Velten

Boom der Städte im Speckgürtel

Velten erwartet starken Zuzug aus Berlin. Wohnungsneubau und S-Bahnanbindung haben Priorität

Velten. Wenn Ines Hübner Beispiele für den Wandel zeigen will, muss sie dafür kaum das Büro verlassen. Die Schule gegenüber hat einen Erweiterungsbau erhalten, auf der Grünfläche nebenan entsteht ein Spielplatz. Noch im Januar fangen die Bauarbeiten für den Bahnhofsumbau an und aktuell verhandelt sie mit einem Investor über den Bau von 1000 Wohnungen gleich nebenan. „Seit zwei bis drei Jahren bemerken wir einen starken Zuzug aus dem Berliner Raum“, sagt die Bürgermeisterin von Velten im Norden Berlins.

Velten richtet sich wie alle Städte und Gemeinden im Speckgürtel Berlins in den kommenden Jahren auf einen starken Anstieg der Bevölkerung ein. 12.100 Menschen wohnen derzeit in der verschlafenen Ofenstadt Velten. Aktuelle Prognosen gehen von 17.000 in nicht allzu ferner Zukunft aus. „Damit sich dieser Bevölkerungstrend nicht umkehrt, müssen wir die Rahmenbedingungen dafür schaffen“, sagt Hübner. Doch das ist gar nicht so einfach. „Wir haben Vollvermietung, die beiden Gewerbeparks sind voll.“ Der Stadtmöblierer Wall hat seine Firmenzentrale nach Velten verlegt, im vergangenen Jahr kam der österreichische Holzmaschinenbauer Felder.

Zwar verfügt die Stadt noch über Brachflächen, die bebaut werden können. „Aber wir wollen den Charakter der Stadt bewahren und keine reine Wohnstatt werden“, sagt Hübner. Eine Bürgerbefragung hat ergeben, dass sich die Veltener wohlfühlen in ihrer Stadt. Das soll nach dem Willen der Bürgermeisterin, die gerade für acht weitere Jahre im Amt bestätigt wurde, auch so bleiben. „Wir wollen die Lebensqualität erhalten.“ Parallel zum Bau neuer Wohnungen laufen die Planungen für einen dritten Gewerbepark am Rande der Stadt. „Gewerbe zieht zunehmend von Berlin ins Umland, das spüren wir sehr deutlich“, sagt Hübner. Denn in Berlin explodieren nicht nur die Wohnungspreise, auch Gewerbeflächen werden immer knapper und teurer.

Die S-Bahn müsste um eine Station verlängert werden

Ein Ärgernis ist für die Bürgermeisterin die schlechte Bahnanbindung an Berlin. „Seit 25 Jahren kämpfen wir dafür, einen S-Bahnanschluss zu bekommen“, so Hübner. Gerade einmal um eine Station müsste sie von Hennigsdorf verlängert werden. Aber bislang scheiterte der Versuch an widerstrebenden Interessen zwischen Berlin und Brandenburg. Das Fehlen ist aus Sicht der Veltener umso ärgerlicher, da früher eine S-Bahnverbindung bereits bestand – bis zum Mauerbau verband die S-Bahn Velten mit Berlin.

Auch die Psychologie spielt dabei eine Rolle. Noch immer fühlt sich die Stadt mit Berlin verbunden. Der Aufstieg zur Ofenstadt Ende des 19. Jahrhunderts mit mehreren Dutzend Ofenfabriken, die vor allem die berühmten weißen Schmelzöfen herstellten, hing vor allem mit der Nachfrage aus Berlin zusammen. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurden in Velten 100.000 Öfen pro Jahr hergestellt.

Wie in Velten bereiten sich alle Städte und Gemeinden rund um Berlin auf einen Anstieg des Zuzugs vor und korrigieren ihre Bevölkerungsprognosen nach oben. Potsdam rechnet mit einem Anstieg der Einwohnerzahl von derzeit 170.000 auf 220.000 in den 15 nächsten Jahren. Aktuell baut die Landeshauptstadt rund 1000 neue Wohnungen pro Jahr. Vor allem im Norden entstehen neue Quartiere. Allein auf dem ehemaligen Kasernengelände in Krampnitz sollen ab 2019 insgesamt 7000 neue Wohnungen entstehen.

Bislang boomt vor allem der Westen Brandenburgs. 2017 Jahr haben sich hier 1800 neue Firmen angesiedelt, insgesamt zählt die Industrie- und Handelskammer Potsdam nun 76.000 Unternehmen. Der Kammerbezirk Potsdam ist der zweitgrößte Deutschlands und umfasst den Westen des Bundeslandes von Teltow-Fläming bis zu Prignitz und Oberhavel. Befeuert wird die Entwicklung durch Berlins Probleme, genug neuen Wohnraum zu schaffen. Die Stadt ist weit davon entfernt, jährlich 20.000 Wohnungen zu bauen, die nötig wären, um den Zuzug zu bewältigen. Zuletzt räumte der Berliner Senat ein, dass es bei der geplanten Entwicklung von 13 Gebieten Probleme gibt. Der Druck auf das Umland nimmt so weiter zu.

Das haben nun – wenn auch spät - die beiden Landesregierungen erkannt. Auf einer gemeinsamen Kabinettssitzung verabredeten sie eine engere gemeinsame Landesplanung. Wohnungen sollen vor allem entlang bestehender Bahnlinien und Ausfallstraßen entstehen, der öffentliche Nahverkehr ins Umland ausgebaut und verdichtet werden. Auch die S-Bahn-Verlängerung von Berlin ins brandenburgische Velten ist nun in der gemeinsamen Landesplanung wieder vorgesehen. Bis 2025, so Bürgermeisterin Hübner, könnte der Lückenschluss endlich beseitigt sein und die Stadt wieder direkt mit Berlin verbinden.