Sprachunterricht

Französisch wird zum Auslaufmodell an Berliner Schulen

Weil immer weniger Oberschulen das Fach als erste Fremdsprache weiterführen, sind Eltern verunsichert.

Das Interesse an der französischen Sprache wächst, doch die Verunsicherung ist groß

Das Interesse an der französischen Sprache wächst, doch die Verunsicherung ist groß

Foto: picture-alliance/ dpa/dpaweb / dpa

Berlin. In diesen Tagen müssen sich die Eltern der angehenden Drittklässler entscheiden, ob sie für ihr Kind als erste Fremdsprache Französisch oder Englisch wählen. Das Interesse an der französischen Sprache wächst, doch die Verunsicherung ist groß, denn die Zahl der weiterführenden Schulen mit diesem Angebot ist stark eingeschränkt.

Vor allem Sekundarschulen gibt es nur wenige, an denen als erste Fremdsprache Französisch unterrichtet wird. In einigen Bezirken wie Marzahn-Hellersdorf, Lichtenberg oder Treptow-Köpenick und neuerdings auch in Neukölln gibt es überhaupt keine Oberschule, die Französisch nach der Grundschule weiterführt. Die Schüler müssen lange Fahrtwege in Kauf nehmen, wenn sie sich für die Sprache des Nachbarlandes entscheiden.

Spandauer Gymnasien sind ausgestiegen

Beispiel Spandau: Dort scheint Französisch als erste Fremdsprache ein Auslaufmodell zu sein. Unter den 33 Grundschulen im Bezirk machen nur die Földerich- und die Eichenwald-Grundschule frankofone Unterrichtsangebote. Das Kant- und das Carossa-Gymnasium, die Französisch lange als erste Fremdsprache im Schulprofil hatten, sind als weiterführende Schulen ausgestiegen. Nach Auskunft der Spandauer Schulrätin Ute Lehmann wird im kommenden Schuljahr 2018/19 lediglich die Wolfgang-Borchert-Oberschule eine halbe Klasse aufmachen, deren Schüler dann im Teilungsunterricht Französisch als erste Fremdsprache weiterführen können. „Das war’s“, sagte die Schulrätin über die Angebote der Spandauer Oberschulen. Bei den Eltern sei Spanisch als Weltsprache inzwischen deutlich beliebter.

Einen Antrag der FDP-Fraktion in der Spandauer Bezirksverordnetenversammlung, Französisch als erste Fremdsprache an den Grundschulen stärker zu fördern und an mindestens einer Integrierten Sekundarschule und einem Gymnasium im Bezirk als erste Fremdsprache anzubieten, hat der Schulausschuss am Mittwoch zwar nach langer Debatte angenommen. „Seit mehreren Jahren können immer weniger Kinder Französisch als erste Fremdsprache erlenen, da es in Spandau keine weiterführenden Schulen gibt, die diese Sprache weiterführen“, heißt es in der Begründung. Eine Wahlfreiheit der Eltern sei damit nicht mehr gewährleistet. Der stellvertretende Bürgermeister Gerhard Hanke (CDU) entgegnete, dass das Angebot eingeschlafen sei, weil seitens der Eltern kaum noch Nachfrage bestehe. Keine Schule werde ein entsprechendes Angebot verwehren, wenn es dafür genügend Anmeldungen gebe. „Es liegt an den Eltern, das zu fordern“, sagte Hanke weiter.

3118 Grundschüler lernen aktuell Französisch

Für den Vorsitzenden des Bezirksschulbeirates, Frank Kossack, hingegen haben die geringen Anmeldezahlen für Französisch-Angebote an Grundschulen ihre Ursache in der fehlenden Perspektive. „Wenn man als Elternteil hört, dass es keine weiterführende Schule gibt, um die Sprache weiterzuverfolgen, nimmt man automatisch Abstand“, sagte Kossack.

Die Zahlen der Senatsverwaltung für Bildung stützen Kossacks These. Nachdem die Teilnehmer am Französisch-Unterricht in den vergangenen Jahren tatsächlich gesunken sind oder bestenfalls stagnierten, gab es im laufenden Schuljahr eine Trendwende. Der Anteil der Schüler mit Französisch als erster Fremdsprache an den Grundschulen in öffentlicher und privater Trägerschaft stieg von 1,4 Prozent im Vorjahr auf 1,8 Prozent im Schuljahr 2017/18. Insgesamt 3118 Grundschüler lernen aktuell Französisch, und die benötigen spätestens in drei Jahren einen Anschluss an einer weiterführenden Schule.

Eigentlich hatte die Bildungsverwaltung vor einem Jahr versprochen, die Französisch-Angebote zu stärken und die Eltern auch besser über die Anschlussmöglichkeiten zu informieren. Eigens dafür wurde das deutsch-französische Jahr in Berlin ausgerufen. „Gemeinsam haben wir das Ziel, dem Erlernen der französischen Sprache und der Vermittlung frankofoner Kulturen im kommenden Jahr eine neue Dynamik zu verleihen“, hatte Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) 2017 angekündigt. Doch bisher ist davon bei den Eltern wenig angekommen. Informationen darüber, welche Schulen Französisch als erste Fremdsprache anbieten, sind nur schwer zu finden. Nicht einmal das Schulverzeichnis der Bildungsverwaltung ist da auf dem neuesten Stand.

Lehrerverband fordert vom Senat gegenzusteuern

Nach einer Erhebung der Vereinigung der Französisch-Lehrerinnen und -Lehrer (VDF) wird die Zahl der Grundschulen mit Französisch als erster Fremdsprache im kommenden Schuljahr berlinweit zwar auf 42 gegenüber 35 im Vorjahr steigen. Doch mit 22 Oberschulen gegenüber 25 im Vorjahr sinkt das Angebot an weiterführenden Schulen nochmals.

„Angesichts der steigenden Zahlen an Französisch-Schüler an den Grundschulen muss Berlin unbedingt dafür sorgen, dass das Angebot an den weiterführenden Schulen nicht eingeschränkt, sondern ausgebaut wird“, sagte Elke Philipp, Vorsitzende des VDF Berlin. Der Verband warte ungeduldig auf die versprochenen Maßnahmen des Senats zur Stärkung der französischen Sprache an den Schulen. Dazu habe sich Berlin in einem Partnerschaftsvertrag mit Paris verpflichtet.

Angekündigt war im vergangenen Jahr auch ein Schulversuch, der es den Grundschulen ermöglicht, für Schüler, die als erste Fremdsprache Französisch gewählt haben, ab der vierten oder fünften Klasse zusätzlich Englisch anzubieten. Die Umsetzung steht aus.

© Berliner Morgenpost 2018 – Alle Rechte vorbehalten.