Welzow/Cottbus. Die Lausitz lebt von und mit der Braunkohle, von Tagebauen und Kraftwerken. Doch die Menschen dort sehen ihre Leistungen nicht anerkannt

Kein Lüftchen regt sich, tiefe graue Wolken verdecken die Sonne. „Ein guter Tag“, sagt Andreas Redlich und lacht bitter. In der Lausitz freuen sich viele Menschen über eine solche „Dunkelflaute“. Wenn Windräder stehen und Solarzellen kein Licht ernten, fühlen sie sich bestätigt im ostdeutschen Braunkohlerevier. Ohne ihren Brennstoff gingen in Deutschland viele Lichter aus, stünden viele Fabriken still.

Redlich empfängt mit strammem Händedruck und einem „Glückauf“. Jetzt steht er mit dem weißen Schutzhelm der Lausitzer Energie AG (Leag) auf einem Aussichtspunkt am Rande des Tagebaus Welzow-Süd, den er leitet. Der 54-Jährige aus Hoyerswerda weist über die Wiesen und jungen Kiefern, wo sich vor einigen Jahren noch die riesigen Bagger durch die Lausitzer Landschaft frästen. Darüber wächst Wein am künstlich aufgeschütteten Wolkenberg. Kenner schätzen den seltenen roten Riesling. „Mit Bergbau-Maschinen hat man die Möglichkeit, Landschaft zu gestalten“, sagt Redlich. Nebenan erinnert ein Gedenkstein an das abgebaggerte Dorf Wolkenstein.

Bei der Leag wissen sie, wie kritisch viele Bürger und große Teile der Politik ihr Geschäft sehen. Braunkohle, die noch 25 Prozent des deutschen Stroms liefert, gilt als Klimakiller, die Kraftwerke als Kohlendioxid-Schleudern. Kohleausstieg ist ein großes Thema. Diese Skepsis war der Geburtshelfer des Konzerns. Die Leag entstand, nachdem 2016 der schwedische Vattenfall-Konzern seine Tagebaue und Kraftwerke aus politischen Gründen an die tschechische EPH-Gruppe verkaufte.

Andreas Redlich stoppt seufzend den Geländewagen, der durch den schlammigen Grund des Tagebaus schleudert. Auf der anderen Seite des riesigen Grabens durchziehen tiefe Erosionsrinnen die Abbruchkante. Die Landschaft, die vom Aussichtspunkt fast idyllisch wirkte, zeigt von der anderen Seite die hässlichen Narben des großindustriellen Kohleabbaus. „Die Fotografen wollen immer dieses Motiv“, sagt der Bergmann.

Zu DDR-Zeiten studierte er Bergbau-Ingenieurwesen in Senftenberg, lernte dann das Geschäft von der Pieke auf. Auch seine Eltern waren „in der Kohle“. „Große Maschinen, das war mein Traum“, sagt der Chef von 800 Kumpeln in Welzow. Wenn er von der riesigen Abraumförderbrücke F60 spricht, gerät auch der erfahrene Ingenieur ins Schwärmen. Die „größte bewegliche technische Anlage der Welt“ überspannt einen halben Kilometer weit das fast 100 Meter tiefe Loch, auf dessen Grund schwarz das Kohleflöz schimmert. Seine Leute verladen bis zu 90.000 Tonnen Braunkohle pro Tag in die Züge, die den Brennstoff in die Kraftwerke bringen. „Wir kommen unserem Versorgungsauftrag zu jeder Witterung nach“, sagt Redlich selbstbewusst. „Wir könnten hier noch 200 Jahre Kohle fördern“, weiß der Tagebau-Leiter. Viele würden das gern tun. Auf dem Parkplatz neben der Anlage mit Kantine, Büros und Umkleideräumen, die demnächst abgebaggert wird, zeugen Autos der oberen Mittelklasse von den guten Löhnen in der Kohle.

Es tobt in der Lausitz ein Kampf um den Begriff Heimat: Die einen, und es ist eine Minderheit, streitet dafür, die heimischen Dörfer zu erhalten, von denen in 100 Jahren Bergbau schon mehr als 130 verschwunden sind. Die anderen halten es wie die Leag: „Wer seine Heimat liebt, stärkt sie mit seiner Energie“, heißt ein Image-Spruch des Kohlekonzerns.

Noch immer liefert die Lausitz jede zehnte in Deutschland verbrauchte Kilowattstunde Strom. Dass Grüne und andere Klimaschützer glaubten, man könne kurzfristig darauf verzichten, erbost nicht nur die 8000 Leag-Mitarbeiter. „Die Region hat vieles gegeben“, sagt selbst ein Braunkohle-Gegner wie Johann Staudinger in einem Café am Cottbusser Altmarkt. Der Niederbayer lebt seit sieben Jahren in der Lausitz und ist Vorsitzender der Ortsgruppe des Umweltverbandes BUND. Er appelliert an die Bundesregierung, in Cottbus Bundesbehörden anzusiedeln, um den Verlust von Tausenden Kohlejobs wettzumachen. Auch Existenzgründer sollten in die Lausitz gelockt werden, dazu müsste aber die Bahn nach Berlin schneller werden. Immerhin sprächen auch die Landes- und Kommunalpolitiker aus Brandenburg und Sachsen inzwischen über den Strukturwandel. Lange hätten sie es noch abgelehnt, über eine Zeit nach der Kohle überhaupt nachzudenken.

Lausitz liefert noch immer zehn Prozent des deutschen Stroms

Im Braunkohlekraftwerk Schwarze Pumpe verweist Kerstin Schilling auf die Jobs, die hier direkt an Kohle und Kraftwerken hängen. Eine Firma stellt aus dem durch die Entschwefelung des Rauchgases entstandenen Gips Bauplatten her. Ein Unternehmen formt Kohle-Briketts für Öfen. Die Papierfabrik nutzt Dampf aus dem Kraftwerk für ihre Produktion. 4000 Menschen arbeiten rund um das Kraftwerk Schwarze Pumpe. Die energische Frau mit dem Kurzhaarschnitt hat Maschinist für Wärmekraftwerke gelernt und danach Kraftwerkstechnik studiert. Inzwischen betreibt sie in Schwarze Pumpe Standortkommunikation für die Leag. Gern zeigt sie in der Leitzentrale das Emissionsbild, das den Ausstoß von Staub, Schwefeldioxid und Stickoxiden ausweist und anzeigt. „Wir fahren das alles unterhalb der Grenzwerte“, sagt die Fachfrau.

Die Wolken, die über den beiden 140 Meter hohen Kühltürmen hängen, bestünden überwiegend aus Wasserdampf. Früher habe viel mehr Staub die Luft verdreckt. Auch weil die unmittelbare Gesundheitsgefahr verschwunden sei, könnten viele Leute in der Region die Diskussion um den Kohleausstieg überhaupt nicht nachvollziehen.

Die Lausitzer fühlen sich zudem ungerecht behandelt. Zum Ende der DDR arbeiteten noch 100.000 Menschen in der Kohle und den Kraftwerken. Allein in Schwarze Pumpe fanden 16.000 Personen ein Auskommen. Inzwischen beschäftigt die Leag in ihrem Kraftwerk nur noch 270 eigene Mitarbeiter, mit Dienstleistern komme man auf 500 Werktätige in dem gewaltigen Komplex. Als Technikerin hatte Kerstin Schilling ihre Hoffnung auf Verfahren gesetzt, um das klimaschädliche Kohlendioxid in die Erde zu pressen und dort zu lagern. In Schwarze Pumpe hatten sie eine Versuchsanlage, die technisch durchaus erfolgreich gewesen sei. Sie selber habe für die Kanzlerin den Spaten vorbereitet, mit dem Angela Merkel symbolisch den Bau startete. Dann sei die umstrittene Technik aus politischen Gründen gestoppt worden. Tragisch war das, sagt die Fachfrau.

Das Unverständnis über die Politik teilt der Leag-Chef Helmar Rendez. Vor seinem Wechsel nach Cottbus leitete er die Vattenfall-Tochter Stromnetz-Berlin. Die Braunkohle und damit die wirtschaftliche Zukunft der Lausitz sei „Gegenstand eines politischen Pokerspiels“, klagt Rendez beim Fest der Heiligen Barbara, Schutzpatronin der Bergleute, in der Cottbusser Stadthalle. Stromversorgung nur mit erneuerbaren Energien sei wie ein Patient mit Herzflimmern, sagt Rendez. „Die Braunkohle ist der Herzschrittmacher.“

Die Lausitzer finden, ihr Beitrag zur Reduzierung des Kohlendioxid-Ausstoßes werde nicht gewürdigt. Dabei hat die ostdeutsche Stromwirtschaft den Großteil der Reduktion geliefert, mit der sich Deutschland international schmücke.

Trotz aller Durchhalteparolen wissen Rendez und seine Leute aber auch, dass die Braunkohle endlich ist. Sie haben ein Revierkonzept vorgelegt, das Planungssicherheit für 25 Jahre benötige. Bisher sorge die Leag in der Lausitz für eine jährliche Wertschöpfung von 1,4 Milliarden Euro aus Löhnen und Aufträgen. Für Strukturhilfe zur Vorbereitung auf die Zeit nach der Kohle stünden seitens der Bundesregierung für 15 Jahre 1,5 Milliarden Euro in Rede. 100 Millionen im Jahr. Gegen 1,4 Milliarden. „Wir sind nicht blöd. Wir merken, wenn wir über den Tisch gezogen werden“, wettert Rendez. Danach stehen alle auf in der Stadthalle und singen stolz das Steigerlied, die Hymne der Bergleute.