Sexueller Missbrauch

Canisius-Kolleg: Stückweise fällt die Mauer des Schweigens

Acht Jahre sind seit dem Skandal um sexuelle Gewalt am Canisius-Kolleg vergangen: Vieles ist immer noch nicht aufgearbeitet.

Das Berliner Canisius-Kolleg wurde 2010 von einem Missbrauchsskandal erschüttert (Archiv)

Das Berliner Canisius-Kolleg wurde 2010 von einem Missbrauchsskandal erschüttert (Archiv)

Foto: dpa Picture-Alliance / Stephanie Pilick / picture alliance / dpa

Berlin. Er wollte die „Mauer des Schweigens“ brechen, mit der Kirche und Schule über Jahrzehnte die schrecklichen Taten gedeckt hatten: Diesen Satz sprach Jesuitenpater Klaus Mertes, damals Rektor des Canisius-Kollegs in Tiergarten, vor genau acht Jahren zum ersten Mal öffentlich aus. Und wiederholte ihn danach über Jahre. Der erste Bericht über den Missbrauchsskandal an dem Elitegymnasium stand am 28. Januar 2010 in der Berliner Morgenpost.

Bis in die 80er-Jahre hatten mehrere Lehrer massenhaft Schüler der Schule sexuell missbraucht. Die Aufdeckung des Skandals beendete das Schweigen. Doch die Aufarbeitung dauert bis heute an.

Nachdem sich ihm immer mehr Missbrauchsopfer anvertraut hatten, die in den 70er- und 80er-Jahren durch Lehrer des Kollegs sexuelle Gewalt erlitten hatten, schrieb Mertes Ende 2009 alle Schüler der betroffenen Jahrgänge an. Er entschuldigte sich im Namen des Kollegs und fragte zugleich, welche Strukturen in Schule und katholischer Kirche es begünstigt hätten, „dass Missbräuche geschehen und de facto auch gedeckt werden können“.

Zwar gab es beim Jesuitenorden bereits seit 2007 eine Beauftragtenstelle für Opfer. Doch wie schwierig und langwierig es tatsächlich ist, Missbrauch aufzudecken und zu ahnden, zeigte sich in den folgenden Jahren. Erst im vergangenen Jahr eröffnete die katholische Kirche ein weiteres Verfahren gegen einen der beschuldigten damaligen Patres des Kollegs.

Bundesbeauftragter: „Der Skandal dauer bis heute an“

Auch für Johannes-Wilhelm Rörig, den Bundesbeauftragten für Fragen des Kindesmissbrauchs, „dauert der Skandal bis heute an“. Das sagte er diese Woche in einer Mitteilung anlässlich des achten Jahrestags des Canisius-Skandals. Er verwies auf den aktuellen, erschütternden Fall eines neunjährigen Jungen in Freiburg, der laut Polizei von seiner Mutter und deren Lebensgefährten über mehr als zwei Jahre in zahlreichen Fällen Männern für Vergewaltigungen überlassen worden sein soll.

2010 hatte die damalige Bundesregierung mit einem Runden Tisch auf den Berliner Skandal reagiert, 2013 wurden die Verjährungsfristen für Missbrauchs­taten an Minderjährigen verlängert. Auch heute würden in Deutschland noch täglich rund 40 Fälle sexueller Gewalt angezeigt, so Rörig. „Aber das Dunkelfeld ist viel größer.“

„Traumaspezifische Therapieplätze fehlen“

Neben dem Missbrauch in der Familie und in Einrichtungen werde das Internet zunehmend Tatort sexueller Gewalt, so Rörig. „Viele Menschen wissen nicht, was sexuelle Gewalt ist, wie Täterstrategien funktionieren und an wen sie sich bei Vermutung oder Verdacht werden können.“ Der Beauftragte fordert deshalb eine Aufklärungskampagne „in der Dimension der Anti-Aids-Kampagne“ sowie ein Gesetz zum Kampf gegen Kindesmissbrauch. Der Betroffenenrat, der sich 2015 gründete, fordert, auch die Opfer sexueller Gewalt an politischen Entscheidungen zum Thema zu beteiligen. Noch immer fehlten traumaspezifische Therapieplätze.

Warum die Aufarbeitung von Missbrauch so schwer ist, zeigt exemplarisch der Canisius-Skandal. War zunächst von etwa einem Dutzend Opfer die Rede, sind es mittlerweile rund hundert, die sich im Laufe der Jahre bei Opferbeauftragten, Anwälten und Betroffenen-Initiativen wie dem Eckigen Tisch meldeten.

Und auch bei Pater Mertes, der in seinem Brief an die Schüler 2010 bekannte, er habe erst in den Gesprächen mit den Opfern verstanden, „welche tiefen Wunden sexueller Missbrauch im Leben junger Menschen hinterlässt und wie eine ganze Biografie dadurch beschädigt werden kann“. Der Erkenntnis, dass Traumata oft erst nach Jahren oder Jahrzehnten aufbrechen, tragen zwar die verlängerten Verjährungsfristen Rechnung. Für eine juristische Aufarbeitung der Taten am Canisius-Kolleg kamen sie jedoch zu spät.

Einer der Hauptbeschuldigten lebt bis heute in Freiheit

So kommt es, dass Pater Peter R., einer der Hauptbeschuldigten des Skandals am Canisius-Kolleg, bis heute als Rentner in Freiheit lebt. Zwar hatte es schon Jahrzehnte früher Hinweise auf die Taten R.s gegeben, doch 1983 versetzte die Kirche R. nach Hildesheim, statt ihn anzuzeigen. Dort war er wiederum in der Jugendarbeit tätig.

Erst ab 2016 ließ das Bistum Hildesheim die Missbrauchstaten mehrerer Kirchenangehöriger in seinem Bereich durch ein unabhängiges Institut systematisch untersuchen. Das listete in seinem Bericht elf weitere Fälle sexualisierter Gewalt während der Tätigkeit R.s bis 2003 im Bistum Hildesheim auf. Auch sie waren allerdings beim Bekanntwerden bereits verjährt.

Es könne detailliert gezeigt werden, sagten die Gutachter Ende 2017, wie die katholische Kirche mit dem sexuellem Missbrauch umgegangen sei: Keine Gemeinde, die den verdächtigen Priester beschäftigte, wurde über die Gefahr informiert, die von ihm ausging.

Die Kirche verschwieg der Staatsanwaltschaft einen Verdacht gegen R.

Die Kirche kann mutmaßliche Täter nach eigenem Recht verurteilen und auch Verjährungsfristen aufheben. 2010 wurde R. in einem ersten kirchlichen Verfahren vom Priesterdienst ausgeschlossen, Priester darf er sich jedoch weiterhin nennen. Außerdem musste er 4000 Euro Strafe ans Kirchengericht zahlen. Anlass waren damals nicht die Taten am Canisius-Kolleg, sondern der mutmaßliche Missbrauch an einem Mädchen, das den Priester in seiner Wohnung in Berlin besucht hatte.

Die Kirche informierte damals zwar die Berliner Staatsanwaltschaft, verschwieg allerdings den Verdacht aus R.s Zeiten am Canisius-Kolleg. Hätte sie diesen weitergegeben, wäre wohl niemand von einem Einzelfall ausgegangen und R. womöglich strafrechtlich zur Rechenschaft gezogen worden. So aber wurde das Verfahren eingestellt. Im vergangenen Jahr bat das Berliner Kirchengericht des Erzbistums die Opfer des Canisius-Kollegs um detaillierte Zeugenaussagen. Seit Herbst läuft nun ein weiteres Verfahren gegen R. Diesmal geht es tatsächlich um die Zeit am Canisius-Kolleg. Wann ein Urteil ergeht, ist offen.

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