charité von 1,4 Milliarden Euro kommt noch hinzu

An der Technischen Universität steht unter anderem die Sanierung des Geländes an der Seestraße in Wedding an. Sie wird nach Angaben der TU auf 46 Millionen Euro beziffert, wobei allein die Sanierung des Lehr- und Laborgebäudes an der Seestraße 13 mit 36 Millionen Euro zu Buche schlägt. Das Land Berlin hat bislang 26 Millionen Euro zugesagt. Im Jahr 2020 soll die 67 Millionen Euro teure Sanierung des Physikgebäudes beginnen, die voraussichtlich fünf Jahre dauern wird.

Auch das Severin-Gelände am Salzufer mit fünf Häusern und Hallen muss für einen zweistelligen Millionenbetrag komplett erneuert werden. Dort sind vor allem die Fachbereiche Maschinenbau und Verkehrstechnik beheimatet. Die notwendige Sanierung des Gebäudes der Flugtechniker an der Marchstraße wird etwa 25 bis 30 Millionen Euro kosten. Grundsätzlich, so die TU, müssten alle Häuser aus den 70er-Jahren überholt werden.

Die Charité ist im Gutachten über den Sanierungsbedarf an den Berliner Hochschulen nicht enthalten. Insgesamt beträgt der Investitionsbedarf der Charité laut aktuellem Gesamtentwicklungsplan rund 1,4 Milliarden Euro, wovon das Land Berlin etwa 1,1 Milliarden Euro trägt. Nach Angaben des Universitätsklinikums entfallen rund 30 Prozent auf Sanierungsprojekte, also rund 420 Millionen Euro. 55 Prozent entfallen auf Neubauten und 15 Prozent auf Erneuerung der technischen Infrastruktur.

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