Kompetenzzentrum

Frische Ideen für den Bauch von Berlin

100 Händler des Großmarkts an der Beusselstraße wollen den Betrieb übernehmen und legen diesen Monat ein Konzept vor.

Jens Krieg, Geschäftsführer der Care Speisen-Versorgung (l.), und Fleischgroßhändler Jürgen Wache

Jens Krieg, Geschäftsführer der Care Speisen-Versorgung (l.), und Fleischgroßhändler Jürgen Wache

Foto: Anikka Bauer

Berlin. Vom Berliner Großmarkt an der Beusselstraße aus werden die Berliner mit frischen Dingen versorgt – Obst und Gemüse, Fleisch, Fisch und Blumen. Eine im August vergangenen Jahres gegründete Interessengemeinschaft (IG) möchte künftig als Genossenschaft den Betrieb auf dem Großmarkt übernehmen. Der liegt seit den 60er-Jahren in den Händen der landeseigenen Berliner Großmarkt-GmbH, die die Flächen auf dem Moabiter Areal an die Großhändler vermietet. Mehr als 100 Firmen, die an der Beusselstraße ansässig sind, gehören der „Interessengemeinschaft Lebensmittel- und Frischecluster Berlin (IG LFC)“ an. Sie will den Großmarkt weiterentwickeln und in eigener Verantwortung fit für die Zukunft machen. Dafür strebt sie an, vom Land Berlin ein Erbbaurecht für das Gelände zu erwerben. Noch in diesem Monat will sie der Senatswirtschaftsverwaltung ein detailliertes Konzept und einen tragfähigen Finanzierungsplan vorlegen.

Die IG möchte den Großmarkt neu ordnen und zu einem „Kompetenzzentrum mit modernster Infrastruktur“ entwickeln. Das Erbbaurecht sei Voraussetzung, um von Banken Kredite für die notwendigen Investitionen zu bekommen, argumentiert sie. Und der Investitionsbedarf ist erheblich. Die großen Hallen des Fruchthofes und des Fleischgroßmarktes müssen modernisiert und energetisch saniert werden. Zudem will die IG weitere Gebäude und einen zentralen Kundenparkplatz bauen. Auch bei der Verkehrsinfrastruktur auf dem Areal und der digitalen Vernetzung sei viel zu tun. Sollte das Konzept Wirtschaftssenatorin Ramona Pop (Grüne) und die Mehrheit des Abgeordnetenhauses überzeugen, müsste die Großmarkt-GmbH allerdings einen erheblichen Teil ihrer Kompetenzen abgeben.

Rund 100 Betriebe sind Mitglied

Die rund 100 Mitgliedsbetriebe im Cluster kommen aus allen Frischeproduktbranchen und beschäftigen mehr als zwei Drittel der auf dem Großmarktgelände tätigen 2500 Menschen. Der Zusammenschluss der Firmen bedeute, dass künftig die Händler des Fruchthofes, des Fleisch- sowie des Blumengroßmarktes gemeinsam die Zukunft planen und das Gelände als Plattform für mittelständische Vielfalt weiterentwickeln wollen, erklärte Dieter Krauß vom Vorstand der Fruchthof-Genossenschaft. Auf dem Fruchthof habe sich das genossenschaftliche Prinzip bereits seit 70 Jahren bewährt. Die „Markthalle Neun“ in Kreuzberg unterstützt das Projekt ebenfalls. Sie steuert insbesondere Pläne bei, das Großmarktgelände auch für Betriebe der handwerklichen Lebensmittelproduktion zu öffnen.

Die Reaktionen aus der Politik auf das Vorhaben der Interessengemeinschaft sind überwiegend positiv – sowhl in den Regierungsfraktionen als auch in der Opposition. Der Senat solle die Interessengemeinschaft beim Erwerb des Erbbaurechts für das Gelände unterstützen, fordert die FDP. Sie hat bereits im Abgeordnetenhaus einen entsprechenden Antrag gestellt, der nun in mehreren Ausschüssen beraten wird. Der Großmarkt sei insbesondere wichtig für kleine und mittlere Berliner Unternehmen in Gastronomie, Hotellerie und Einzelhandel, die dort täglich ihre Waren beziehen, erklärte Florian Swyter, wirtschaftspolitischer Sprecher der FDP-Fraktion.

Aus dem Großmarkt könne „mit Sicherheit mehr gemacht werden, als es im Moment der Fall ist“, sagte Frank Jahnke (SPD) im Abgeordnetenhaus und begrüßte die genossenschaftliche Basis der IG. Jahnke schlug angesichts der notwendigen Investitionen eine Erbbaupacht von 40 Jahren vor. Marc Urbatsch (Grüne) erklärte, die Interesengemeinschaft habe ein modernes und wegweisendes Konzept vorgestellt. Die bisherigen Gewinne der Großmarkt GmbH, etwa 1,5 Millionen Euro pro Jahr, sollten sich im Erbbauzins widerspiegeln. Zudem müsse vertraglich gesichert werden, den Standort langfristig für den Mittelstand zu sichern. CDU und AfD unterstützen den Antrag der FDP. Die Linke hingegen sieht noch Diskussionsbedarf bei Inhalt und Finanzierung des genossenschaftlichen Konzepts. Sie mahnte, den Einfluss des Landes auf die Entwicklung des Großmarktes nicht leichtfertig abzugeben.

Keine Annäherung bei Treffen im Dezember

Sollte sich die IG durchsetzen, müsste sich die Großmarkt-GmbH aus dem operativen Geschäft an der Beusselstraße zurückziehen. Dazu ist deren Geschäftsführer Peter Stäblein aber nicht bereit. Er verweist unter anderem auf bestehende langfristige Mietverträge. Der Geschäftsführer sieht keine Veranlassung, an den jetzigen Strukturen etwas zu ändern. Die Vergabe eines Erbbaurechts schloss er aus. Auch ein Treffen mit Vertretern der Interessengemeinschaft im Dezember brachte keine Annäherung. Die Pläne der IG liefen komplett an ihm vorbei, sagte Stäblein der Morgenpost. Sein Konzept zur Sanierung der Halle des Fleischgroßmarkts sieht vor, bis 2019 einen kleineren Neubau an anderer Stelle des Geländes zu errichten und die dort stehende ehemalige „Kaiser’s“-Halle abzureißen. In den Neubau sollte ein Teil der Händler dauerhaft umziehen, dann sollte die alte Fleischgroßmarkthalle etappenweise saniert werden.

Händler, die auch Mitglieder der IG sind, fühlen sich nicht eingebunden und sehen die Pläne kritisch. Der Neubau liege ungünstig und sei von Größe und Höhe her unzureichend, monieren sie. Der Abriss der „ Kaiser’s“-Halle wurde nach einer Intervention von Wirtschaftssenatorin Pop gestoppt. Das gelte nach Angaben ihrer Sprecherin Svenja Fritz auch für die Kernsanierung der alten Fleischgroßmarkt-Halle. Zunächst solle das Konzept der IG vorliegen und geprüft werden. Pop bezeichnete das Vorhaben der IG als interessant. Sie sagte eine sorgfältige und wohlwollende Prüfung zu. Peter Stäblein befürchtet indes Verzögerungen. Eigentlich sollte der Neubau für den Fleischgroßmarkt Mitte kommenden Jahres fertig sein. Die Kosten taxiert er auf 15 Millionen Euro, die Sanierung der alten Halle könnte bei zwölf Millionen Euro liegen.

Nicht innovativ genug?

Vielen in der IG ist das Gebahren der Großmarkt GmbH nicht innovativ genug, die Kommunikation über die Zukunft des Großmarkts sei unzureichend. Beobachter sprechen auch von „atmosphärischen Störungen“. Jens Krieg ist Geschäftsführer der Care Speisen-Versorgung (CSV) und seit zehn Jahren am Großmarkt ansässig. Er möchte dort auch langfristig bleiben, fühlt sich aber wenig in die Planungen involviert. Krieg hat 120 Mitarbeiter und ist vor allem Dienstleister für Krankenhäuser. Er habe sich der IG angeschlossen, weil er expandieren wolle, dies sei unter den jetzigen Bedingungen aber schwierig. Er wolle mitgestalten und vernetzt sein. „Jeder sollte zum Gelingen des Großmarktes beitragen können“, sagte Krieg der Berliner Morgenpost.

Fleischgroßhändler Jürgen Wache beklagt, er habe Ende 2015 mit der alten Großmarkt-Geschäftsführung eine Erweiterung und Renovierung seiner Flächen vereinbart. Dies sei dann von den Nachfolgen gestoppt worden. „Für mich ist die Welt zusammengebrochen“, sagte Wache der Morgenpost. Sein Mietvertrag laufe nur noch gute zwei Jahre und er wisse noch nicht, wie es nun weitergeht. Wache hat 85 Mitarbeiter und 1200 Kunden, vor allem Gastronomen und Krankenhäuser in Berlin und Brandenburg. Die Unruhe unter seinen Mitarbeitern sei groß, aber die Verhandlungen mit der Großmarkt-GmbH würden fortgesetzt. Die Initiative für den Frischecluster finde er sehr gut. So könne der Großmarkt auch in Zukunft der „Bauch von Berlin“ sein.

Der Finanzierungsplan, den die IG nun vorlegen will, sieht unter anderem vor, dass das Stammkapital der Genossenschaft durch Einlagen der jetzigen und künftigen Mitglieder von derzeit knapp 300.000 Euro auf vier Millionen Euro erhöht wird. Dieter Krauß, Vorstand der Fruchthof-Genossenschaft, sagte, es gebe bei diesem Konzept nur Gewinner. Es handele sich nicht um eine Privatisierung. Die Großmarkt-GmbH bliebe Eigentümerin des Geländes und wäre Erbbaurechtsgeberin. Das Land Berlin lege die Nutzungsbindung fest, die die Genossenschaft als Besorger und Partner des Landes erfülle. Die Genossenschaft trage das wirtschaftliche Risiko und garantiere einen Erbbauzins in Höhe der bisherigen Gewinne des Großmarktes. Den Wert der Gebäude taxiert die IG auf 22 Millionen Euro. Die würden sie über Kredite und Eigenkapital erwerben. Dafür sei das Erbbaurecht als Sicherheit notwendig. Wirtschaftsprüfer und Banker hätten das Konzept als tragfähig klassifiziert. Zudem könne das Land Berlin auch noch einmalig rund drei Millionen Grunderwerbssteuer von der neuen Genossenschaft kassieren. Die IG jedenfalls ist nach entsprechenden Signalen aus dem Wirtschaftsausschuss des Abgeordnetenhauses optimistisch, dass es noch vor der parlamentarischen Sommerpause in diesem Jahr zu einer Einigung mit dem Land Berlin kommen könnte.