10 Jahre Rauchverbot

Warum der Rauch noch immer an unserer Seite ist

Wieso sind Zigaretten und Alkohol auch nach zehn Jahren Rauchverbot so schwer zu trennen? Ein Selbstversuch in Berlin.

Sie kann es nicht lassen: Reporterin Sarah Borufka raucht in der Kreuzberger Bar „Limonadier“

Sie kann es nicht lassen: Reporterin Sarah Borufka raucht in der Kreuzberger Bar „Limonadier“

Foto: jörg Krauthöfer

Berlin. Am nächsten Morgen weiß ich wieder, wieso Rauchen keine gute Idee ist: Ich liege im Bett und huste. Mein Mund fühlt sich an wie Sandpapier. Ich habe, wie immer nach einer Nacht mit zu vielen gerauchten Zigaretten, das ungute Gefühl, dass Gevatter Tod jetzt noch viel früher um die Ecke kommt als ohnehin gefürchtet. Rauchen ist pure Dummheit, denke ich. Wieso tue ich mir das an?

Warum rauchen so viele Menschen um mich herum immer noch? Gefühlt gibt es jeden Tag einen neuen Grund, damit aufzuhören. Und wieso tun wir das besonders gern in Bars? Das gepflegte Bier schmeckt allen Rauchern um ein Vielfaches besser mit einer Zigarette dazu. Ich bin eine von ihnen. Ich rauche, das ist die traurige Wahrheit, seit 22 Jahren. In schlechten Zeiten auch tagsüber, vor allem aber in Bars. Zeit, mit der Recherche zu beginnen. Besser spät als nie.

Ich fange in meinem Neuköllner Kiez an. Die "Teupitzer Klause" in der Schudomastraße: Eine Berliner Eckkneipe. Im Fenster steht eine Eulensammlung. Das Licht ist wohnzimmerhell. An diesem Abend steht Bernd hinter dem Tresen. Der 64-Jährige arbeitet hier seit zehn Jahren. Das große Pils, im glänzenden Glas mit perfekt gezapfter Schaumkrone, kostet hier 2,10 Euro.

Bernd ist ein kundiger Gesprächspartner in Sachen Rauchverbot: Er hat nämlich vor acht Monaten mit dem Rauchen aufgehört. Nach 50 Jahren! "Aber dass man nicht rauchen darf, wo und wann man will, halte ich trotzdem für falsch", sagt er. "Das ist Entmündigung durch den Gesetzgeber." Bernd beginnt von einer Zeit zu erzählen, in der man in den letzten Waggons der Berliner U-Bahnen noch rauchen durfte. Ich fühle mich in meine Jugend versetzt: Nach der Schule saß ich oft in der Regionalbahn von Erlangen nach Nürnberg, verschwand hinter einer Wolke Rauch und las Bücher, die ich noch nicht wirklich verstand. Rauchen war für mich damals vor allem: vermeintliches Erwachsensein.

Eckkneipe als Wohnzimmer, in dem man rauchen darf

Die Klause öffnet um 15 Uhr und schließt gegen 22, 23 Uhr, "kommt drauf an, wie viel los ist", sagt Bernd. In der Klause darf nur im Hinterzimmer geraucht werden. "Wir sind leider etwa knapp drei Quadratmeter über der Grenze, in der eine Kneipe als "Einraumkneipe" gilt, sagt Bernd. Auf jedem Tisch im hinteren Raum steht ein Aschenbecher. Unter einem der Tische liegt ein Hund. Die einzigen zwei Gäste an diesem Abend führen ein Bargespräch, das ich nicht unterbrechen will. Sie schimpfen auf Radfahrer, die viel zu schnell unterwegs sind. Ein dritter Gast wird mit den Worten "Hey, Dicker!" begrüßt. Ich sehe mich wieder einmal darin bestätigt, dass Eckkneipen ein Kulturgut sind. Wo sonst gibt es das unverstellte Neukölln noch in dieser Reinform? Rauchen ist hier Teil des Gesamtpakets.

Aber geraucht wird nicht nur hier, sondern auch in vielen Bars, in denen das Bier doppelt so viel kostet und die Gäste ohnehin eher einen teuren Cocktail bestellen. Erich dos Santos, Inhaber der Kreuzberger Bar "Limonadier", weiß nicht, wieso das so ist. Aber er ist sich sicher, dass es so ist. Der 45-Jährige arbeitet seit 20 Jahren in Bars. Heute steht er nicht mehr hinter dem Tresen. "Als ich meine erste Bar eröffnet habe, kam das Rauchverbot gerade", sagt er. "Wir versuchten zunächst, eine Nichtraucherbar zu machen. Aber wir haben nach wenigen Monaten das Rauchen bei uns wieder ermöglicht. Wir hätten sonst nämlich schließen müssen, so rapide sank der Umsatz." Gäste seien nach einem Getränk wieder gegangen oder gar nicht erst geblieben, als sie sahen, dass man in der Bar nicht rauchen konnte.

Zigaretten und Alkohol scheinen untrennbar zu sein

Eins scheint klar: Viele Menschen, die trinken, wollen unbedingt dabei rauchen. Um es den Nichtrauchern angenehm zu machen, hat dos Santos eine sehr leistungsstarke Abluftanlage in seinem Limonadier verbaut. Man riecht hier den Rauch kaum, obwohl fast alle in der Bar rauchen. Auch deswegen ist der Limonadier zu einer meiner Stammkneipen geworden. Alle paar Monate treffe ich hier meine Freundinnen Claudia und Isabell. Weil die Drinks schmecken und schöne Namen haben, zum Beispiel "Bonnie und Clyde".

Das Barpersonal ist nachsichtig, wenn wir die dritte Schale gratis Nüsschen immer noch in Windeseile leeren. Der kleine Aschenbecher, den wir im Laufe des Abends mehrmals füllen, wird immer rechtzeitig durch einen neuen ersetzt. Isabell und ich rauchen. Claudia hat schon lange aufgehört. "Wenn ich selber trinken kann, stört mich das Rauchen nicht. Aber wenn ich nüchtern bin, finde ich es in Raucherbars wahnsinnig anstrengend", sagt sie mir am Nachmittag am Telefon, ehe ich mich zum ersten Mal solo in den Limonadier aufmache.

An diesem Abend sitzen dort an einem der Tische zwei Freundinnen. Zusana (46) raucht Marlboro Gold. Doreen(44) raucht: überhaupt nicht. Hat es noch nie. Warum Zusana mit dem Rauchen angefangen hat? "Ich war verliebt", sagt sie und lacht. Sie habe erst mit 36 begonnen. "Ich habe mich mit den gesundheitlichen Risiken auseinandergesetzt. Ich weiß also, was ich da tue", sagt sie. Dass sie trotzdem noch nicht aufgehört habe, liege schlicht daran, dass es ihr Spaß mache. Doreen sagt, das Rauchen störe sie hier nicht. Und selbst als Nichtraucherin findet sie, es sei ein Stimmungskiller, wenn man in Bars nicht rauchen dürfe. "Dann rennen alle ständig heraus. Man hat das Gefühl, der Abend werde ständig unterbrochen."

Timo Bretten (30), der gerade als Quereinsteiger den Lehrerberuf erlernt und an diesem Abend alleine an der Bar sitzt, hat mit dem Rauchen, anders als Doreen, aufgehört, als er verliebt war. "Ich rauche wieder, weil es mir nicht gut geht, ich unter Stress stehe." Zuhause rauche er aber freiwillig nur auf dem Balkon. "Der Geruch ist einfach zu dominant. Aber in einer Bar gehört es dazu", findet er.

Und das ist schon die beste Antwort auf die Frage. Denn die Recherche bestätigt, was ich dunkel ahnte: Die Lust zu rauchen, wenn man trinkt, lässt sich mit Vernunft alleine nicht erklären. In aufgeklärten Zeiten ist Rauchen nichts anderes als mehr oder weniger bewusste Selbstzerstörung. Alkohol zu trinken, zumindest übermäßig, ist das auch. Das passt also überaus gut zusammen. Finden jedenfalls die, die nicht aufhören wollen.

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