Spiele-Trends

Das Spielzeug der Zukunft kommt aus Berlin

Neue Ideen für die Kleinen: Diese Berliner Unternehmen zeigen, womit Kinder künftig häufiger spielen werden.

Antonia Borek und Timo Dries, Gruender des Spiele-App- unternehmens Fox & Sheep

Antonia Borek und Timo Dries, Gruender des Spiele-App- unternehmens Fox & Sheep

Foto: Carsten Koall / Carsten Koall/carstenkoall.com

Berlin. Puzzle, „Mensch ärgere Dich nicht“ und Memory waren gestern – in Zukunft zieht immer mehr Elektronik in die Kinderzimmer ein. Das wird man auch auf der Spielwarenmesse 2018 sehen, die vom kommenden Mittwoch an bis 4. Februar in Nürnberg die Neuheiten der Spieleindustrie präsentiert.

2902 Firmen aus 68 Ländern sind dabei, 2017 waren 73.000 Gäste zu der Messe gekommen, die allerdings nicht für das breite Publikum, sondern nur für Fachbesucher geöffnet ist. Als große globale Trendthemen gelten in diesem Jahr „Explore Nature“ (Entdecke die Natur), „Just for Fun“ – Spielzeug, bei dem der Spaßfaktor im Vordergrund steht – sowie „Team Spirit“, dazu zählen Spiele, bei denen man nur gemeinsam zum Ziel gelangt. Weiterhin eine zentrale Rolle nimmt im Kinderzimmer die besagte Elektronik ein, viele Hersteller setzen bei ihren Produkten dabei auf Smartphone und Apps.

Marktforschern zufolge ist der deutsche Spielwarenmarkt 2017 nicht gewachsen. Der Handelsverband Spielwaren BVS geht von einem Gesamtvolumen von rund 3,1 Mrd. Euro aus – was Stagnation bedeuten würde. Genaue Zahlen liegen noch nicht vor. Die Berliner Morgenpost stellt hier vier Unternehmen aus Berlin vor, die zeigen, was künftig in Kinderzimmern gefragt sein wird.

Spielzeug, das lebendig wird

Der kleine, rote Plastikwürfel ist das Herzstück des Roboter-Spielzeugs Tinkerbots. „Powerbrain“ hat die Firma das Bauteil getauft, das dank seines technischen Innenlebens, Spielzeug zum Leben erweckt. Um zu zeigen, wie schnell das geht, steckt Tinkerbots-Chefin Adrienne Fischer den Würfel mit einem weiteren Plastik-Modul zusammen. Sekunden später steht ein kleiner Roboter auf dem Tisch und der Greifarm geht auf und zu. Surr, surr, macht die Maschine. Adrienne Fischer lächelt. Die 35 Jahre alte Berlinerin führt seit anderthalb Jahren die Geschäfte bei dem Start-up aus Moabit.

Tinkerbots gibt es in sieben verschiedenen Baukästen. Die unterschiedlichen Teile können Kinder beliebig zusammenstecken. Die neue Spiele-Welt öffnet sich aber erst mit dem Drücken auf den Aufnahmeknopf am „Powerbrain“. Kleine Baumeister können den Robotern so Bewegungen vormachen, die von den Tinkerbots dann beliebig oft wiederholt werden. Die Macher haben aber auch eine App programmiert.

Adrienne Fischer zückt jetzt ihr Smartphone. Auf der bunten Oberfläche klickt sich die Geschäftsführerin durch Bauanleitungen. Mit dem Programm können Kinder die Tinkerbots aber auch durch Missionen steuern – oder gleich ganz neu programmieren.

Längst haben sich die etablierten Spielzeug-Hersteller nach dem Berliner Unternehmen umgeguckt. Erste Übernahmeangebote gab es bereits. „Die Branche lechzt nach Innovationen. Wir sind Pioniere auf dem Gebiet“, erklärt Adrienne Fischer. Ob das noch immer so ist, wird sich die Tinkerbots-Chefin auch auf der Nürnberger Spielwarenmesse (31. Januar bis 4. Februar) anschauen. Einen kleinen Anknüpfungspunkt an die alte Welt hat das Spielzeug der Zukunft dann aber doch: Mit den sogenannten Adapterplatten können auf den Tinkerbots auch die alten Lego-Steine angebracht werden.

Warum kaufen, wenn man auch mieten kann?

Bis unter die Decke ist das Lager des Berliner Unternehmens „meinespielzeugkiste.de“ gefüllt: Autos in Gelb, Rot und Blau, Eisenbahnen, Gesellschaftsspiele, Bücher und Hörspiele liegen gestapelt in den Regalen. Mitten in diesem Kinderzimmer-Traum steht Florian Spathelf. Gemeinsam mit seinem Geschäftspartner hat er vor sechs Jahren gewissermaßen die Spielzeug-Flatrate erfunden. Anstatt zu kaufen, können Eltern die Spielsachen bei dem Unternehmen aus Weißensee einfach leihen. Monatlich kostet das zwischen 5 und 35 Euro, je nachdem, welche und wie viele Spielzeuge die Lieferungen beinhalten sollen. „Wenn ein Spielzeug für die Kinder nicht mehr interessant ist, schickt man es einfach zurück anstatt es im Keller abzustellen“, erklärt Spathelf. Die Spielsachen dürfen dabei so lange behalten werden, bis das Kind sie in die Ecke verbannt.

Das Konzept kommt an: Derzeit hat das Unternehmen rund 5300 Abonnenten. Vor einem Jahr waren es erst 2900. Die steigende Nachfrage ist auch potenten Geldgebern aufgefallen. Erst vor einigen Monaten hatten Spathelf und Mitgründer Florian Metz bei einer neuen Finanzierungsrunde 2,2 Millionen Euro eingesammelt. Mit dem Geld leisten sich die Gründer ein größeres Dach über dem Kopf: Von dem 250-Quadratmeter-Bürolager in Weißensee zieht die Firma demnächst in ein 1000-Quadratmeter-Loft in Wedding.

Mehr Platz benötigt vor allem die Logistik. Denn die Annahme zurückgeschickter Pakete ist aufwendig: Mitarbeiter packen die Rücksendungen aus, desinfizieren die Spielsachen, zählen und erfassen die Teile. Ist mal etwas verloren gegangen, ist das nicht schlimm. „meinespielzeugkiste.de“ verfügt über ein reichhaltiges Ersatzteillager. Mit einigen Firmen hat das Start-up besonders günstige Einkaufspreise vereinbart. „Wir haben kein Vollsortiment. Die Spielzeughersteller erhoffen sich, dass Kinder und Eltern auf eine Serie neugierig werden und weitere Teile im Handel kaufen“, so Spathelf.

In einigen Segmenten platzt der Kindertraum mitunter auch: Videospiele etwa gibt es nicht. „Wir haben mit Experten einen Kriterienkatalog entwickelt und bieten nur Spielzeug an, das die gesunde Entwicklung der Kinder fördert.“

Programmieren mit dem Mini-Computer

Im November 2016 war der sternförmige Mini-Computer Calliope der Star auf dem nationalen IT-Gipfel der Bundesregierung. Kanzlerin Angela Merkel (CDU) und der damalige Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) ließen sich das Gerät vorführen, mit dem Grundschüler programmieren lernen, auf die Digitalisierung vorbereitet werden sollen.

Mehr als ein Jahr später sitzt Jørn Alraun, einer der Gründer des gemeinnützigen Unternehmens, in einem Büro in Berlin-Mitte. Seit dem Auftritt bei Kanzlerin Merkel und Gabriel sind mehr als 15.000 der Mini-Computer in deutschen Klassenzimmern verteilt worden. Weil Sponsoren helfen, ist das digitale Unterrichtsmaterial für die Schulen kostenlos. In fast allen Bundesländern laufen inzwischen Pilotprojekte oder werden geplant. Jørn Alraun versucht, den Erfolg zu erklären: Deutschland habe noch immer Nachholbedarf beim Thema Digitalisierung. Kinder wachsen zwar heute in einem Umfeld geprägt durch Smartphone und Internet auf. Doch wenn es ums Programmieren gehe, schrecke der Nachwuchs häufig zurück, so Alraun. Calliope könnte Ängste abbauen. Mitunter blinkt und pfeift das Gerät. Kinder sollen so spielerisch lernen, wie Schaltungen, Software und Sensoren funktionieren, was Algorithmen sind und wie die Technik um sie herum prinzipiell arbeitet, erklärt Alraun.

Sieben mal acht Zentimeter groß ist der Calliope Mini, hat ein Display aus 25 LEDs, einen bluetoothfähigen Prozessor und vier Input-Output-Kontakte zum Basteln. Verbaut ist zudem ein Lage- und Beschleunigungssensor sowie ein Mikro-USB-Anschluss. Auch zwei Anschlüsse für externe Geräte wie zum Beispiel Lautsprecher oder ein Mikrofon gehören dazu. Über drei verschiedene Editoren kann der Calliope programmiert werden. Der Computer kann so zum Beispiel als Schrittzähler, Zufallsgenerator oder zur Steuerung eines Roboters eingesetzt werden. Die verschiedenen Aufgabenstellungen hat ein Schulbuchverlag bereits in einem dicken Buch zusammengefasst, das kostenlos heruntergeladen werden kann.

Marktführer aus einem Hinterhof in Mitte

Daddeln kurz vor dem Einschlafen: Die App „Schlaf gut“ der Berliner Spieleschmiede Fox & Sheep gehört in einigen Haushalten zum festen Ritual vor dem Zubettgehen. Mehr als fünf Millionen Mal ist das Programm bereits heruntergeladen worden. „Das ist unser Dauerbrenner“, sagt Antonia Borek, Geschäftsführerin des Unternehmens. Seit 2012 entwickelt das Start-up aus Mitte Spiele-Apps für Tablets und Smartphones. Weil die Hauptdarsteller in den ersten Spielen ein Fuchs und ein Schaf waren, nannte Chefin Verena Pausder die Firma Fox & Sheep. So einfach ist das manchmal.

Schwieriger ist da schon die Hauptzielgruppe für die Kreationen aus dem Hinterhofbüro in Berlin-Mitte. „Kinder sind brutal ehrlich“, sagt Fox & Sheep-Geschäftsführerin Antonia Borek. Es ist wohl die größte Herausforderung für einen Spiele-Entwickler, anzuerkennen, wenn eigene Ideen bei der Zielgruppe nicht zünden. „Wir nehmen das ernst, wenn ein Kind die App nach fünf Minuten wieder ausmacht“, erklärt Borek. Ein Glück, kommt das nicht so häufig vor: Mehr als 20 Millionen Mal sind die Spiele von Fox & Sheep schon heruntergeladen worden. Damit ist das Unternehmen Marktführer in Deutschland. Aber auch international werden Spiele aus Berlin immer gefragter. Mittlerweile lassen die App-Programmierer ihre Neu-Entwicklungen in rund ein Dutzend Sprachen übersetzen.

Den guten Riecher der Macher haben andere Unternehmen längst entdeckt. Seit einigen Monaten verdient Fox & Sheep auch Geld mit Auftragsproduktionen. Derzeit arbeiten die Software-Spezialisten für einen Automobilhersteller an einer App, die Kindern während der Autofahrt die Zeit vertreiben soll. Ein GPS-Tracker sorgt dafür, dass sich das Spielerlebnis während der Fahrt verändert, sagt Produkt-Chef Timo Dries. Neue technische Möglichkeiten werden in den nächsten Jahren weitere Innovationen hervorbringen. In den Games der Zukunft verschmelzen reale Umgebung und Spiele-Grafik. Zuletzt konnte Dries deswegen sogar Fox & Sheep-Figuren auf dem firmeneigenen Holztisch tanzen lassen.

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