Logistik

Berliner Lieferverkehr vor dem Kollaps

Der Boom des Online-Handels nicht nur vor Weihnachten zwingt die Städte zum Handeln, wenn sie den Verkehrsinfarkt verhindern wollen.

In den Verteilzentren der Paketdienste werden die Sendungen automatisch sortiert. Der zunehmende Lieferverkehr in den Städten bereitet Probleme.

In den Verteilzentren der Paketdienste werden die Sendungen automatisch sortiert. Der zunehmende Lieferverkehr in den Städten bereitet Probleme.

Foto: Klaus-Dietmar Gabbert / dpa-tmn

Berlin. „Wir sehen einen stark zunehmenden Lieferverkehr in den Innenstädten, der uns Probleme bringt“, stellt Jochen Brückmann fest, der den Bereich Stadtentwicklung und Internationale Märkte bei der Berliner Industrie und Handelskammer (IHK) leitet. Die Liefer-Branche selbst fürchtet ebenfalls, unter dem eigenen Erfolg zusammenzubrechen. „Wenn Lieferungen im Lebensmittelhandel nur einen Anteil von zehn Prozent gewinnen, dann stehen wir auf den Straßen vor dem Kollaps“, warnte kürzlich Jan Kruska, Leiter „Direct Freight“ der Bahn-Tochter DB Schenker Logistics.

Die Kurier-, Express- und Paket-Branche wuchs in Deutschland allein im ersten Halbjahr 2017 um 6,6 Prozent. Vor allem die Sendungen von Geschäften an Privatkunden boomen. In diesem Sektor gab es ein Plus von mehr als 13 Prozent. Ein Ende ist nicht in Sicht. Die Branche rechnet bis 2021 mit einem Umsatzwachstum von mehr als 30 Prozent. Das macht den Städten Sorgen. Schon heute gehen Studien davon aus, dass der Güterverkehr in den Städten 20 bis 30 Prozent des Verkehrs ausmacht, aber für 80 Prozent der Staus in Stoßzeiten verantwortlich ist. Denn zu den Wagen von DHL, UPS, Hermes & Co kommen noch Tausende sonstiger Fahrzeuge von Lieferdiensten.

In Berlin stellen nach einer Studie des Branchenverbandes BIEK an jedem Werktag rund 2500 Lieferwagen mehr als 376.000 Pakete zu. Die meisten Unternehmen nutzen Diesel-getriebene 3,5-Tonner. Nicht alle erfüllen neuste Abgasnormen, auch deshalb hängen mögliche Diesel-Fahrverbote wie ein Damokles-Schwert über der Branche. Der Druck, etwas zu verändern ist groß. Auch weil viele Lieferdienste die Verkehrsregeln eher eigenwillig auslegen, in zweiter Reihe parken oder Radwege blockieren. „Die Gesellschaft toleriert hier ein Geschäftsmodell, das auf permanenten Ordnungswidrigkeiten basiert“, sagt Frank Masurat, Vorstand des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs Berlin.

In der Senatsverkehrsverwaltung arbeiten Fachbeamte von Senatorin Regine Günther (parteilos, für Grüne) an einem Konzept. „Wir haben eine unglaubliche Dynamik im Markt“, sagt Wirtschaftsverkehrsexperte Julius Menge. In einem ersten Schritt soll es nun wie bereits in anderen Städten Versuche mit für alle Lieferfirmen zugänglichen Lagern geben, von wo aus die Waren mit Lastenrädern, kleineren Fahrzeugen oder sogar per Sackkarre über einen Radius von zwei bis drei Kilometern in den Kiezen verteilt werden. Um eine neutrale Trägerschaft dieser Verteilplattformen zu sichern, soll die landeseigene Berliner Hafen- und Lagerhausgesellschaft (Behala) diese Funktion übernehmen. Der erste sogenannte Mikro-Hub ist für 2018 in der Nähe des Mauerparks geplant. Von dort soll dann Prenzlauer Berg versorgt werden. Gleichzeitig bieten aber auch Unternehmen solche Konzepte an. Die Bahn-Tochter Schenker plant etwa einen Modellversuch aus Hamburg auch in Berlin auszubauen und pro Bezirk etwa einen Hub aufzubauen.

Mehr zum Thema:

Verkehrskollaps durch Pakete: Berlin braucht kluge Konzepte