Nazi-Symbol

Die Hakenkreuz-Glocke in Spandau läutet nicht mehr

Die Evangelische Wicherngemeinde legt wegen einer NS-Gravur ihre Glocke still. Auch andere Kirchen sollen nun überprüft werden.

Die Hakenkreuz-Gravur auf der nun stillgelegten Glocke

Die Hakenkreuz-Gravur auf der nun stillgelegten Glocke

Foto: Dieter Rehfeldt

In der evangelischen Wicherngemeinde Spandau schweigt seit Wochen die Kirchenglocke. Weil in die 1934 gegossene Glocke außer dem Christuskreuz auch ein Hakenkreuz eingefräst ist, hat der Gemeindekirchenrat entschieden, auf das Tageszeitgeläut und Läuten zu den Gottesdiensten zu verzichten. "Die Glocke schweigt auch wider das Vergessen und zur Mahnung, dass unsere Stimmen nicht schweigen dürfen, wenn nationalsozialistisches Gedankengut wieder öffentlich und politisch toleriert wird", heißt es in dem entsprechenden Beschluss.

Dass die 55 Zentimeter hohe und 180 Kilo schwere Bronzeglocke im winzigen Turm der Fachwerkkirche aus dem Jahr 1932 in der Waldsiedlung Hakenfelde auch das nationalsozialistische Symbol trägt, ist lange bekannt. In der Wicherngemeinde hatte es während der Nazizeit heftige Richtungskämpfe zwischen Anhängern der Bekennenden Kirche um den Pfarrer Hermann Bunke und die NS-treuen Deutschen Christen mit Pfarrer Johannes Rehse gegeben. Auch eine "Hitler-Eiche" wurde gepflanzt und Hakenkreuz-Fahnen sollen an der Kirche geweht haben.

Die Kirchengemeinde hat diesen Teil ihrer Historie auch publiziert, die Glocke mit dem Hakenkreuz aber blieb an ihrem Platz. In der Nachkriegszeit "wurde immer mal wieder darüber diskutiert", sagt die Pfarrerin der Wicherngemeinde, Sigrid Jahr. Noch im Frühsommer dieses Jahres hatte die Gemeindeleitung beschlossen, die Glocke nicht nur zu liturgischen Anlässen, sondern sie auch um 8, 12 und 18 Uhr schlagen zu lassen, um – wie früher üblich – die Tageszeiten anzumelden.

Eine neue Glocke aus Lauchhammer ist schon da

Die Wicherngemeinde hat für 4800 Euro im brandenburgischen Glockengießerort Lauchhammer (Oberspreewald-Lausitz) bereits eine Ersatzglocke gekauft. Am Donnerstag wurde sie in rund vierstündiger Arbeit in den Glockenstuhl gehängt – für die Gemeinde eine große Erleichterung. Denn lange war unsicher, ob zum Weihnachtsgottesdienst in der Wichernkirche eine Glocke läuten würde. Eine Ausnahme vom Läutverbot hätte es für die alte Glocke nicht mehr gegeben. "Leider ist der Klöppel der neuen Glocke etwas zu kurz und muss noch verlängert werden", so Pfarrerin Jahr am Mittwochabend. Bis Weihnachten werde das aber behoben sein. "Zum Gottesdienst am Heiligen Abend um 15 Uhr wird sie läuten", ist die Pfarrerin sicher.

Den Anstoß für die Stilllegung der alten Glocke hatte eine öffentliche Debatte über die sogenannte Hitler-Glocke von Herxheim am Berg (Rheinland-Pfalz) gegeben, in deren Folge wegen relativierender Äußerungen der Bürgermeister dort zurücktrat. Weitere Glocken mit Nazi-Symbolen wurden danach in Niedersachsen entdeckt. Anlass genug für die evangelische Kirche Berlin-Brandenburg schlesische Oberlausitz (EKBO), alle Mitgliedsgemeinden aufzufordern, ihre Kirchtürme auf Glocken mit "solchen oder vergleichbaren Verzierungen" zu überprüfen. "Es handelt sich bei solchen Glocken oder anderen liturgischen Geräten um Geschichtsdokumente, die für den aktuellen Gebrauch im kirchlichen Leben nicht tragbar sind. Somit gebietet es die historische Verantwortung, angemessene Wege des Umgangs zu finden", heißt es in dem Schreiben der Landeskirche.

Bis Ende Dezember bittet die Kirchenleitung die Gemeinden um Rückmeldung. "Viele wissen das tatsächlich nicht", sagt Pfarrerin Marion Gardei, Beauftragte für Erinnerungskultur der EKBO. "Man kriecht ja nicht jeden Tag auf einen engen Kirchturm." Marion Gardei rechnet nicht damit, dass in der Region noch viele Glocken mit NS-Symbolen existieren. Denn sie müssten zur Zeit des NS-Regimes angeschafft worden sein. Zudem seien viele Kirchenglocken während des Zweiten Weltkriegs zu Rüstungszwecken eingeschmolzen worden. Auf die Beschlagnahme vieler Glocken zur NS-Zeit verweist auch Stefan Förner, Sprecher des Erzbistums Berlin. Entsprechend gebe es auch keinen vergleichbaren Aufruf der katholischen Kirche an die Gemeinden.

Antisemitische Wandmalerei in Prenzlauer Berg wurde erhalten

Mit anderen nationalsozialistischen Symbolen oder antisemitischen Darstellungen im Kirchenraum müssten sich die Gemeinden jedoch auseinandersetzen. Als gelungenes Beispiel nennt Förner den Umgang der Herz Jesu Kirche in Prenzlauer Berg mit einem antisemitischen Wandbild. "Nachdem es zunächst Überlegungen gab, sie zu übermalen, erläutert jetzt eine Stele den Entstehungshintergrund der Wandmalerei und die Distanzierung der Gemeinde von jeglichem Antisemitismus", so Förner.

Was aus der abgehängten Wichern-Glocke und anderen Relikten der NS-Zeit werden soll, ist noch nicht entschieden. Für die Landeskirche ist aber klar, dass sie für liturgische Zwecke nicht mehr eingesetzt werden sollen. "Das ist zu belastet", sagt Pfarrerin Gardei. "Eine Frau aus der Wicherngemeinde hat uns gesagt, dass sie das Glockenläuten nicht mehr hören kann, seitdem sie vom Hakenkreuz weiß", erzählt die Kirchenbeauftragte.

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