Brandenburg (Havel)

Wieder Radfahrerin von Lkw überrollt

Ein zehn Jahre altes Mädchen stirbt, weil ein Lastwagenfahrer esbeim Abbiegen übersieht

Brandenburg (Havel). Die Nachricht hätte schrecklicher nicht sein können. Am Mittwochnachmittag kam bei einem Unfall in Brandenburg (Havel) ein zehnjähriges Mädchen ums Leben. Das Kind sei an einer Kreuzung vom Fahrer eines abbiegenden Lkw offenbar übersehen und dadurch von dem Fahrzeug überrollt worden, teilte die zuständige Polizeidirektion West mit. Passanten versuchten ebenso entschlossen wie verzweifelt, Erste Hilfe zu leisten, hatten allerdings angesichts der schweren Verletzungen des Kindes keine Chance. Auch die Bemühungen der Ärzte im Krankenhaus, in das Rettungssanitäter das Mädchen gebracht hatten, blieben vergebens. Die Zehnjährige erlag nur wenige Stunden nach dem Unfall ihren Verletzungen.

Das Opfer lebte mit seiner Mutter und mehreren Geschwistern im Flüchtlingsheim des Deutschen Roten Kreuzes an der Upstallstraße. Nach bisherigen Ermittlungserkenntnissen der Polizei war das Mädchen dort gegen 16 Uhr mit einem Rad unterwegs. Zeugen berichteten der Polizei, das Kind habe an der Kreuzung Rathenower Landstraße vorschriftsmäßig an der roten Ampel gewartet. Als die Ampel auf Grün sprang, fuhr die Kleine los. Gleichzeitig setzte sich der neben ihr stehende Lkw, ein Kipplaster aus dem Landkreis Havelland in Bewegung und bog nach Rechts ab. Dabei geriet das Mädchen unter das tonnenschwere Fahrzeug, es hatte keine Chance. Kurz vor 22 Uhr konnten die Ärzte des städtischen Klinikums nur noch den Tod feststellen.

Forderungen nach technischen Sicherheitssystemen

Wie Polizeisprecher Oliver Bergholz am Donnerstag mitteilte, wird das Unfallgeschehen derzeit von Experten der Kriminalpolizei und einem Unfallsachverständigen untersucht. Die Ermittlungen sind noch nicht abgeschlossen, aber schon jetzt spricht alles dafür, dass das Kind sich im „toten Winkel“ des Lkw befunden hatte. Es ist der kurze, mitunter tödliche Moment, in dem ein Lkw-Fahrer beim Abbiegen die rechte Seite seines Fahrzeugs nicht vollständig einsehen kann.

Dieser Moment wurde am Dienstag auch einer 53-jährigen Berlinerin zum Verhängnis, die am frühen Vormittag in Schöneberg mit dem Rad unterwegs war und ebenfalls von einem nach Rechts abbiegenden Lkw überrollt wurde. Die Frau erlag noch am Unfallort ihren schweren Verletzungen, der Lkw-Fahrer erlitt einen Schock. Die Ermittlungen zu dem Unfall durch den Verkehrsdienst der Polizeidirektion 4 sind ebenfalls noch nicht abgeschlossen.

Nach den beiden jüngsten Vorfällen in einer ganzen Serie tragischer Unfälle dieser Art wurden erneut Forderungen nach einer überfälligen Reaktion bei Politik und Verkehrsbehörden laut. Gefordert werden vor allem gesetzliche Maßnahmen, die die Installation technischer Sicherungssystem in Lkw zur Pflicht machen. Diese Systeme gibt es bereits in Form von Kameras aber auch von sogenannten Abbiegeassistenten. Das System überwacht mittels Sensoren die Bereiche vor und neben dem Lkw und warnt den Lkw-Fahrer durch ein akustisches Signal, wenn sich beim Anfahren oder während des Abbiegevorgangs ein Fußgänger oder ein Radfahrer dem Lkw nähert und die Gefahr einer Kollision besteht. Lkw-Hersteller wie Mercedes bieten dieses System seit Langem an.

Vehement unterstützt werden solche Forderungen vor allem des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs (ADFC). Dieser drängt schon seit Langem auf eine gesetzlich verankerte Pflicht, nach der Lkw mit Abbiegeassistenten ausgestattet sein müssen. „Gesagt wurde zu dem Thema inzwischen alles, jetzt muss gehandelt werden“, sagte ADFC-Sprecherin Stephanie Krone am Donnerstag.

Auf Freiwilligkeit könne man nicht setzen, Speditionen und Transportunternehmen würden sich die Ausgaben für verbesserte Sicherungen gern sparen wenn sie die Möglichkeit dazu haben“, so die Sprecherin. „Die Situation ist kritisch, die Zahl der Unfälle mit Beteiligung von Radfahrern und Lkw steigt unseren Statistiken zufolge stetig“, sagte Krone.

Dass Länder wie Berlin und Brandenburg ebenfalls auf Verbesserungen der Sicherheit drängen, bewertet der ADFC positiv, Krone gibt den zuständigen Ministerien und Verwaltungen den Rat: „Wie wäre es, wenn sie mit gutem Beispiel vorangingen und anfangen, ihre eigenen Dienstfahrzeuge und Fuhrparks umrüsten?“

Dirk Benndorf, Sprecher der Prüfgesellschaft Dekra in Potsdam empfiehlt Radfahrern, die neben einem Lkw stehen, diesen gut zu beobachten und nach Möglichkeit Blickkontakt zum Fahrer zu suchen. Auf einem Lkw-Vorderreifen lasteten etwa drei Tonnen Gewicht, sagte Benndorf. Sein Fazit: „Die Folgen eines Unfalls mit einem solchen Fahrzeug sind verheerend.“