Attacken auf Helfer

Berlins Rettungskräfte am Limit

Nach einem erneuten Angriff auf Rettungskräfte in Berlin haben Gewerkschaften und Politiker ein hartes Durchgreifen gefordert.

An Silvester wurde die Polizei mit Silvesterraketen beschossen. In den folgenden Tagen wurden weitere Einsatzkräfte attackiert

An Silvester wurde die Polizei mit Silvesterraketen beschossen. In den folgenden Tagen wurden weitere Einsatzkräfte attackiert

Foto: Thomas Peise

Berlin. „Es ist unfassbar, dass Menschen angegriffen werden, die uns zu Hilfe kommen“, sagte am Sonnabend Berlins Innensenator Andreas Geisel (SPD). Das Strafmaß sei im vergangenen Jahr angehoben worden. „Ich fordere von der Justiz, die existierenden Gesetze jetzt auch voll auszuschöpfen“, sagte Geisel. Man müsse den Tätern klarmachen, welche Konsequenzen ihr Handeln hat.

Der jüngste Übergriff ereignete sich in der Nacht zu Sonnabend in der Waldemarstraße in Kreuzberg. Dabei soll ein 37-Jähriger zwei Sanitäter mit Böllern beworfen haben. Wie die Polizei mitteilte, waren die 28 und 29 Jahre alten Einsatzkräfte wegen eines medizinischen Notfalls gerufen worden. Die Böller seien bei der Vorbereitung ihres Einsatzes unmittelbar vor ihnen explodiert. Als der Angreifer versucht habe, auf einen abgestellten Defibrillator zu urinieren, hätten die Sanitäter ihn fixiert. Der alkoholisierte Mann habe einem von ihnen daraufhin ins Gesicht gespuckt. Die beiden Sanitäter wurden bei dem Vorfall leicht verletzt und setzten ihren Dienst fort.

Sanitäter mit Böllern beworfen und bespuckt

Die herbeigerufenen Polizeibeamten durchsuchten die Wohnung des Angreifers und fanden dort mehrere zu einem Paket zusammengebundene Böller sowie in seiner Hosentasche mutmaßliche Drogen. Nach erkennungsdienstlicher Behandlung und Alkoholtest wurde der Mann wieder entlassen. Er muss sich unter anderem wegen gefährlicher Körperverletzung verantworten.

Berliner Rettungsdienst fehlen knapp 250 Mitarbeiter

Die Angriffe treffen die Rettungskräfte in der Hauptstadt umso härter, weil sie ohnehin am Limit arbeiten. So stieg die Zahl der Einsätze in Berlin 2016 auf mehr als 430.000. Elf Jahre zuvor waren es nur 280.000 Einsätze. Viele angebliche Notfälle könnten auch vom Hausarzt behandelt werden, beklagen Rettungskräfte. Ein Gutachten von Anfang 2017 kommt zum Ergebnis, dass dem Berliner Rettungsdienst knapp 250 Mitarbeiter fehlen.

Die gewalttätigen Übergriffe stellen nun eine zusätzliche Belastung dar. Die Debatte darüber wurde entfacht, nachdem es in der Silvesternacht in mehreren Städten gewalttätige Aktionen gegen Rettungskräfte gegeben hatte. In Berlin wurde im Auto von Angreifern sogar eine Schusswaffe gefunden.

Nach dem neuerlichen Angriff in Kreuzberg forderten neben Innensenator Geisel auch die Gewerkschaften eine harte Haltung der Justiz. Die Attacken seien nicht nachvollziehbar, sagte Micha Quäker, Sprecher des Landesverbandes Berlin-Brandenburg der Deutschen Feuerwehr-Gewerkschaft (DFeuG). Die Angriffe hätten in den vergangenen Jahren spürbar zugenommen. „Unsere Kräfte müssen geschützt werden“, forderte Quäker. Die Regierung müsse die Justiz so ausstatten, dass sie die verschärften Gesetze durchsetzen könne. In der Vergangenheit seien viele Verfahren wegen Geringfügigkeit eingestellt worden. „Das verstehe ich nicht, da besteht doch ein öffentliches Interesse“, kritisierte Quäker. Jeder könne in die Situation kommen, auf Sanitäter angewiesen zu sein.

Die Gewerkschaft der Polizei (GdP) sprach angesichts der neuen Attacke von einem „unfassbaren Zustand“. Immer mehr Menschen würden offenbar denken, folgenlos Einsatzkräfte angreifen zu können. „Es ist Aufgabe der Verantwortlichen zu überlegen, wie wir das ändern können, und zwar bevor die politische Tatenlosigkeit Menschen­leben fordert“, betonte der Sprecher der Berliner GdP, Benjamin Jendro.

Berlins Innensenator Geisel sagte, Angriffe auf Rettungskräfte seien „keine Kavaliersdelikte“. Neben der Justiz seien alle Bürgerinnen und Bürger gefordert: „Diese Form der Gewalt müssen wir konsequent ächten und verurteilen“, betonte Geisel.

Die Berliner Polizei zählte im Jahr 2016 gegen Rettungskräfte im Einsatz 218 Straftaten. Neuere veröffentlichte amtliche Zahlen gibt es nicht. Um allerdings auf die Probleme hinzuweisen, dokumentierte die Berliner Feuerwehr die Zahl der Angriffe in der Silvesternacht. Demnach gab es 54 Angriffe auf Einsatzfahrzeuge und acht direkte Atta­cken auf Beamte. Berlins Landesbranddirektor Wilfried Gräfling sprach angesichts dessen von einer „Aggressivität, die wir in den letzten Jahren noch nicht erlebt haben“.

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