Nach der Insolvenz

Air Berliner versuchen Neustart in der Transfergesellschaft

Hunderte Mitarbeiter von Air Berlin arbeiten in der Transfergesellschaft an ihrer Zukunft.

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DOMINIK BATH


In dem Gebäude mit den roten Ziegeln unweit des Berliner Flughafens Tegel schlug bis vor wenigen Monaten noch das Herz von Deutschlands zweitgrößter Fluggesellschaft Air Berlin. Hinter den Mauern erstellten mehr als 2000 Mitarbeiter die Einsatzlisten der Flugzeugcrews, planten die Routen der Maschinen oder behielten die Zahlen im Blick. Doch seit August ist es stiller geworden in der Zentrale von Air Berlin am Saatwinkler Damm.


Schon seit einigen Monaten liegen in dem Regal am Haupteingang, das sonst die Mitarbeiterzeitung präsentierte, Zettel von Anwälten und Jobofferten: Ein Sicherheitsdienst sucht Mitarbeiter, auch ein Logistiker hat sich ins Schaufenster gestellt. Doch für viele Beschäftigte der insolventen Airline beginnt die Zukunft in einem Zimmer im dritten Stock. In dem Büro sitzt Annette Hempel. Die erfahrene Personalerin koordiniert seit November die Transfergesellschaft für das Verwaltungspersonal von Air Berlin.

820 Mitarbeiter haben bereits Verträge mit der Transgesellschaft unterschrieben, teilt die zuständige Senatsverwaltung für Integration, Arbeit und Soziales mit. Bislang haben 309 Air-Berliner den Weg zu Annette Hempel angetreten. Der Rest soll im nächsten Jahr folgen. Die Personalexpertin will den Beschäftigten der Pleite-Airline beim Neustart helfen. Sechs Monate haben sie in der Transfergesellschaft Zeit, einen neuen Job zu finden. „Wir vereinbaren mit den Mitarbeitern individuelle Termine, gehen die Bewerbungsunterlagen durch und bereiten auf Vorstellungsgespräche vor“, erklärt Hempel.

Tim Schulze (Name geändert) ist 37 Jahre alt. Sieben Jahre lang hat er für Air Berlin gearbeitet. Zuletzt erstellte er Einsatzpläne für Piloten, Co-Piloten und Flugbegleiter. Ab Januar soll auch er einen Platz in der Transfergesellschaft finden. „Nach den turbulenten Zeiten, habe ich in der Transfergesellschaft zunächst einen Platz und falle nicht ins Bodenlose“, erklärt Schulze, der seinen richtigen Namen nicht in der Zeitung lesen will. Doch der Air-Berlin-Mitarbeiter gewinnt nicht nur Zeit: In der Transfergesellschaft erhält er zudem 75 Prozent seines letzten Nettogehaltes, das Arbeitslosengeld wird also leicht aufgestockt. Allerdings: Mit dem Eintritt in die Transfergesellschaft verzichtet Tim Schulze auch auf sein Recht, gegen die Kündigung zu klagen und somit auch auf eine mögliche Abfindung. „Jeder muss selber wissen, was er tut. Ich habe mich dazu entschieden, nicht zu klagen und nach vorne zu schauen“, sagt Schulze.

Berlin gibt 11,5 Millionen Euro für Auffanggesellschaft aus

Annette Hempel arbeitet mit einem fünfköpfigen Team an der Zukunft der Air-Berlin-Mitarbeiter. In der Transfergesellschaft kommen auf einen Betreuer 50 Arbeitnehmer. Das sei eine gute Quote, sagt Hempel, die seit 2009 bei der Personaltransfer GmbH arbeitet. Seitdem hat sie Menschen, die nach Insolvenzen vor dem Nichts standen, immer wieder eine neue Perspektive geboten. Als vor einigen Jahren die Baumärkte Praktika und Max Bahr pleitegingen, vermittelte Hempel 70 Prozent der Belegschaft an neue Arbeitgeber. Um diese Zahl einordnen zu können, erwähnt sie das Beispiel Schlecker: Nach der Insolvenz der Drogeriemarktkette habe eine Transfergesellschaft, die von der Arbeitsagentur getragen wurde, nur gut ein Viertel der Mitarbeiter wieder in Arbeit gebracht. Jetzt muss Annette Hempel erneut sehr gut sein.

Darauf hofft auch das Land Berlin. Landespolitiker rangen nach der Pleite wochenlang um eine Auffanggesellschaft für bis zu 4000 Air-Berlin-Mitarbeiter. Auch andere Bundesländer sollten sich an den Kosten in Höhe von rund 50 Millionen Euro beteiligen. Als daraus nichts wurde, finanzierte der Senat immerhin die kleine Lösung für das Bodenpersonal der Airline. Insgesamt stellt Berlin 11,55 Millionen Euro bereit. „Berlin hat Verantwortung übernommen“, sagt Wirtschaftssenatorin Ramona Pop (Grüne). „Es war richtig, die ehemaligen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Air Berlin nicht in dieser schwierigen Situation alleine zu lassen. Die Transfergesellschaft bietet den Beschäftigten neue Perspektiven.“ Sie sei zuversichtlich, dass viele Air-Berlin-Mitarbeiter zügig zukunftsfeste Arbeitsplätze erhalten, sagte die Senatorin.

Dem fliegenden Personal werden dabei die besten Chancen eingeräumt. Viele Piloten, Co-Piloten und Flugbegleiter haben bereits bei Lufthansa, Eurowings oder Easyjet neue Kontrakte unterzeichnet, viele allerdings zu weitaus schlechteren Konditionen. Doch auch auf dem Boden gab es Bewegung. Bereits in den Tagen nach der Insolvenz hatten Berliner Behörden signalisiert, Beschäftige der Airline übernehmen zu wollen. Auch über kurzfristig organisierte Jobmessen fanden einige Mitarbeiter neue Arbeitsplätze.

Tim Schulze will in Berlin bleiben. Längst habe er Angebote anderer Fluggesellschaften gehabt, doch alle abgelehnt. Denn für einen neuen Job hätte er nach Köln oder Frankfurt umziehen müssen. Jetzt hofft er auf Arbeit in der Personalabteilung eines Berliner Unternehmens. „Die Situation hier ist nicht so schlecht“, bekräftigt Schulz. Er glaubt, dass in dem alten Air-Berlin-Gebäude auf ihn vielleicht auch ein Neuanfang wartet.