Berlin

Numerus Streikus

Keine Lohnerhöhung seit der Jahrtausendwende: Studentische Mitarbeiter der Berliner Hochschulen legen ihre Arbeit nieder

Ob in Bibliothek, Tutorium oder am Servicedesk: Die studentischen Mitarbeiter der Berliner Hochschulen sind da. Und wichtig. Seit Jahrzehnten machen sie all die Jobs, ohne die der Universitätsbetrieb nicht funktionieren würde. In der Regel ohne großes Aufsehen, doch am kommenden Dienstag wird sich das ändern: Dann sollen die rund 8000 Mitarbeiter der staatlichen Hochschulen streiken.

Hintergrund ist ein seit einem Jahr schwelender Tarifstreit. Die Beschäftigten an der Freien Universität (FU), der Technischen Universität (TU), der Humboldt-Universität (HU) und an den anderen Berliner Hochschulen fordern mehr Geld. Aktuell verdienen sie 10,98 Euro pro Stunde. Das Problem: Seit 2001 ist dieser Lohn in nicht gestiegen. Die Gewerkschaft Verdi und die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) haben deshalb zum Streik aufgerufen. Ihre Forderung lautet: 14 Euro pro Stunde, was einer Lohnerhöhung von 27,5 Prozent entsprechen würde. Das klingt viel, ist laut Verdi und GEW aber nur der Inflationsausgleich der letzten 17 Jahre. „Im Prinzip wollen wir so viel verdienen, wie unsere Kollegen damals“, sagt Christian Keil, der in der Bibliothek der Alice Salomon Hochschule arbeitet und Verdi-Mitglied ist. Vor allem aber wollen die Studierenden eine „dynamische Anpassung“ an den Tarifvertrag für den öffentlichen Dienst der Länder (TV-L), nach dem alle anderen Hochschulbeschäftigten bezahlt werden.

Arbeitgeberverband bietet 14 Prozent mehr Lohn an

Fünf Runden absolvierten beiden Seiten bereits, ohne Ergebnis. Dabei hatte der Kommunale Arbeitgeberverband Berlin (KAV), der die Hochschulen im Tarifstreit vertritt, zuletzt ein neues Angebot vorgelegt. Der Stundenlohn von 10,98 Euro sollte in mehreren Schritten erhöht werden: ab Januar 2018 auf 12,13 Euro, ab 2020 auf 12,35 Euro und ab 2022 auf 12,50 Euro – eine Erhöhung um insgesamt 13,84 Prozent. Dazu sollte der Jahresurlaub von 25 auf 30 Tage erhöht und das Krankengeld von sechs auf acht Wochen verlängert werden.

Damit würden die Hochschulen ihren Willen zur Einigung unterstreichen, sagte KAV-Geschäftsführerin Claudia Pfeiffer. Der wichtigen Forderung nach einer Anpassung an den Tarifvertrag für den öffentlichen Dienst der Länder gaben die Hochschulen aber nicht nach. „Die Gewerkschaften erheben Maximalforderungen, die von der Arbeitgeberseite nicht erfüllt werden können“, so Pfeiffer. Der forschungspolitische Sprecher der CDU, Adrian Grasse, forderte eine Rückkehr an den Verhandlungstisch. Doch die Fronten scheinen verhärtet.

Es dürfte wohl keine Berufsgruppe geben, deren Lohn sich seit mehr als einem Vierteljahrhundert nicht verändert hat. Für die Studierenden in Berlin ist das Leben seitdem aber nicht günstiger geworden. „Besonders die gestiegen Mieten sind ein Problem“, sagt Franziska Hamann-Wachtel, studentische Mitarbeiterin an der TU. Gleiches gelte für das Semesterticket. Und überhaupt sei es seltsam zu sehen, wie bei den hauptamtlichen Hochschulangestellten regelmäßig der Lohn steige, bei einem selbst aber nicht. „Nur noch ein Viertel aller Studenten bezieht Bafög und nicht alle haben reiche Eltern“, ergänzt Mitstreiter Christian Keil.

1986 hatten sich die Studierenden in der Hauptstadt den in Deutschland einmaligen Tarifvertrag für studentische Beschäftigte (TVStud) erkämpft. Bis Anfang der 2000er-Jahre war dieser an die Lohnentwicklung im öffentlichen Dienst gekoppelt. Doch dann war der Senat 2003 aus den Arbeitgeberverbänden ausgetreten. Erst 2011 wurde der Tarifvertrag für den öffentlichen Dienst der Länder für die Hochschulen übernommen, wobei die studentischen Mitarbeiter trotz Streiks aber keine Kopplung ihres TVStud durchsetzen konnten – und auf den alten Löhnen sitzen blieben. Damals waren die Studierenden noch nicht so gut organisiert, inzwischen sind viele Mitglieder in den Gewerkschaften.

Deshalb geht man zuversichtlich in den Arbeitskampf. Bei einer ersten Warndemonstration im Dezember kamen fast 500 Menschen. „Wir wollen auch ein Stück vom Kuchen abbekommen“, sagt Hamann-Wachtel, die um den Einfluss der studentischen Mitarbeiter weiß. Bald ist Prüfungszeit. Und der Streik am Dienstag wird wahrscheinlich nicht der letzte sein.

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