Zettel im Supermarkt

Das ist der Rentner, der Weihnachten nicht alleine sein will

Weil er Weihnachten nicht allein sein wollte, hing ein Rentner einen Zettel im Supermarkt aus. Das löste große Hilfsbereitschaft aus.

Lisa Gobel (27) und Herr Kühne (79) studieren gemeinsam auf Facebook die zahlreichen Kommentare und Hilfsangebote

Lisa Gobel (27) und Herr Kühne (79) studieren gemeinsam auf Facebook die zahlreichen Kommentare und Hilfsangebote

Foto: David Heerde

Berlin. „Einer bleibt immer übrig“, sagt Herr Kühne (79). Wir haben zwei Stunden darüber gesprochen, wie das ist, wenn man sich im Alter einsam fühlt. Kühne war dabei oft den Tränen nahe. Jetzt sitzt er auf seinem geblümten Sofa und blickt fast erstaunt, als er sagt, einer müsse es eben sein, der übrig bleibt, wenn viele Weggefährten gestorben seien. Als sei die Tragweite dieses lapidaren Satzes ihm eben erst bewusst geworden.

Das Wohnzimmer des 79-Jährigen zieren Antiquitäten, an den Wänden hängen Kindheitsfotos, im Fenster stehen Bilder von Kühnes Hochzeit. Es sind die Überbleibsel aus glücklichen Tagen, die er sich bewahrt hat. Heute fühlt Kühne sich mit seinen Sorgen alleingelassen, vor allem kurz vor Weihnachten wird ihm das bewusst. Für Kühne ist das Fest ein Ereignis, das schon Wochen vor Heiligabend einen traurigen Schatten vorauswirft. „Meine Frau Brigitte ist vor vier Jahren gestorben. Zu meinem Sohn habe ich keinen Kontakt mehr. Meine Enkelkinder sehe ich selten“, sagt Kühne.

Eine Berlinerin mit Herz hilft dem Senioren

In diesem Jahr feiert Kühne voraussichtlich nicht allein. Anteil daran hat auch Lisa Gobel. Die 27-Jährige postete einen Zettel, den Kühne in einem Berliner Supermarkt auf das Schwarze Brett gepinnt hatte, auf Facebook. Was dann geschah, ist ein kleines Weihnachtswunder. Im November hatte Kühne ein Gesuch auf das Schwarze Brett eines großen Berliner Supermarkts gehängt, erzählt er uns. „Wo findet einsamer Rentner, Witwer, im kleinen Kreis zu Weihnachten einen Platz zum Mitfeiern? Wohnte 50 Jahre im eigenen Haus in Steglitz“, steht in blauer Druckschrift auf dem Vordruck des „Kunden-Service“.

Gobel ist in dieser Woche zufällig dort, sie macht vor dem Wochenende einen Großeinkauf. „Als ich den Zettel las, war ich eigentlich total im Stress. Die Wohnung, in der ich mit meinem Freund wohne, versank im Umzugschaos, ich war in Eile“, sagt sie. Doch der Zettel habe ihr das Herz gebrochen, sagt sie. So beschloss sie an einem Freitag im November, kurz nach ihrem Einkauf, das Bild von Kühnes Zettel auf Facebook zu posten. Es wurde bis heute über 4000-mal mit Like markiert und über 6700-mal geteilt.

Menschen aus ganz Deutschland wandten sich an Gobel, die Kühnes Nummer geschwärzt hatte, und boten an, dem Senior zu helfen. „Diese Unterstützung hat mich total überwältigt“, sagt Lisa. „Was wollen die alle mit mir?“, sagt Kühne. Seitdem sie das Gesuch öffentlich gemacht hat, haben die zwei sich mehrfach getroffen. Am Laptop zeigt sie ihm, wie viele Menschen das Bild kommentiert haben. „Das kann ich gar nicht fassen – so viele?“, sagt Herr Kühne. Lisa, die er jetzt „Lisachen“ nennt, lächelt.

Herr Kühne hatte sein Gesuch bewusst in Steglitz-Zehlendorf publik gemacht. Denn in dem Bezirk, den er „sein Zehlendorf“ nennt, kam er im Jahr 1938 im Haus seiner Eltern zur Welt. „Ich kann mich an die Kriegsjahre kaum erinnern“, sagt er. „Als Berlin schließlich bombardiert wurde, schickte meine Mutter mich zu meiner Großmutter nach Berlin-Buch. Dort sah ich die Bomber am Himmel, die Kurs auf Berlin nahmen.“ Kühne berichtet, seine Kindheit sei von den Entbehrungen der Nachkriegsjahre geprägt gewesen. „Ich habe meine Mutter immer zum Steinekloppen begleitet“, sagt er. So habe man das umgangssprachlich genannt, wenn die Trümmerfrauen den Mörtel von den Ziegelsteinen abschlugen, damit diese wiederverwendet werden konnte.

Ende der 50er-Jahre habe er dann eine Lehre beim Konfektionshersteller Gerhard Ebel & Co. am Kudamm begonnen. Eine feine Adresse, ein Beruf, für den er brannte. „Ich habe berechnet, für wie viel Geld wir die Kleidung verkaufen müssen, um gute Gewinne zu erzielen. Und meine Frau Brigitte wurde dort dann sogar Mannequin“, sagt er.

„Der größte Fehler war, das Haus zu verkaufen“

Später habe er sich als Immobilienmakler versucht. Mit den Jahren sei das Geld knapper geworden. „Der größte Fehler war, dass ich das Haus, in dem ich aufgewachsen bin, verkauft habe“, sagt Kühne. Aber er möchte nicht mehr in der Vergangenheit wühlen. „Ich muss mich jetzt bemühen, positiv zu denken“, sagt er. „Daran denken, was noch kommt.“ Vor allem die Aussicht darauf, an Weihnachten nicht allein zu sein, helfe ihm dabei. „Eine junge Familie hat sich gemeldet“, sagt er. „Am ersten Weihnachtsfeiertag kann ich bei Ihnen sein. Ich freue mich so.“ Kühne überlegt nun, was er der jungen Mutter, ihrem Mann und den zwei Kindern schenken soll, wenn er am ersten Feiertag das Fest bei ihnen verbringt.

Im nächsten Jahr möchte Lisa ihm helfen, wieder auf die Füße zu kommen. Mit vielen Dingen des täglichen Lebens ist er überfordert. Wie viele Männer seiner Generation, meint Lisa, sei es für ihn wichtig, nach außen stark zu wirken. Bloß keine Schwäche zeigen, denn nach dem Krieg musste man ja auch anpacken, anstatt zu jammern. Doch die Resonanz auf den Zettel zeigt auch: Es gehört Mut dazu, sich verletzlich zu machen. Schwäche zu zeigen, nach Hilfe zu fragen. Und mitunter wird Mut eben belohnt.

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