Weihnachtsmarkt

Breitscheidplatz: Ein Jahr nach dem Anschlag - Was bleibt?

Foto: Bernd von Jutrczenka / dpa

Wie leben die Menschen am Breitscheidplatz ein Jahr nach dem Anschlag weiter? Besuch an einem verwundeten Ort.

Ein Bauzaun, übermannshoch, unauffällig verkleidet mit künstlichem Tannengrün. Er fällt kaum auf im Gewimmel zwischen den Buden des Weihnachtsmarkts auf dem Breitscheidplatz. An einer Stelle hat jemand mit den Fingern ein Loch in die Deko des Zauns gebohrt. Neugierig. Als läge dahinter die Antwort auf all die Fragen, die zu diesem Ort bleiben. Der Bauzaun markiert die Lücke, die bleibt, ein Jahr nach dem Anschlag auf dem Breitscheidplatz, bei dem zwölf Menschen starben. Dahinter wird am kommenden Dienstag das Mahnmal enthüllt, das die Namen der zwölf Opfer nennt.

Wie geht es den Menschen am Breitscheidplatz heute? Den Marktbetreibern, den Besuchern, den Überlebenden, den Helfern und Augenzeugen? Der Ort hinter dem Zaun gibt keine Antwort. Eine Plane bedeckt noch die Namen der Toten. Ab Dienstag werden die Kerzen und Kreuze hier stehen, die bisher auf den Stufen zur Kirche Zeugnis der Trauer ablegten. Die ersten Blumen lagen schon am Abend des Anschlags hier. Eine weiße Rose legte Bundeskanzlerin Angela Merkel am vergangenen Dienstag bei einem unangekündigten Besuch hier ab.

Die Kanzlerin lief wie alle anderen Besucher über die Gummimatten vor dem Bauzaun, die den „Riss“ abdecken, der zum Mahnmal gehört und sich von den Stufen quer auf den Platz zieht. Ein mit Bronze gefüllter Spalt im Pflaster, ein Symbol für die Narbe, die der Anschlag hinterließ. Wie wird die Wunde verheilen? Wie geht eine Stadt um mit dem Terroranschlag, den viele zunächst „nur“ für einen Unfall hielten, weil man irgendwie gedacht hatte: Das passiert, aber doch nicht bei uns?

An den genauen Ablauf des Abends erinnere er sich nur noch in Bruchstücken

Ein Unfall, so dachte im ersten Augenblick auch Edgar Brauer. Der 27-Jährige stand als Verkäufer in der „Weihnachtsterrasse“ auf den Stufen der Gedächtniskirche, genau da, wo er auch heute wieder steht. Er deutet hinter sich durch ein Fenster, von dort hat er den Lastwagen kommen sehen. „Ich dachte, der Fahrer hätte vielleicht die Gewalt über das Fahrzeug verloren.“ Nach einer Schocksekunde lief er nach draußen, nach gegenüber, wo eben noch eine Glühweinbude gestanden hatte. Über das, was er sah, sagt er nur: „Ich war hinter dem Lastwagen“, als wolle er sein Gegenüber vor dem schützen, was er damals sah. Brauer ist in seiner Heimat, der Uckermark, Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr. Zu seinen Einsätzen gehören auch schwere Verkehrsunfälle. Er tat an dem Abend, was er gelernt hatte: Er blieb und half retten.

Der Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz öffnet wieder

An den genauen Ablauf des Abends, sagt Brauer, erinnere er sich nur noch in Bruchstücken. An die junge Frau, der er Hilfe leistete, der Lastwagen war über ihre Beine gerollt. „Ansonsten weiß ich nichts mehr, nicht, wer dabei war, was gesagt wurde, ob es laut oder leise war, nichts.“ Die nächste Erinnerung ist ein Wutanfall. „Ich brüllte die Leute an, die mit Handys filmten, statt zu helfen.“ Heute ist ihm das etwas peinlich, obwohl er von Gaffern nach wie vor nichts hält. Aber die Wut damals war einfach ein Ventil. Deswegen erzählt er davon, weil er inzwischen weiß: auch das Erzählen ist ein Ventil. Bei der Jugendfeuerwehr haben sie im Prinzip gelernt, welche Wege der Verarbeitung es gibt. Erzählen oder Verdrängen. „Normalerweise packe ich das, was ich sehe, gedanklich in einen Koffer und trage es in den Keller.“ Nach dem 19. Dezember hat das nicht funktioniert. Er hat sich psychologische Hilfe genommen.

Inzwischen kommen die traumatischen Eindrücke zurück, manchmal unwillkürlich. Der Geruch von Glühwein und Eierpunsch löst sofort wieder Bilder aus, sagt er. Trotzdem steht Brauer, der das Jahr über als Animateur auf Kreuzfahrtschiffen die Welt bereist, wieder an seinem alten Stand. Er verkauft jetzt Feuerzangenbowle. „Ich hoffe, dass ich hier Menschen treffe, die auch dabei waren und mir helfen, die Erinnerung wiederzufinden.“ Rückblickend ist nicht mehr Wut das Gefühl, das er mit dem fürchterlichen Abend verbindet, „sondern Gemeinschaft. Für mich war es wichtig zu merken, dass ich mit dem Erlebten nicht allein bin.“

Kurz vor dem Jahrestag des Anschlags ist die Aufmerksamkeit wieder voll auf den Breitscheidplatz gerichtet. Zur Eröffnung des Weihnachtsmarkts Ende November kamen Fernsehteams aus aller Welt. Sie filmten die Andacht der Schausteller in der Gedächtniskirche, die erstmals zum Start des Marktes stattfand. Sie zeigten gebrannte Mandeln, Glühwein, Currywurst – und Polizisten mit Maschinengewehren davor. Die Bilder der Betonpoller, die den Markt dieses Jahr schützen sollen, gingen um die Welt. Sie sollen Schutz symbolisieren, auch wenn man längst weiß, dass schon ein einfacher Pkw die Barrieren beiseite schieben kann. Sie gelten als wichtig, weil sie psychologisch gegen die Angst helfen sollen. Am Breitscheidplatz sind auch sie mit Tannengrün verkleidet.

Angst? Die Besucher schütteln auf die Frage hin die Köpfe. Viele sind Touristen, andere kommen nach Feierabend zum Glühweintrinken. Gleich vor der Weihnachtsterrasse lädt ein übergroßes, leuchtendes „Geschenk“ zu lustigen Selfies ein. Direkt daneben stehen die Kerzen und Kreuze des Gedenkens, wo auch viel fotografiert wird. Man kann es geschmacklos finden, andererseits symbolisiert dieses Nebeneinander ganz gut, in welche Situation der Lastwagen damals seine Schneise riss: Mitten ins Leben.

Dieses Mal ergibt sich ein Moment ratlosen Schweigens

Aber das Alltagsleben soll weitergehen, betonen alle, die mit dem Platz zu tun haben. Marktbetreiber, die AG City, die die Gewerbetreibenden rundum vertritt, die Politik. Schon am Tag nach dem Anschlag kamen ja viele Berliner zum Breitscheidplatz, um zu demonstrieren, dass die Stadt sich nicht einschüchtern lässt. „Wir lassen uns die Vorweihnachtszeit von Terroristen nicht kaputt machen“, Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller wiederholt den Gedanken noch einmal zur Eröffnung des diesjährigen Weihnachtsmarktes. Als Ort für die Pressekonferenz hat man die „Hirschstube“ gewählt, einen Marktstand im Stil einer rustikalen Skihütte, die Geborgenheit ausstrahlen soll. Drinnen drängeln sich Kamerateams, von draußen rüttelt ein Herbststurm an den Türen, aber dann heulen Sirenen von Einsatzwagen auf und der Boden beginnt zu zittern und die auswärtigen Gäste haben bange Fragezeichen in den Gesichtern. „Keine Angst, um die Ecke liegt nur eine Feuerwache und das Rumpeln kommt von der U-Bahn“, versucht jemand zu beruhigen, aber dann legen draußen auch noch die mächtigen 18 Glocken der Gedächtniskirche los. Das ist eben Berlin, hätte man zu anderen Zeiten wohl amüsiert gedacht. Diesmal ergibt sich ein Moment ratlosen Schweigens.

Merkel besucht Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz

Danach laufen Müller und Innensenator Andreas Geisel demonstrativ über den Markt. Abgeschirmt gegen den Regen, umgeben von zahlreichen Sicherheitsleuten – und vorbei an verunsicherten Besuchern und Händlern. Als ein Käsemann seine Besucher fragt: „Sind die nicht auch wegen uns hier?“, brechen alle in Gelächter aus, dann gibt es eine Runde Schnaps. Auch ein bisschen Politikerverachtung kann ja zusammenschweißen.

Unter den Gästen sind Touristen, die nichts vom Anschlag wissen

Die Besucherzahlen, sagen die Betreiber, seien dieses Jahr ähnlich wie im vorigen Jahr auch. Gerade an Wochenenden herrscht reges Gedrängel. Unter den Gästen sind Touristen, die nichts vom Anschlag wissen, andere sind bewusst wiedergekommen. „Ich habe so ein Glück gehabt“, sagt eine Besucherin aus Dortmund, „das wird mir jetzt erst bewusst, wir sind damals eine Stunde zuvor hier entlanggelaufen.“ Angst habe sie nicht, nein. „Aber auch kein wirklich gutes Gefühl.“

Zu dem unguten Gefühl, das niemand Angst nennen will, kommt ein weiteres: Wut auf die Politik. Schon kurz nach dem Anschlag deutete sich das Behördenchaos an, das nun ein Untersuchungsausschuss des Bundestages aufklären soll. Im Sommer beklagten die Schausteller, deren Buden zerstört worden waren, immense Bürokratie beim Schadensersatz. Anfang Dezember warfen Angehörige der Opfer Bundesregierung Versagen vor. Kanzlerin Merkel habe den Hinterbliebenen im ganzen Jahr nicht persönlich kondoliert. Ein erstes Treffen mit ihr soll es diesen Montag geben.

TV-Doku zeigt Chronik des Versagens im Fall Anis Amri

Zu jenen, die eine solche Distanz nicht wählen konnten, gehören Klaus-Jürgen Meier, Vorstand der AG City, Michael Roden, der den Berliner Schaustellerverband leitet, und Martin Germer, seit zwölf Jahren Pfarrer der Gedächtniskirche. Die drei Männer waren schon vorher so etwas wie die Gesichter des Breitscheidplatzes, wenn auch eher nur in der Lokalpresse. Wurden sie interviewt, ging es um Märkte, Veranstaltungen, Tourismus in der City West und der Gedächtniskirche, die auch wegen ihrer Architektur viele Besucher anzieht. Seit dem Anschlag müssen die drei unentwegt Antworten finden, praktische ebenso wie menschliche: Wie gehen wir damit um?

„Ich denke, es war unsere Gesellschaft als solche gemeint“

Hinter den Kulissen waren es Meier, Roden und Germer, die gemeinsam mit dem später benannten ehrenamtlichen Opferbeauftragten, Rechtsanwalt Roland Weber, Kontakte zu Hinterbliebenen und Verletzten herstellten und hielten, mit Helfern und Traumatisierten sprachen. Die AG City sammelte Spenden als Soforthilfe für die Betroffenen. Und die Gedächtniskirche wurde zum Ort der Sammlung. Der erste Trauergottesdienst fand schon am Tag nach dem Anschlag statt, danach trugen sich Tausende in die Kondolenzbücher ein. Seitdem werde immer wieder in Gottesdiensten und Andachten des Anschlags gedacht, sagt Pfarrer Germer, „auch wenn ich es gar nicht plane, entsteht der Bezug oft“.

Germer kann gut zuhören. Er hat einen Optimismus, den auch Menschen in schweren Situationen annehmen können. Eines will er lieber gar nicht erst hören: Dass der Terrorist die Gedächtniskirche selbst als Ziel gehabt haben könnte, die ja nicht nur ein Ort des Glaubens ist und der Ökumene, sondern auch Friedenskirche. Die Turmruine steht dafür, was Krieg und Gewalt anrichten. „Ich denke, es war unsere Gesellschaft als solche gemeint“, sagt Germer.

Alle abgelegten Gegenstände werden archiviert

Nach außen hin war die erste sichtbare Antwort der Macher vom Breitscheidplatz damals: Ein Gärtner. Der Gartenbautechniker Jörg Nöthe wurde kurz nach dem Anschlag beauftragt, das öffentliche Gedenken aus Kerzen, Blumen und Plakaten zu ordnen. Ein Jahr lang fischte er abgebrannte Kerzen, Bonbonpapiere, Kippen und Müll aus den Dingen, die die Menschen am Gedenkort ablegten, arrangierte Kreuze und Plakate und wurde nebenbei zur Adresse aller Fragen, die die Menschen hatten. Auch Nöthe gehörte zu jenen, an denen der Regierende Bürgermeister am Eröffnungsabend grußlos vorüberschritt, doch er nahm es ihm nicht übel. Er sei zufrieden, die Anteilnahme der Menschen persönlich erlebt zu haben, sagt er. Und berichtet, dass alle abgelegten Gegenstände archiviert würden. Zwar weiß er nicht genau, was damit passieren soll. „Aber vom Gefühl her ist alles wichtig, was mit diesem Ort zu tun hat.“

Was bleibt? Nöthe meint, auch nach dem Jahrestag des Anschlags werden weiter Kerzen und Blumen gebracht. In der Gedächtniskirche wird am Jahrestag der Toten gedacht. An diesem Tag bleibt der Weihnachtsmarkt geschlossen. Wie sich der „Riss“ künftig ins Bild einfügt, wird man sehen. Die Idee der Künstler ist, dass er umso mehr glänzt, je mehr Menschen darüber laufen – als Symbol einerseits dafür, dass die Erinnerung bleibt, das aber anderseits auch für eine mögliche Heilung steht.