Stickoxid

Flächendeckend schlechte Luft in Berlin

Die Luft in Berlin ist schlechter, als gedacht. Nicht nur an Hauptstraßen werden die Grenzwerte für Stickoxid überschritten.

Als Hauptverursacher für Stickstoffdioxid gelten Fahrzeuge mit Dieselantrieb

Als Hauptverursacher für Stickstoffdioxid gelten Fahrzeuge mit Dieselantrieb

Foto: Hendrik Schmidt/dpa-Zentralbild/dpa

Die Luft in Berlin ist noch viel stärker mit gesundheitsgefährdenden Stickoxiden belastet, als bisher bekannt. Das haben Messungen, die der Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB) zusammen mit der Technischen Universität Berlin (TU) durchgeführt hat, ergeben. „Die neuen Messergebnisse bestätigen, dass wir in Berlin an viel zu vielen Stellen viel zu hohe Werte haben“, sagte Berlins Umweltsenatorin Regine Günther (parteilos, für Grüne) auf Nachfrage der Berliner Morgenpost. Doch auf Landesebene seien die Gegenmaßnahmen begrenzt. Die Bundesregierung sei zum Handeln aufgefordert.

Mit einer Messreihe hatten der RBB und die Technische Universität Berlin (TU) den Nachweis erbracht, dass die Berliner von der hohen Stickoxid-Belastung nahezu flächendeckend betroffen sind. Demnach liegen die Werte an 73 Standorten über dem zulässigen EU-Grenzwert. Insgesamt hatten die TU-Wissenschaftler an 110 Stellen die Konzentration von Stickoxid gemessen. Das Messnetz des Landes umfasst lediglich 39 Standorte.

Die höchste Belastung wurde am Görlitzer Bahnhof in Kreuzberg festgestellt

Gemessen wurde in drei Messzyklen über einen Zeitraum von vier Wochen hinweg im Oktober und November 2017. Die höchste Belastung wurde am Görlitzer Bahnhof in Kreuzberg festgestellt. Dort wurde nach den Angaben eine Belastung von 77 Mikrogramm gemessen, gesetzlich erlaubt ist im Jahresmittel eine Belastung von höchstens 40 Mikrogramm Stickstoffdioxid pro Kubikmeter Luft. Studierende der TU hatten die Daten erhoben, indem sie sogenannte Passivsammler aufgestellt hatten: eine wissenschaftliche, lang etablierte Methode, welche die Behörde auch selbst einsetzt. Das Ergebnis: Die Stickoxid-Grenzwerte werden in Berlin flächendeckender und stärker überschritten, als die bisher verfügbaren Messungen des Senats es zeigten. Der Berliner Senat werde durch diese Zahlen stärker unter Druck gesetzt, sagte Jürgen Resch, Geschäftsführer der Deutschen Umwelthilfe. „Es wird nicht reichen, mit Tempo-30-Zonen zu arbeiten“. Berlin komme um „ein Fahrverbot nicht herum“.

Verkehrssenatorin Regine Günther sieht in den deutlich erhöhten Werten, die die Studenten der TU gemessen haben, keinen Widerspruch zu den von ihrer Verwaltung erfassten Daten. „Die Unterschiede erklären sich dadurch, dass die TU-Studenten lediglich die Werte eines Monats betrachtet haben, wir dagegen messen ganzjährig“, sagte die Senatorin.

Die Berliner Verkehrsverwaltung setzt bei der Reduzierung des Stickoxid-Ausstoßes bislang vor allem auf die Einführung von Tempo 30 auf Hauptstraßen. Doch ob Tempo 30 zu besserer Luft führt, ist umstritten. Der ADAC verweist auf eine Studie, wonach die Emissionen bei Tempo 50 nicht unbedingt höher seien. Es bestehe sogar die Gefahr, dass bei Tempo 30 höhertourig gefahren werde und der Ausstoß dadurch zunehme. Günther weiß darum, ihr Ziel ist, den Verkehr auch mittels neuer Ampelschaltungen flüssiger zu machen und ständiges Bremsen und Anfahren zu verhindern. Laut dem Berlin-Trend von Berliner Morgenpost und RBB vom Mai sehen die Berliner das Vorhaben der Senatorin kritisch: 57 Prozent der Berliner sprachen sich in der repräsentativen Umfrage gegen mehr Tempo 30 aus. Ein Fahrverbot für „schmutzige“ Fahrzeuge in der Hauptstadt, wie sie die Umwelthilfe fordert, sei jedoch derzeit „rechtssicher nicht möglich“, sagte die Senatorin. „Der Ball liegt bei der künftigen Bundesregierung“, so die Senatorin weiter. Um die Autos, die viele Abgase ausstoßen, „rechtssicher von der Straße zu holen, brauche ich die blaue Plakette“. Die Kommunen hätten das Problem, aber nicht die Instrumente, es zu lösen.

Senatorin wirbt auf Bundesebene für Einführung der blauen Plakette

Als Hauptverursacher für Stickstoffdioxid gelten Fahrzeuge mit Dieselantrieb. Sie machen in Berlin rund ein Drittel der 1,4 Millionen gemeldeten Fahrzeuge aus. Seit Amtsantritt wirbt Senatorin Günther auf Bundesebene deshalb für die Einführung einer blauen Plakette. Sie würde verhindern, dass Dieselfahrzeuge, die bestimmte Abgaswerte nicht einhalten, nicht mehr in der Innenstadt fahren dürfen. Doch die Mehrheit im Bundesrat ist dagegen. So ist Tempo 30 neben der Umrüstung der Busse der Berliner Verkehrsbetriebe und der – auch in Berlin schleppenden – Förderung von Elektromobilität eines der wenigen Instrumente, die Berlin für saubere Luft eigenständig einsetzen kann.

Die Grenzwerte für den Ausstoß der Stickoxid-Abgase von Dieselfahrzeugen werden aus Sicht der Deutschen Umwelthilfe in viel mehr Städten überschritten als offiziell angegeben. „Wir gehen davon aus, dass statt in 90 Städten in 300 bis 400 Orten die Grenzwerte überschritten werden“, sagte der Umwelthilfe-Chef Jürgen Resch. Das offizielle Netz an Messstationen in Deutschland sei nicht dicht genug. Im kommenden Jahr drohen
gerichtlich erzwungene Fahrverbote für ältere Dieselautos in Städten. Am 22. Februar wird eine Grundsatzentscheidung des Bundesverwaltungsgerichts in Leipzig erwartet.

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