Marwitz

Der Charme der schönen, alten Dinge

Olaf Elias sammelt und verkauft historische Bauelemente in Oberhavel

Marwitz.  Vor der alten Scheune reihen sich schmiedeeiserne Parkbänke, von den Sitzflächen blättert schmutzig-weiße Farbe. Dahinter liegt ein Fragment eines Uhrenturms. Neben zerbrochenen Granitstufen und einem Wasserspeier aus gebranntem Ton in der Form eines Hundekopfes lagert eine mit moosgrüner Patina überzogene Sandsteinkartusche. „Das ist derzeit unser ältestes Stück“, sagt Olaf Elias. Noch vor 1700 sei das steinerne Kunstwerk mit dem Wappen in der Mitte geschaffen worden, das jahrhundertelang den Eingang eines Guthauses in Karstädt zierte. Nun wartet das gute Stück im Antik-Baumarkt von Olaf Elias in Marwitz (Oberhavel) auf einen neuen Besitzer. Auf 23.000 Quadratmetern Fläche sammelt und verkauft der 50-Jährige historische Bauelemente – von alten Ziegeln über Eisensäulen und Gartenfiguren bis hin zu Zinkbadewannen, die irgendwann auf der Müllhalde der Geschichte landeten.

Sein Betrieb sei ein „Wendeprodukt“, sagt Elias. Als der gebürtige Frohnauer, damals noch Student der Geschichte und Philosophie, nach dem Mauerfall das Umland erkundete, war er überrascht, was er alles auf der Straße fand. „Da war Aufbruchstimmung im Osten, an jeder Ecke wurden Häuser abgerissen, entkernt, saniert.“ Berge von Ziegeln, alten Fenstern und Türen hätten auf den Dorfauen herumgelegen.

Die kaufmännische Linie des Vaters sei es wohl gewesen, die ihn auf die Geschäftsidee brachte, das Material zu sammeln und zu verkaufen. Einen Tag nach der Wiedervereinigung eröffnete Elias seine Firma „Historische Bauelemente“ in einer Scheune. 1997 siedelte er um nach Marwitz auf das Areal eines früheren Schweinemastkombinats mit vier Scheunen. Eine davon ist heute Elias’ Türen- und Holzlager.

Alte Türen aus dem Haus Cumberland am Kudamm

Um die 3000 Türen stünden da aufgereiht, schätzt der Händler. Elias deutet auf die rot und gelb lackierten Exem­plare links neben dem Eingang. „Die stammen aus dem Haus Cumberland.“ Als das einstige Verwaltungsgebäude am Berliner Kurfürstendamm vor einigen Jahren zu einem Geschäfts- und Wohnhaus umgebaut wurde, flogen die alten Türen auf den Müll. Elias holte sie ab.

Oft stößt er bei seinen Erkundungstouren durch Berlin und Brandenburg auf Gebäude, die abgerissen oder umgebaut werden. „Die Bauherren sind meist froh, dass sich jemand findet, der ihnen all die Sachen abnimmt, die sonst im Schutt landen würden“, sagt Elias. Vielfach bekomme er aber Tipps von Abbruchunternehmen, Hausherren, Architekten. „Oder direkt von der Denkmalpflege“, mit der er eng zusammenarbeite. „Die melden sich, wenn sie ein Objekt nicht mehr halten können. Und schicken Bauherren zu uns, die etwas denkmalgerecht sanieren müssen.“ Vieles bekommt Elias zudem aus Nachlässen.

Erst kürzlich habe er eine Jugendstilwandvertäfelung „mit geschnitzten Eichhörnchen“ aus einer Villa im Grunewald ausgebaut. „Die haben wir an die ,Söhne Mannheims‘ verkauft“, erzählt der Unternehmer. Die Musikgruppe nutze sie als fahrende Bühne. Elias’ Kunden kommen aus der ganzen Welt. Marmorwaschbecken aus dem Berliner Schloss Monbijou, das nach dem Zweiten Weltkrieg abgerissen wurde, hat er an einen US-amerikanischen Inneneinrichter verkauft, ein altes Boot vor Kurzem nach Österreich.

Anfangs seien es vornehmlich West-Berliner und Hamburger gewesen, die bei ihm gekauft hätten, sagt Elias, zugleich Vorstand des von ihm 1992 gegründeten Unternehmerverbandes Historische Baustoffe. „Doch mit der Zeit haben auch die Ostdeutschen wieder Freude an den alten Dingen gefunden, von denen sie nach der Wende erst mal nichts mehr wissen wollten.“ So habe er in einem 300 Jahre alten Hof in Karstädt Eichendielen geborgen und mit seinen Tischlern daraus Platten für Couchtische gemacht, die zu Privatleuten nach Neuruppin gegangen seien.

Waren in den ersten Nachwendejahren Dach- und Mauerziegel der Renner, sei mittlerweile Industriedesign ein Riesenthema. Maschinenfüße seien gerade total angesagt. „Aus denen gestalten Designer Lampen.“ Auch große gusseiserne Fenster seien beliebt, sagt der 50-Jährige und erzählt von der „sensationellen Bergung“ aus einer thüringischen Papierfabrik. „Das war sehr kompliziert, diese Fenster auszubauen, weil Gusseisen schnell bricht.“

Nicht immer wollen die Kunden, die sich bei Elias umschauen, die Fundstücke auch kaufen: Regelmäßig kommen Filmausstatter vorbei, die Requisiten für Dreharbeiten ausleihen.

Einige wenige Stücke würde Elias aber nicht einmal verleihen, die behält er für sich – wie das Fassadenfragment vom Potsdamer Stadtschloss, das er aus einer Sammlung bekommen hat. „Viele Potsdamer haben Teile vom alten Schloss oder von der Garnisonkirche gerettet und irgendwo vergraben“, sagt er, „und manche verraten ihren Nachkommen erst auf dem Sterbebett, wo sie buddeln müssen“.