Neue Ausstellung

Riesige Stalin-Figur an der Karl-Marx-Allee aufgestellt

Der Fünf-Meter-Koloss stammt aus der Mongolei. Am Dienstag wurde die Statue kurzzeitig an der Karl-Marx-Allee aufgestellt.

Berlin. Es ist kurz vor Mittag, als Josef Wis­sarionowitsch Stalin an Kranseilen in den Hof der Gedenkstätte Hohenschönhausen schwebt. Die 4,80 Meter große Statue, eine Leihgabe aus der Mongolei, hat schon eine kleine Tour durch die Stadt hinter sich: Morgens um neun hat man sie für eine halbe Stunde an der Karl-Marx-Allee 70f aufgestellt, wo bis 1961 ein Ebenbild von ihr stand. Ein Fotograf, der dabei war, erzählt, die kurze Wiederkehr an der ehemaligen Stalinallee habe keinen Passanten groß interessiert. Zu kalt? „Auch. Aber eher zu früh.“

In der Nacht vom 13. auf den 14. November 1961 hatte man den Berliner Stalin einfach kommentarlos aus dem Stadtbild getilgt – eine Praxis, die seiner würdig war. So wie Stalin unliebsam gewordene Genossen immer wieder verschwinden und aus historischen Bildern herausretuschieren ließ, als habe es sie nie gegeben: So erging es auch den Zeugnissen des Personenkultes, der lange Jahre um den sowjetischen Diktator betrieben wurde.

Während die Straßenschilder der Stalinallee durch „Karl-Marx-Allee“ und „Frankfurter Allee“ ersetzt wurden, stieß eine Planierraupe die gigantische Statue vom Sockel, dann brachte es ein Tieflader in eine Halle des Betriebes Bauunion. „Das Denkmal ist bis zur Unkenntlichkeit zu zerkleinern“, lautete die Anweisung aus dem Ministerium für Staatssicherheit: „Die Mitnahme von Bruchstücken ist verboten. Über die Angelegenheit wird nicht geredet.“

Figur liegt wie ein hilfloser Käfer auf dem Rücken

Der identische Abguss aus der mongolischen Hauptstadt Ulan Bator, von Historikern dort auf dem Hof eines Unternehmers entdeckt, ist das effektvollste Exponat der Ausstellung, die von Freitag an in der Gedenkstätte Hohenschönhausen gezeigt wird. Deren wissenschaftlicher Direktor Hubertus Knabe und Kurator Andreas Engwert haben sich dazu entschieden, sie nicht in der Tradition sowjetischer Monumental­ästhetik aufzustellen, sondern sie wie einen hilflosen Käfer auf dem Rücken liegen zu lassen. Und so finden sich nun mehrere Tonnen Stalin für einige Wochen vor dem Eingang zum Altbau, bevor die Leihgabe in die Mongolei zurückkehren wird.

Unter der Überschrift „Der Rote Gott“ kann man hier die Auswüchse des Personenkultes studieren, der um den Georgier und Massenmörder betrieben wurde und mit dem die Bewohner der sowjetischen Besatzungszone auf die Herrschaft der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands eingeschworen werden sollten. Der erste Teil der Ausstellung ist dabei bis hin zur Beleuchtung in einem in den Augen beißenden Rot gehalten, das die brutale Seite des Stalinismus zwar atmosphärisch untermauert, aber auch die Lesbarkeit der Schrifttafeln erschwert.

Stalin schönte seine Biografie mit Halbwahrheiten

Hier wird der Aufstieg des 1878 geborenen Iosseb dse Dschughaschwili beleuchtet, der sich erst 1912 den Kampfnamen Stalin („der Stählerne“) geben sollte und der, kaum im Hof der Macht angelangt, seine Biografie schon mit Halbwahrheiten und Legenden zu überzuckern pflegte.

Wer sich in seinem Schatten geborgen wähnte, dem drohte häufig ein böses Erwachen, wie die Ausstellung gleich an mehreren Beispielen deutlich macht: an Heinz Neumann etwa, dem Chefideologen der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) und Chefredakteur der „Roten Fahne“, der 1937 in der Sowjetunion von Stalins Schergen erschossen wurde. Oder an Willy Leow, Mitbegründer der KPD und Zweiter Vorsitzender des Rotfrontkämpferbundes, 1937 ermordet auch er. Unter Stalin, darin lag das offene Betriebsgeheimnis seines Regimes, konnte sich niemand zu irgendeinem Zeitpunkt sicher fühlen.

Auf dem Stadtschloss-Areal sollte ein Turm errichtet werden

Die Propaganda in seinem Namen trug quasireligiöse Züge und blieb wirksam, obwohl die kultische Verehrung eines „Führers“ nach Hitlers Tod und seinen beispiellosen Verbrechen hinreichend diskreditiert schien. Seine Person war in Schrift und Bild allgegenwärtig. Wer sich öffentlich dagegenstellte – also sein Porträt etwa zutreffenderweise mit „Mörder“ beschriftete – musste mit Verhaftung und Verhören und mit Schlimmerem rechnen.

Begleitet wurde die Kombination von Verherrlichung und Repression von hochfliegenden Plänen für die Neugestaltung der Mitte Berlins, die aufgrund wirtschaftlicher Engpässe freilich nicht realisiert werden konnten: Sie sahen etwa die Errichtung eines turmartigen, von fern an den Warschauer Kulturpalast erinnernden Monumentalbaus auf dem Stadtschloss-Areal vor, während gegenüber der Berliner Dom einfach gesprengt werden sollte.

Und nicht nur das Wesen der stalinistischen Gewaltherrschaft arbeitet diese sehenswerte und klug kuratierte Ausstellung heraus, sondern auch den traurigen Opportunismus von DDR-Staatsoberhaupt Walter Ulbricht, der dem Stalinkult ebenso bereitwillig die größten Bühnen öffnete, wie er dessen Entsorgung in der Ära Chruschtschow betrieb. Von amerikanischen Journalisten dazu einmal befragt, brach er kurzerhand das Interview ab. Allein dieser Videoausschnitt lohnt den Besuch in der Gedenkstätte.

Der Rote Gott - Stalin und die Deutschen. Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen, Genslerstr. 66. 25. Januar bis 30. Juni, tgl. 9–18 Uhr. Eintritt frei.

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