Oberschöneweide

Der Immobilienboom hat das Spreeknie erreicht

Künstler hatten das ehemalige Industrieareal in Oberschöneweide wiederentdeckt. Nun gibt es Streit über die Entwicklung des Areals.

Es sieht es aus wie früher. Die Veranda mit selbst gezimmerten Sitzmöbeln liegt zur Spree hinaus. Von der Halle bröckelt der Putz, innen kämpft die Heizung mühsam gegen die Winterkälte. Aber Berlins größter Gemeinschafts-Arbeitsort für Künstler und Kreative (Kaos) wächst, die Holzwerkstatt wird gerade in ein Nebengebäude verlegt. Wo sonst in den vielen Coworking Spaces der Stadt nur die Computer blinken, schreinern sie in der Kreative Arbeitsgemeinschaft Oberschöneweide, sie schrauben, gießen Kunststoff, designen Textilien, nehmen im Tonstudio Klänge auf. "Diese Offenheit ist uns ein großes Anliegen", sagt Anka Broschk, die die rund 50 Mitglieder von Kaos betreut. Wo andere nur Büros bieten, gibt es im Kaos auch Werkstätten. Das passt zum Stadtteil, der immer ein Ort der Produktion war, seit von hier aus Anfang des 20. Jahrhunderts die "Elektropolis" Berlin aufgebaut wurde.

Immobilienboom erreicht früheres Industrierevier

Noch lebt es in Oberschöneweide, das freakige, spinnerte, unkommerzielle Berlin. Aber Kaos ist eine Ausnahme. Der Immobilienboom hat auch das lange Zeit abgelegene ehemalige größte Industrierevier der Stadt erreicht. Monopoly am Spreeknie. 80 Millionen Euro, so schätzt der Regionalmanager Thomas Niemeyer, sind seit 2015 in die Entwicklung des Wirtschaftsstandortes geflossen. Viel mehr Geld wird folgen. Allein für die zehn Hektar des ehemaligen Samsung-Werkes an der Spree hinter dem denkmalgeschützten Peter-Behrens-Bau hat der Eigentümer, die irische Comer-Group, nach Informationen aus Branchenkreisen 200 Millionen Euro aufgerufen. Allein als Kaufpreis, versteht sich. Die Gesamtinvestition dürfte bei knapp einer Milliarde Euro liegen. Wenn der Flughafen BER endlich eröffnet, erkennen Wirtschaftsförderer hier am Spreeufer sogar Platz für Firmenzentralen, der Bezirk müsse jedoch seinen Widerstand gegen eine höhere Bebauung aufgeben, heißt es.

Das Herz der wirtschaftlichen Wiederauferstehung am Ursprungsort der AEG schlägt in der Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW). Industriedesigner, Programmierer, Game-Entwickler und andere Absolventen beleben schon heute viele Räume im Gründerzentrum im Behrens-Bau. Für den nächsten Schritt planen das Regionalmanagement und seine Mutterfirma Wista, die den nicht weit entfernten Technologiepark Adlershof managt, neben der HTW ein Technologiezentrum für bis zu 30 Millionen Euro, um junge Firmen nach vorne zu bringen. Das Thema dort heißt Industrie 4.0., kluge Maschinen, Roboter, Prototypen.

Unternehmen profitieren von der Nähe zur Forschung

HTW-Präsident Klaus Semlinger wirbt dafür, auch die in Karlshorst verbliebene Hälfte der Hochschule vor allem mit den Wirtschaftswissenschaften nach Oberschöneweide zu holen. Es würde etwa 150 Millionen Euro öffentliches Geld kosten, die mehr als 13.500 Studierenden der größten deutschen Hochschule für angewandte Wissenschaften an dem aufstrebenden Indus­trieareal zu konzentrieren.

Von der Nähe zur Forschung profitieren auch Unternehmen wie First Sensor. 1991 von 22 Ex-Mitarbeitern des Werks für Fernsehelektronik der DDR gegründet, stellen mittlerweile 850 Leute Sensoren für Verkehr, Medizin und smarte Häuser her. 250 davon sitzen in Oberschöneweide in der Zentrale neben der Hochschule. "Die HTW ist wichtig, das ist eine Keimzelle, die wir brauchen", sagt Managing Direktor Matthias Peschke. Die Verkehrsanbindung könnte besser sein, auch eine Brücke in der Verlängerung der Wilhelminenhofstraße über den Fluss zum S-Bahnhof Oberspree wäre schön, sagt Peschke. Und der BER würde helfen, man reise viel. Vor allem aber wünscht er sich von der Politik "Pilotprojekte", bei denen die hier entwickelte Technologie vorgeführt und erprobt werden kann. Was in Oberschöneweide passiere, sei hochklassig aber zu wenig bekannt. "Am Fuße des Leuchtturms ist es immer am Dunkelsten", philosophiert der Ingenieur.

"Die Flächenkonkurrenz ist ein ganz großes Problem"

Vor einigen Jahren waren es zunächst die Künstler, die die Industrieflächen hinter den gelben Klinkerfassaden entdeckten. Inzwischen sind Maler, Bildhauer und Konzept-Künstler auf dem Rückzug. Sie weichen anderen, zahlungskräftigeren Nutzern. Bei Steffen Blunk in den XTRO Ateliers an der Wilhelminenhofstraße nutzen 45 Künstler 40 Ateliers. Wegen der höheren Kosten rückten die Mieter zusammen, teilten sich Räume. Wie überall in der Stadt sei die Zeit weitgehend vorbei, als Künstler Arbeitsräume für fünf oder sechs Euro pro Quadratmeter finden konnten. "Jetzt kosten sie 14 Euro, so ist das hier auch", sagt Blunk. Immer wieder erhalte er Anfragen von Werbeagenturen, Computerfirmen oder Architekten, die 15 Euro zahlen würden. Sein Mietvertrag läuft noch neun Jahre. "Danach wird es für uns zu Ende gehen", weiß der Künstler. Er werde dann wohl nach Brandenburg ausweichen, sagt er. "Die Flächenkonkurrenz ist ein ganz großes Problem hier", sagt Blunk.

Noch gehen die Künstler als eine Art Zwischennutzung durch. Aber die Eigentümer der Grundstücke wittern ein noch besseres Geschäft: Wohnungen im gehobenen Stil mit Wasserblick versprechen prachtvolle Renditen. Das Gelände der Rathenau-Hallen, zu denen die XTRO-Ateliers gehören, soll nach dem Wunsch der Bezirksverordnetenversammlung Treptow-Köpenick künftig als "Mischgebiet" firmieren. Damit wäre dem irischen Investor Toruro, beraten von Ex-Bausenator Peter Strieder, auch erlaubt, Wohnungen zu bauen. Der Bezirk geht aber davon aus, nur auf einem Viertel der Fläche Wohnen genehmigen zu können. Die Wirtschaftsförderer halten davon gar nichts. Die riesigen Hallen ließen sich vor allem durch Messe- und Kongressbetrieb rentabel nutzen, so ihre Überzeugung. Aber wo Veranstaltungen auf- und abgebaut würden, entstehe Lieferverkehr, führen Lastwagen auch abends oder frühmorgens vor.

"Jede Art Wohnen schränkt andere Nutzungen ein"

Regionalmanager Niemeyer warnt: "Jede Art Wohnen schränkt andere Nutzungen ein." Wer 5000 Euro oder mehr für seine Bleibe zahle, wolle auch seine Ruhe haben. Für die Entwicklung des Wirtschaftsstandortes der Zukunft sei die Aussicht, auf den Gewerbearealen lukrativeren Wohnungsbau umsetzen zu können eine wesentliche Ursache für den Investitionsstau, den es in Oberschöneweide gebe. Niemeyer berichtet auch von mehreren nicht zustande gekommenen Ansiedlungen auf zwei Schlüsselarealen des Stadtteils. Auch um die Batteriefabrik BAE, die seit 1899 schräg gegenüber dem heutigen HTW-Campus produziert, gibt es immer wieder Ärger mit Anwohnerklagen gegen Lärm.

Während die Kreativen rundherum auf dem Rückzug sind, bauen sie an den Reinbeckhallen mächtig auf. Es sind A-Liga-Künstler wie Ólafur Elíasson oder Rock-Musiker Bryan Adams, die dem Industrie-Charme an der Spree erlegen sind und sich hier individuelle Arbeitsräume herrichten. 18 weitere Studios richtet Sven Herrmann in der früheren Industriehalle her, die Hälfte verkauft er, um seine Investitionen zu refinanzieren, die anderen werden vermietet. Der Jurist hat das Areal schon 2004 erworben und ist stolz darauf, dass Verdrängung der Kreativen deshalb kein Thema für ihn ist. "Wir wollten einen Ort finden, wo man langfristig Kunst sichern kann", sagt Herrmann. Aus Herrmanns Sicht hinkt das deutsche Planungsrecht, wenn es darum geht, komplizierte Gebiete wie Oberschöneweide angemessen nutzen zu können. Eine gesunde, kreative Mischung werde verhindert. Künstlern könne man eben nur schwer verbieten, um 23.30 Uhr noch mal die Flex anzuschmeißen.

Seine Mieter und Käufer dürfen auch als "Artists in Residence" ihre Ateliers zum Wohnen nutzen. Aber privatrechtlich ist mit dem Kaufvertrag festgelegt, dass niemand Anspruch auf Ruhe hat, wenn abends den Nachbarn die Muse küsst und er Lärm macht. Aus Sicht der Wirtschaftsförderer sollte sich der Senat stärker einmischen in Oberschöneweide. Mit einem Potenzial von 10.000 Arbeitsplätzen und bis zu 650.000 Quadratmeter Fläche, das entspricht fast fünf Mal dem Schöneberger Euref-Campus ums Gasometer, habe der Streifen am Fluss gesamtstädtische Bedeutung. "Wir brauchen einen Entwicklungs- und Investitionsplan", sagt Regionalmanager Niemeyer, den könne nur das Land aufstellen. Die Treptower Abgeordnete Katalin Gennburg, stadtentwicklungspolitische Sprecherin der Linken im Abgeordnetenhaus, hält das Bezirksamt ebenfalls für überfordert. "Die haben keine Idee für das Areal. Die stehen auf dem Standpunkt, wer etwas bauen will, der soll halt einen Antrag stellen", so Gennburg. Das sei aber für ein Gebiet dieser Bedeutung "viel zu wenig".

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