Polizei und Feuerwehr

Immer mehr Angriffe auf Einsatzkräfte in Berlin

Der Arbeiter-Samariter-Bund bereitet in Berlin seine ehrenamtlichen Rettungskräfte in Kursen auf Übergriffe vor.

Wie Berliner Rettungskräfte im Einsatz behindert werden

Die Übergriffe auf Berliner Rettungskräfte nehmen zu. Viele Pöbeleien werden aber gar nicht erst aufgenommen.
Sa, 13.01.2018, 13.07 Uhr

Wie Berliner Rettungskräfte im Einsatz behindert werden

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Im vergangenen Jahr hat es nach Informationen der Berliner Morgenpost erneut mehr Übergriffe auf Rettungskräfte und Polizisten gegeben. Die polizeiliche Kriminalitätsstatistik für 2017, die gerade erst erarbeitet wird, weist einen Anstieg zwischen fünf und zehn Prozent aus. Im Jahr 2016 waren insgesamt 6354 Fälle von Gewalt gegen Polizisten registriert worden und 218 Übergriffe auf Rettungsdienst-Mitarbeiter angezeigt worden. Damit steigen 2017 die Zahlen das zweite Jahr in Folge.

Nun schlägt auch die erste Hilfsorganisation Alarm. Der Arbeiter-Samariter-Bund (ASB) hat erstmals Daten zu Übergriffen veröffentlicht. Demnach meldete die Hilfsorganisation für 2017 deutschlandweit mehr als 200 Übergriffe auf ihre größtenteils ehrenamtlichen Mitarbeiter. In Berlin arbeiten für den ASB 1000 ehrenamtliche und 70 hauptamtlichen Mitarbeiter. "Solange alle schweigen, wird es auch so weitergehen. Insofern ist es gut, wenn wir jetzt etwas lauter sagen: so nicht", sagte der ASB-Bundesvorsitzende, Knut Fleckenstein, der Berliner Morgenpost.

Der ASB will nun in speziellen Schulungen seine Mitarbeiter auf Angriffe im Einsatz besser vorbereiten. Dazu kommt, dass die Hilfsorganisation ihre Rechtsberatung verstärken und Mitarbeiter ermuntern möchte, häufiger Anzeige bei Attacken zu erstatten. "Ein Problem ist, dass von vielen Mitarbeitern Bedrohungslagen mittlerweile als normal angesehen werden", sagt ASB-Sprecherin Hilke Vollmer.

In Kursen vermittelt der ASB seinen Helfern, wie sie sich in Gefahrensituationen verhalten können. Rettungskräfte sollten sich nicht provozieren lassen und bei Gefahr sofort die Polizei einschalten. Zu Zwischenfällen komme es häufig bei Großveranstaltungen oder wenn Angehörige von Patienten meinten, die Behandlung dauere zu lange, so die Sprecherin. Ein Großteil der Täter sei männlich und alkoholisiert.

Rakete durchschlägt Fenster und explodiert im Fahrzeug

Der Raketenangriff auf den Wagen von Rettungssanitäter Boris Michalowski (37) hat die aktuelle Debatte ausgelöst. Eine Feuerwerksrakete hatte am Silvesterabend das Seitenfenster seines Krankenwagens durchschlagen und war im hinteren Innenraum explodiert. Bei dem Vorfall in der Nähe der Partymeile am Brandenburger Tor wurde niemand verletzt, denn der Patientenraum war leer. "Dort wo die Rakete das Fenster durchschlug, sitzt normalerweise jemand", sagt Michalowksi, der sich seit seiner Jugend ehrenamtlich engagiert. Außerdem hätte auch Schlimmeres passieren können, weil in dem Wagen auch Sauerstoffflaschen sind und es so auch leicht zu einer Explosion hätte kommen können.

"Jeder Fall von Gewalt gegen Rettungskräfte ist einer zu viel. Mein Wunsch wäre es, dass so etwas einfach tabu ist und so etwas gar nicht mehr vorkommt", sagt Michalowski. Ein Problem sei, dass Angriffe eine Sperre im Kopf erzeugen können. "Ich nehme so etwas mit", sagt er. Die Folge sei, dass Rettungskräfte, die nicht hundertprozentig sicher sind, auch nicht zu einhundert Prozent bei der Sache seien. Und das wolle kein Patient, sagt Michalowski.

"Agressivität, die wir in den letzten Jahren noch nicht erlebt haben"

Die Berliner Feuerwehr hatte die Zahl der Angriffe in der Silvesternacht registriert. Demnach gab es 54 Angriffe auf Einsatzfahrzeuge und acht direkte Atta­cken auf Beamte. Berlins Landesbranddirektor Wilfried Gräfling sprach angesichts dessen von einer "Aggressivität, die wir in den letzten Jahren noch nicht erlebt haben".

Der Präsident des Arbeiter-Samariter-Bundes, der ehemalige SPD-Bundesvorsitzende Franz Müntefering, hat die Angriffe auf Rettungskräfte scharf verurteilt und die Bestrafung der Täter gefordert. "Es ist infam und pervers, Menschen, die anderen Menschen helfen wollen, zu attackieren und zu beschimpfen", sagte Müntefering. Er appellierte an die Gesellschaft, sich gegen diese Übergriffe zu wehren: "Sprechen Sie über das Thema und beziehen Sie deutlich Position."

Diese Entwicklung müsse gestoppt werden und deshalb müssten solche Übergriffe für die Täter auch Konsequenzen haben, betonte Müntefering. Er hoffe, dass die Ermittlungen der Polizei erfolgreich verlaufen werden und die Täter identifiziert werden könnten. "Das sind keine Dummejungenstreiche, sondern das ist verabscheuungswürdiges Verhalten, das bestraft werden muss", so Müntefering weiter.

Mit dem ASB traut sich beim Thema Angriff auf Rettungskräfte nun die erste Hilfsorganisation mit deutlichen Worten an die Öffentlichkeit. Bei den hauptamtlichen Rettern der Feuerwehr sind Angriffe inzwischen an der Tagesordnung. Auch Berlins Innensenator Andreas Geisel (SPD) hatte kürzlich betont, dass Angriffe auf Rettungskräfte "keine Kavaliersdelikte" seien.

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