Viele Frauen betroffen

Kehrseite des Job-Booms: Fast jeder Fünfte in Teilzeit

Auch die Zahl der Minijobber ist gestiegen. Das Normalarbeitsverhältnis müsse wieder zur Regel werden, sagt Berlins Arbeitssenatorin.

Eine Verkäuferin in einer Bäckerei. Vor allem Frauen nutzen die Möglichkeit der Teilzeitbeschäftigung

Eine Verkäuferin in einer Bäckerei. Vor allem Frauen nutzen die Möglichkeit der Teilzeitbeschäftigung

Foto: Jan Woitas / dpa

Berlins rasantes Arbeitsplatzwachstum hat auch zu einem Anstieg der Beschäftigten in Teilzeit geführt. Die Zahl der Mitarbeiter, die weniger als 40 Stunden in ihrem Betrieb beschäftigt waren, hat sich innerhalb von zehn Jahren verdoppelt. Dafür ist vor allem das Beschäftigungswachstum im Dienstleistungssektor verantwortlich. Insgesamt sind 18 Prozent der Arbeitnehmer in Teilzeit tätig. Das geht aus dem „Betriebspanel Berlin 2016“ hervor, das am Montag von Arbeitssenatorin Elke Breitenbach (Linke) vorgestellt wurde.

Nicht nur die Zahl der Arbeitnehmer mit einer Teilzeitstelle ist gewachsen, sondern auch die der Mitarbeiter mit befristeten Arbeitsverträgen, Mini- oder Leiharbeiter-Jobs: Fast jeder vierte Berliner war 2016 in einem solchen Beschäftigungsverhältnis tätig. Senatorin Breitenbach will dagegen vorgehen. „Das Normalarbeitsverhältnis muss wieder zur Regel und gute Arbeit zum Maßstab von Beschäftigungsentwicklung werden“, sagte sie. Breitenbach forderte die künftige Bundesregierung auf, Rahmenbedingungen dafür zu schaffen. Konkret regte die Politikerin ein Rückkehrrecht für Arbeitnehmer auf ihre Vollzeitstelle, die Abschaffung von Verträgen mit sachgrundloser Befristung und die Sozialversicherungspflicht für Mini-Jobs an. Das „Betriebspanel“ wird seit 1996 erstellt. Die Befragung in 813 Betrieben wurde zwischen Juli und Oktober 2016 durchgeführt.

Laut Studie sind vor allem Frauen in Berlin in Teilzeit tätig: Drei Viertel aller Teilzeitbeschäftigten sind weiblich, jede dritte Berlinerin arbeitet auf einer Teilzeitstelle. Bei Männern hingegen ist Teilzeit nur wenig verbreitet: Nur zehn Prozent der männlichen Beschäftigten arbeiten auf einer Teilzeitstelle. Frauen seien in der „Teilzeitfalle“, sagte Senatorin Breitenbach. „Viele Frauen wollen mehr arbeiten, können aber ihre Arbeitszeit nicht aufstocken. Das ist im Hinblick auf Altersarmut ein großes Problem“, so Breitenbach.

Die Unternehmerverbände Berlin-Brandenburg (UVB) widersprechen: Teilzeit sei politisch und auch von vielen Beschäftigten gewollt, sagte UVB-Hauptgeschäftsführer Christian Amsinck. Frauen würden Teilzeitarbeit nutzen, um Beruf und Familie miteinander vereinbaren zu können. In der Hauptstadt gebe es aber bei Betreuungsangeboten Luft nach oben. „Wer Teilzeitbeschäftigten helfen will, sollte hier stärker Akzente setzen“, erklärte Amsinck.

Zum zehnten Mal in Folge ist in Berlin auch die Zahl der Betriebe gewachsen: 2016 gab es 95.687 Firmen (2015: 93.544). Fast drei Viertel der Unternehmen haben weniger als zehn Mitarbeiter. Die Kleinteiligkeit ist auch ein Grund dafür, dass die Tarifbindung sinkt: Nur 19 Prozent der Betriebe sind an einen Branchen- oder Haustarifvertrag gebunden, 1998 waren es noch 41 Prozent. „Das ist ein klarer Abwärtstrend“, sagte Breitenbach. Allerdings: Je größer ein Unternehmen ist, desto eher steht es zu dem von Gewerkschaften und Arbeitgebervertretern ausgehandelten Rahmen: Derzeit arbeiten 48 Prozent der Beschäftigten in Betrieben mit Tarifbindung.

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