Sneaker

Der BVG-Turnschuh stößt sogar in Taiwan auf Interesse

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Antje Hildebrandt
Alles meins: Daniel sammelt nicht nur Adidas-Schuhe der 70er- und 80er-Jahre, der 34-Jährige trägt sie auch

Alles meins: Daniel sammelt nicht nur Adidas-Schuhe der 70er- und 80er-Jahre, der 34-Jährige trägt sie auch

Foto: jörg Krauthöfer

Der Rekord liegt bei 104.000 Euro: So viel zahlte ein Turnschuh-Sammler für einen Sneaker. Dagegen ist der BVG-Schuh geradezu billig.

Berlin. Die erste Anfrage kam aus Taiwan. Eine Zeitung hatte ein Foto von diesem neuen Adidas-Turnschuh veröffentlicht. Der Sneaker war kein Hingucker. Er sah aus, wie ein Hightech-Sneaker heute eben aussieht. Allerdings sei es kein gewöhnlicher Turnschuh, erfuhren die Taiwanesen. Mit diesem Schuh könne man U-Bahn fahren, bis der Arzt komme. In seiner Lasche stecke eine Jahreskarte für die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG). Auch das Muster der Sitzbezüge der U-Bahn – rote, blaue und hellblaue Punkte – finde sich im Design wieder. Ganz schön crazy, diese Berliner.

Aber was verrät der Schuh sonst noch über eine Stadt, die für alles Mögliche bekannt ist, nur nicht für einen störungsfreien öffentlichen Nahverkehr? Er steht in einem Schaufenster im Wrangelkiez in Kreuzberg. Overkill heißt der Laden. Früher war es ein beliebter Treff für Sprayer. Overkill, so bezeichnet man das unkontrollierte Herausschießen von Farbe aus einer defekten Sprühdose. Heute bekommt man dort auch Sneakers, vor allem solche, die es nur in limitierter Auflage gibt. Der Laden ist deshalb eine beliebte Adresse für Sammler aus der ganzen Welt, 60 Prozent des Geschäftes läuft online, 13 Millionen Euro Umsatz im Jahr.

Der Schuh, der jetzt Sammler bis aus Taiwan auf den Plan gerufen hat, ist einer von ihnen. Ein PR-Gag von Adidas und der BVG. Und fragt man David (41) aus der Sprayer-Abteilung, was Graffiti mit Turnschuhen gemeinsam haben, lächelt er. Als er jung war, hat er die Stadt mit seinen Tags tapeziert. Mit einem Bein immer im Knast, das war der Kick. „Du musst eben schnell weglaufen, wenn Du eine Bahn besprüht hast“, sagt er. Mit dem BVG-Turnschuh ginge das gut. „Er hat diese Boost-Sohle aus weichem, federnden Gummi. Es fühlt sich an, als würdest Du auf einer Wolke gehen“, sagt Marc Leuschner (31), einer der beiden Inhaber von Overkill. Es gibt Berliner, die sich fragen, ob sich die Verkehrsbetriebe mit der Aktion nicht ins eigene Fleisch schneiden. Einen Schuh zu promoten, der eben genau den Leuten entgegenkommt, die Busse und Bahnen beschmieren. Leuschner winkt ab. Er kennt die Bedenken. Er weiß aber auch, wie gering die Chance ist, den BVG-Schuh zu ergattern. Er sagt: „Diesen Schuh muss man sich erkämpfen.“

180 Euro pro Paar - ein Schnäppchen

Es gibt nur 500 Exemplare, 180 Euro kostet das Paar. Ein Schnäppchen, wenn man bedenkt, dass die BVG-Jahreskarte 761 Euro kostet. Aber man bekommt ihn nicht einfach so. Am heutigen Dienstag um elf Uhr geht der Verkauf im Overkill los. Und man muss sich rechtzeitig vor dem Laden anstellen. Oder besser: hinlegen. Die ersten Fans campieren schon seit dem Wochenende vor dem Laden. So ist das häufig, wenn die Jungs von Overkill solche Releases inszenieren. Die meisten sind selber Sammler, sie wissen, wie man den Hype schürt. First come first serve, lautet die Devise. Das ist mit Turnschuhen nicht anders als mit neuen iPhones oder Karten für die Berlinale oder ein Konzert mit Madonna.

Der Schuh ist eben nicht nur ein Schuh. Er ist ein Fetisch. Popkultur to go. Objekt der Begierde von Menschen zwischen zwölf und 55 Jahren, die dafür wahlweise die Schule schwänzen oder sich einen Tag freinehmen. Leuschner sagt, es seien überwiegend Männer, aber die Frauen holten langsam auf. Die bekannteste von ihnen ist Julia Schoierer (36), besser bekannt als Sneaker-Queen. Eine Berliner Fotografin, die von allen Frauen in Deutschland angeblich die größte Sammlung besitzen soll. Sich und ihre Trophäen rückt sie regelmäßig bei Facebook und Instagram ins rechte Licht. Sie zeigen eine sportliche Mittdreißigerin, die von sich selber sagt: „Ich war schon immer eine Berliner Göre, und somit war es nur natürlich, dass sich als Teenager mehr Interesse an Sneakern als an Stöckelschuhen zeigte.“

Aber was ist so besonders an einem Sneaker, dass Menschen aus Taiwan Freunde in Berlin bitten, in der Kälte Schlange zu stehen – und das für einen Turnschuh, von dem selbst Marc Leuschner sagt: „Die mediale Reichweite ist größer, als es das Design hergibt.“

Leuschner kommt aus Marzahn. Er sagt, er habe davon geträumt, zu den Jungs mit den coolen Klamotten zu gehören, die auf dem Schulhof das Sagen hatten. „Haste was, biste was.“ Er war schon elf, als ihm seine Mutter sein erstes Paar Markenturnschuhe kaufte. Heute besitzt er über 1000 Paar, alles limitierte Editionen. Einige hat er mit Herstellern selber entworfen. Taxi von Adidas ist so einer. Ein Schuh wie eine Berliner Droschke. Eierschalenfarben, mit reflektierendem Material an der Ferse als Rücklicht und einem Nummernschild am Schnürsenkel. Leuschner: „Es ist wichtig, eine Geschichte um den Schuh herum zu bauen.“

Die Sammler und ihre Sneakers, das ist eine Leidenschaft, die Außenstehende nur schwer nachvollziehen können. Die einen tragen sie selber, die anderen stellen sie in Vitrinen oder maßgefertigten Regalen aus. So ein Turnschuh, sagt Leuschner, sei ja auch eine Wertanlage. Wer ein limitiertes Paar für 150 bis 200 Euro ergattere, könne es später für das Drei-, Vier- oder Fünffache weiterverkaufen. Seine Augen glänzen. Der Rekord liege bei 104.000 Dollar. So viel gab ein Sammler bei einer Versteigerung für den Nike Mag 2016 aus. Ein Stiefel, der den Schnürsenkel auf Knopfdruck festzieht. Michael J. Fox trug ihn als Zeitreisender Marty McFly im zweiten Teil von „Zurück in die Zukunft.“

Mit den Turnschuhen um die Welt reisen

Der Sammler als Jäger. So sieht sich Daniel, in der Szene besser bekannt als Quote. Seinen vollen Namen möchte der 34-Jährige nicht in der Zeitung lesen. Er sammelt Adidas-Schuhe der 70er- und 80er- Jahre. Er sagt, seine Schätze seien so kostbar, dass er damit regelmäßig um die Welt reise, um sie auszustellen. Für den Schilder- und Lichtreklamehersteller eine gute Gelegenheit, um in Secondhandshops nach neuen Schätzen zu stöbern. Im Gegensatz zu vielen anderen Sammler trägt er seine Schuhe auch. Der BVG-Schuh sei designtechnisch gut umgesetzt, aber nicht sein Ding, sagt er. Zu futuristisch. Sein Lieblingspaar ist der Adidas Superstar, braun mit schwarzen Streifen, klassisch. Er sagt, es sei sein erster Markenturnschuh gewesen. Vor fünf Jahren fand er ihn zufällig wieder. Inzwischen trägt er das Autogramm des Run-D.M.C.-Sängers Darryl McDaniels. Den traf er bei einer Turnschuhausstellung in Tokio. Für Daniel der Ritterschlag. 1986 hatten die US-Hip-Hopper den Schuhen mit den drei Streifen ein Denkmal gesetzt. Es ist einer seiner Lieblingssongs: „My adidas“.

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