Berlin

Berlin kämpft gegen Obdachlosigkeit

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J. Betschka und M. Nejezchleba

Experten diskutieren auf Konferenz Strategien gegen steigende Zahl von Obdachlosen

Keine 45 Minuten hat die Kältehilfeunterkunft geöffnet, schon sind 39 Schlafplätze belegt. Die Obdachlosen haben sich am Dienstagabend im Gemeinschaftsraum versammelt, löffeln warme Erbsensuppe. Sabine ist eine von ihnen. In wärmeren Nächten schläft die 36-Jährige im Zelt in Treptow. Seit nachts die Temperatur kaum über null Grad liegt, schläft sie in der Kältehilfe im Jugendkulturzentrum Pumpe in Mitte. „Wenn es friert, halte ich es nicht aus auf Platte“, sagt sie.

Die Kältehilfe der Arbeiterwohlfahrt hat sich herumgesprochen. Seit November und bis Ende Februar können hier 50 Menschen Schutz vor der nächtlichen Kälte finden. Hostel-Standard mit Holzstockbetten und einer Zone nur für weibliche Gäste. Ein erster, wichtiger Schritt, findet Manfred Nowak, Kreisvorsitzender der AWO in Mitte. „Wir brauchen in Berlin mehr Kälteplätze, dafür muss die Politik alle Möglichkeiten ausschöpfen“, fordert er. Weit über 80 Prozent sei die Auslastung in der neuen Kältehilfeeinrichtung. Dabei war es bisher ein milder Winter in Berlin.

Ein weiterer Schritt soll am heutigen Mittwoch getan werden. Um umfassende Verbesserungen in der Wohnungslosenhilfe zu erreichen, hat Sozialsenatorin Elke Breitenbach (Linke) zu einer Strategiekonferenz in der alten Feuerwache in Kreuzberg geladen. Denn die Zeit drängt im Kampf gegen die Obdachlosigkeit: Deutlich mehr Menschen leben in Berlin auf der Straße als vor wenigen Jahren. Einige Experten schätzen, dass es bis zu 12.000 Obdachlose gibt, andere gehen von etwa 6000 aus.

Doch nicht nur die Zahl derer, die auf der Straße leben, steigt rapide, auch die Anzahl der Wohnungslosen hat sich zwischen 2013 und 2016 fast vervierfacht. Als wohnungslos gelten Menschen, die kommunal oder ordnungsbehördlich untergebracht werden müssen, weil sie selbst keine Wohnungen mehr finden. Brachten die Berliner Ämter 2013 noch 7826 Menschen etwa in Notunterkünften und Heimen unter, waren es Ende 2016 bereits 30.718, teilte die Senatsverwaltung für Soziales mit. 67 Millionen Euro wandte das Land Berlin dafür auf. Für 2017 geht man sogar von etwa 50.000 Menschen aus, die auf einen solchen Schlafplatz angewiesen sind – und von weiter steigenden Kosten.

Berlin bekommt eine Obdachlosenstatistik

Berlins Sozialsenatorin Elke Breitenbach (Linke) erklärte dazu: „Alle, die in der Wohnungslosenhilfe Verantwortung tragen, stehen mit dem Rücken zur Wand.“ Man habe zwar ein gutes Hilfesystem in Berlin, doch die Hilfe komme nicht überall an und halte nicht Schritt mit dem enormen Anstieg an Personen, die versorgt werden müssten. Gründe seien vor allem der Mangel an bezahlbarem Wohnraum, aber auch der Zuzug von Flüchtlingen, die oftmals ebenfalls keine Wohnung fänden, so Breitenbach.

Sie will am Mittwoch zusammen mit Wohlfahrtsverbänden und Bezirken ein gesamtstädtisches Wohnungslosenkonzept diskutieren. Unter anderem soll diskutiert werden, wie eine Obdachlosenstatistik für Berlin erstellt werden kann: „Momentan können wir nicht sagen, wie viele Menschen tatsächlich auf der Straße leben“, so Breitenbach. Das soll sich ändern: Bis zum Frühjahr soll eine Statistik erarbeitet werden.

Weitere Themen in den Arbeitsgruppen der Konferenz werden Hilfen für Straßenkinder und junge Obdachlose sein, die Vermeidung von Wohnungslosigkeit, Suchthilfe und die verstärkte Zuwanderung von EU-Bürgern aus Osteuropa, die eine immer größere Anzahl der Berliner Obdachlosen ausmachen. Als wichtig erachtet Breitenbach vor allem ein gesamtstädtisches Konzept gegen Wohnungslosigkeit. „Wir sind an einem Punkt angelangt, an dem wir alle gemeinsam Verantwortung übernehmen müssen“, sagte die Senatorin.

Allerdings konnte Breitenbach schon vor der Konferenz einen Erfolg vermelden: Die Kältehilfe wird weiter ausgebaut. 2018 sollen die Notübernachtungsmöglichkeiten für Obdachlose bereits Anfang Oktober mit 500 Plätzen starten, sagte die Senatorin. Von November 2018 bis Ende März 2019 seien 1000 Plätze vorgesehen, im April kommenden Jahres dann wieder 500. Bisher läuft die Kältehilfe, die Obdachlosen Notübernachtungen anbietet, nur von Anfang November bis Ende März.