Berlin

Ein Stück Neuköllner Tradition zerstört

An Silvester bricht ein Feuer im Musikhaus Bading aus. Die Polizei ermittelt wegen schwerer Brandstiftung

Es dürfte zu den ältesten noch existierenden Geschäften Neuköllns gehören, auf jeden Fall gehört es zu den bekanntesten – das legendäre Musikhaus Bading an der Karl-Marx-Straße 186. Doch der Start ins 100. Jahr des Bestehens begann für den Familienbetrieb mit einer Katastrophe. Ein Feuer hat in der Silvesternacht große Teile der Verkaufsräume zerstört. "Wann das Geschäft wieder öffnet oder wie es weitergehen kann, ist bisher unklar", sagt Bezirksbürgermeisterin Franziska Giffey (SPD). Sie traf sich am gestrigen Mittwoch mit Mitgliedern der Familie Bading und machte sich vor Ort selbst ein Bild. "Der ganze vordere Teil des Geschäfts ist verkohlt und verschmort, historische Noten, Fotografien, Autogramme und Instrumente sind unwiederbringlich zerstört."

Bekannt ist das Musikhaus, weil es sowohl in der Inneneinrichtung als auch im Angebot die analogen Zeiten der Musik weiterleben lässt. Wer hier einkauft, dem geht es um Schallplatten, Noten, Gitarren und Ukulelen – oder einfach auch nur um einen Besuch bei den Betreibern, deren älteste die Tochter des Firmengründers ist – Brünhilde Schibille (94). Auch die Schwiegertochter des Firmengründers ist mit dabei, Liane Bading, und Dieter Götz, der seit fast 50 Jahren für die Badings arbeitet.

Aus einer großen Gruppe Feiernder seien in der Silvesternacht Feuerwerkskörper in Tür und Fenster des Ladengeschäfts an der Ecke zur Thomasstraße geworfen worden, hieß es am Neujahrstag. Die Polizei ermittelt wegen schwerer Brandstiftung. Drei Personen seien aus den darüberliegenden Wohnungen gerettet worden, schwer verletzt wurde jedoch niemand, berichtete die Feuerwehr. Unter den Geretteten war auch die Schwester der Betreiberin. Sie sei inzwischen in ihre Wohnung zurückgekehrt, so Giffey.

Manche Passanten haben Tränen in den Augen

"Ich bin wirklich traurig darüber, weil hier ein Stück Neuköllner Tradition zerstört wurde", sagt die Bürgermeisterin, die am Neujahrstag auf Facebook persönlich den ersten Bericht über den Brand schrieb. "Ich hoffe, dass der Täter bald gefasst und dann auch hart bestraft wird." Die Feuerwehr dementierte Gerüchte, während der Löscharbeiten seien Feuerwehrleute angegriffen worden. Bei dem Einsatz seien zwar Wasserschläuche beschädigt worden, jedoch durch die Glasscherben der zerborstenen Schaufenster, so ein Sprecher der Polizei.

In Neukölln ist das Entsetzen über das Feuer groß. Noch am zweiten Tag danach brannten an dem Eckladen an der Karl-Marx-Ecke Thomasstraße die Lichter der Weihnachtsbeleuchtung. Doch die zugenagelten Schaufenster und Haufen aus verkohlten Gitarrenkoffern und durchweichten Notenbüchern erzählten vom Ausmaß der Zerstörung. Immer wieder blieben Passanten stehen, manche mit Tränen in den Augen. Yuliya Gören gehörte zu den ersten, die zufällig vorbeikamen und stehen blieben. Sie sei Musiklehrerin und habe oft Noten und auch ihre Ukulele bei Bading gekauft, sagt sie. Die Beratung sei gut und sehr persönlich gewesen. "Geschäfte wie das Musikhaus Bading gibt es fast gar nicht mehr, durch die Konkurrenz im Internet haben sie es schwer zu überleben." Andrea Bittermann arbeitet um die Ecke. Sie sei geschockt, sagt sie. "Wir wollten ein Projekt mit den alten Damen aus diesem besonderen Geschäft machen, ich wollte sie interviewen."

Das Musikhaus hat Fans weit über Neukölln hinaus. Zu den berühmtesten gehört wahrscheinlich der Sänger Frank Zander, der direkt gegenüber aufwuchs, einst seine erste Gitarre bei den Badings kaufte – und seine erste Single persönlich zum Verkauf vorbeibrachte, den Song "Erna". Auch wenn Zander nicht mehr hier wohnt, schaute er in den vergangenen Jahren ab und zu vorbei. Denn ein Besuch im Musikhaus Bading war gleichzeitig eine Reise in die musikalische Vergangenheit Berlins.

Jeden Tag saßen hinterm Tresen Brünhilde Schibille, dazu ihre Schwester, und wer wollte, hörte die aufregenden Rixdorfer Geschichten von früher. Die Badings wurden einst als Müller und Schmiede hier ansässig und kauften Land. Auch das Gebäude mit dem Geschäft ist in Familienbesitz. 1919 wurde das Musikhaus gegründet – nicht nur als Verkaufsraum, sondern als Veranstaltungsort. Bald gastierten hier die Schallplatten-Stars der klassischen Musik. Ab den 60er-Jahren wandelte sich Bading mit der aufkommenden Popmusik. Die Inneneinrichtung blieb irgendwann in den frühen 80ern stehen – und ist bei Neu-Neuköllnern heute wieder Kult. Wer wollte, konnte sich zwischen Schlager-Schallplatten, Kassettenrekordern und Plattenspielern fühlen wie einst. Oder die unzähligen historischen Fotos anschauen, sogar eins von der Beerdigung des Gründers, zu der angeblich Zigtausende Menschen kamen. Bürgermeisterin Giffey sagt, noch stehe die Familie unter Schock. "Wir haben aber schon Anfragen von Berlinern bekommen, die beim Wiederaufbau helfen wollen. Wenn die Familie es möchte, stehen wir an ihrer Seite."

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