Eurovision Song contest

Neuanfang beim ESC mit einer Außenseiterin

Natia Todua und ihre „The Voice“-Kollegen sollen deutsche Pleite beim ESC verhindern

Natia Todua

Natia Todua

Foto: imago stock / imago/Future Image

Natia Todua gilt als eine der großen Eurovision-Song-Contest-Hoffnungen. Die Geschichte der 21-Jährigen ist in jedem Fall fernsehtauglich: Als Au-Pair-Mädchen kommt sie vom Schwarzen Meer nach Deutschland, meldet sich bei „The Voice“ an, gewinnt und bekommt einen Plattenvertrag. Ob das der Beginn einer langen Karriere ist? Todua weiß es selbst nicht. Überrascht, dankbar und glücklich sei sie, sagt sie und schaut zu dem Mann, der sie seit ihrem ersten Auftritt gefördert hat: Samu Haber (41), im Hauptberuf Frontmann der Band Sunrise Avenue, nebenbei TV-Mentor. „Ich hatte bei jeder Probe Angst, weil sie nie unserem Plan gefolgt ist. Sie hat immer etwas Besonderes gemacht“, sagt Haber mit einer Mischung aus Ehrfurcht und Stolz über Toduas Zeit bei der Show. Am Ende habe er sich nur noch gedacht: „Lass sie einfach ihr Ding durchziehen.“

Talentschmiede Castingshow

Drei Teilnehmer der Castingshow „The Voice of Germany“ sind unter den sechs Kandidaten für den deutschen Vorentscheid zum Eurovision Song Contest (ESC). Neben der aktuellen Gewinnerin Todua sollen die Siegerin der ersten Staffel, Ivy Quainoo (25), und Michael Schulte (27) beim Vorentscheid antreten. Sie alle werden am 22. Februar in Berlin darum kämpfen, im Mai für Deutschland in Lissabon anzutreten. Im nächsten Schritt werden laut ARD-Unterhaltungskoordinator Thomas Schreiber bis zu 15 nationale und internationale Texter, Komponisten und Produzenten gemeinsam mit den sechs Interpreten in einem dreitägigen „Song Writing Camp“ Lieder entwickeln. Auf der Grundlage dieses Materials werde dann entschieden, welcher Song für wen der richtige sei und wie er inszeniert werden könne. Nach den ESC-Pleiten der vergangenen Jahre hatten diesmal 100 Fans des Gesangswettbewerbs eine Vorauswahl getroffen. 20 potenzielle Kandidaten wurden zu einem Workshop eingeladen. Danach mussten die Fans und eine Expertenjury erneut aussieben. Mit diesem mehrstufigen Auswahlprozess wollen die Verantwortlichen ein erneutes Fiasko verhindern. Im vergangenen Jahr kam Sängerin Levina auf den vorletzten Platz, zuvor wurde Deutschland zweimal Letzter.

Jetzt versucht es also Natia Todua. Auf der Casting-Bühne hat die Georgierin bereits bewiesen, dass das eine gute Strategie war. Todua hat ein Gespür für coole Auftritte: Sie ist gut, aber nicht zu perfekt. Sie ist schön und hat eine beeindruckende Präsenz, aber mit ihren Rastahaaren wirkt sie auch nahbar und etwas verrückt. Am Mikrofon strahlt sie Selbstsicherheit aus, doch während sie nach der Show davon erzählt, wie überwältigt sie sei, spielen ihre Hände nervös mit ihrer Gürtelschnalle. Und sie ist so ehrgeizig, dass sie sich nicht auf ihr Talent verlässt. „Ich habe viel mit den Gesangstrainern gearbeitet“, sagt sie. Toduas Lebensweg wirkt wie der Stoff für ein modernes Märchen. Sie stammt aus Georgien, genauer gesagt aus der umkämpften Provinz Abchasien. Als Kind habe sie zu Fuß vier Kilometer in die Schule laufen müssen, nichts sprach dafür, dass sie einmal Millionen Fernsehzuschauer mit ihrer gefühl- und energievollen Stimme begeistern würde. Gesangsunterricht habe sie nie gehabt, das Gitarrespielen brachte sie sich selbst bei, sagt die Musikerin. Erst im Alter von 17 Jahren merkte sie, dass sie singen kann. Als Spätzünder entwickelte sie so etwas wie einen Karriereplan und überlegte sich, wie sie Plattenfirmen auf sich aufmerksam machen könnte – durch das Fernsehen. Sie bewarb sich bei einer Castingshow in Georgien. Als sie dort ausschied, probierte sie ihr Glück in der Ukraine. Auch dort reichte es nicht fürs Finale. Todua hätte ihren Traum von der Musikkarriere aufgeben können. Doch sie probierte es ein drittes Mal. Bei einem Kneipenkonzert in Tiflis lernte Todua einen deutschen Musikliebhaber und dessen georgische Ehefrau kennen. Die beiden boten ihr an, als Au-pair-Mädchen zu ihnen und ihren Kindern nach Bruchsal (Baden-Württemberg) zu kommen. Das Ehepaar behandelte Todua laut deren Aussage wie ein eigenes Kind, bezahlte ihr einen Sprachkurs und unterstützte die junge Frau, als sie sich bei „The Voice“ anmeldete.

Mit ihrer unverstellten Art hat Todua alle beeindruckt: Samu Haber genauso wie US-Star Beth Ditto (36), die in der Finalshow zusammen mit der Gewinnerin ein Duett sang. Sogar der georgische Regierungschef hat sich mittlerweile bei ihr gemeldet: „Herzlichen Glückwunsch Natia“, schrieb Giorgi Kwirikaschwili. „Wir sind stolz auf dich!“ Wenn es gut läuft, wird sie erfolgreicher sein als ihre „The Voice“-Vorgänger. Jamie-Lee Kriewitz (19) oder Andreas Kümmert (31) sind nach ihren Siegen schnell von der Bildfläche verschwunden. Das muss Todua nicht passieren – mit dieser Frau sollte man rechnen.