Pflegeberufe

Aufstand an den Berliner Altenpflegeschulen

Die Zuständigkeit für die Altenpflege-Ausbildung soll bei der Gesundheitssenatorin gebündelt werden. Dagegen regt sich Widerstand.

In der Altenpflege ist der Fachkräftemangel schon heute groß

In der Altenpflege ist der Fachkräftemangel schon heute groß

Foto: Tobias Kleinschmidt / dpa

Berlin. In der Altenpflege ist der Fachkräftemangel schon heute groß, der Bedarf wird vor allem in Großstädten weiter steigen. Es ist daher sehr wichtig, so viele Menschen wie möglich für den Pflegeberuf zu gewinnen. Mit dem neuen Pflegeberufegesetz wird die Ausbildung stark verändert. In Berlin muss die Senatskanzlei nun eine Entscheidung von großer Tragweite treffen. Soll weiterhin die Bildungsverwaltung für die Altenpflege-Berufsfachschulen zuständig sein oder sollen diese in die Aufsicht der Verwaltung für Gesundheit und Pflege wechseln? Die große Mehrheit der Berliner Fachschulen schlägt Alarm und warnt vor einem Wechsel: Die Ausbildung drohe unattraktiver zu werden, das könne den Fachkräftemangel verschärfen.

Mitte dieses Jahres hat die Bundesregierung das neue Pflegeberufegesetz beschlossen, das zum 1. Januar 2020 in Kraft treten soll. Dann wird die generalistische Ausbildung in der Pflege eingeführt, und die bisher getrennten Ausbildungen für Kranken-, Kinderkranken- und Altenpfleger werden zusammengeführt. In Berlin ist die Zuständigkeit für die Ausbildung in der Altenpflege bisher geteilt. Der schulische Teil liegt in der Verantwortung der von Sandra Scheeres (SPD) geleiteten Senatsbildungsverwaltung. Die praktische Ausbildung verantwortet die von Dilek Kolat (SPD) geführte Senatsverwaltung für Gesundheit und Pflege. Für die Ausbildung der Kranken- und Kinderkrankenpflegekräfte an insgesamt 19 anerkannten Schulen ist Kolats Haus komplett zuständig.

Allgemeine Abschlüsse sollen erhalten bleiben

Die Reform und die damit verbundene Fusion der Ausbildungsgänge macht es erforderlich, die Zuständigkeit zu bündeln. Aber wo? Beide SPD-Senatorinnen erheben offenbar Ansprüche, formulieren sie aber nicht öffentlich. Scheeres wollte sich zu dem Thema gegenüber der Berliner Morgenpost gar nicht äußern. Kolats Sprecher Christoph Lang erklärte, es gebe dazu Gespräche auf Fachebene mit der „befreundeten Bildungsverwaltung“, die noch nicht abgeschlossen seien. Beides deutet auf vermintes Terrain hin. Wenn die Gesundheitssenatorin die Pflegeberufe insgesamt verantworten möchte, müsste sie auch den schulischen Teil der Altenpflegeausbildung übernehmen. Dann würden 32 Berufsfachschulen zu Schulen besonderer Art und wären damit Regelungen außerhalb des Schulrechts unterworfen. Im laufenden Schuljahr absolvieren rund 3000 Schüler die Altenpflegeausbildung. In der Kranken- und Kinderkrankenpflege sind es rund 2800 Azubis.

Vertreter der Berufsfachschulen für Altenpflege betonen, dass nur in der Zuständigkeit der Bildungsverwaltung neben dem Berufsabschluss auch allgemeinbildende Schulabschlüsse erworben werden könnten. Zudem könne so ein durchlässiges Ausbildungssystem in der Pflege aufgebaut werden, das Zugangsmöglichkeiten und Abschlüsse auf unterschiedlichem Niveau ermöglicht, vom Pflegehelfer bis zur Fachkraft. Breche man ihre Institutionen aus dem schulrechtlichen Zusammenhang heraus, zementiere man die Sonderstellung der Pflegeberufe, traditionell eine Domäne der Frauen, und benötige eine Doppelstruktur. Das wäre ein Rückschritt, argumentieren die Altenpflege-Vertreter. Vielmehr biete das neue Pflegeberufegesetz die Chance, die Sonderstellung der Gesundheits- und Krankenpflegeschulen im Land Berlin zu beenden und sie in das Berliner Schulrecht als Berufsfachschulen einzubinden – wie bei anderen Ausbildungsberufen .

"Gravierende negative Auswirkungen auf die Fachkräftegewinnung"

Würden die Weichen bei der künftigen Ausbildung falsch gestellt, seien gravierende negative Auswirkungen auf die Fachkräftegewinnung zu befürchten, warnen viele Fachschulen. Zudem stehe die Senatsverwaltung für Pflege ohnehin vor großen Aufgaben, da auch die praktische Ausbildung neu organisiert werden müsse. So seien künftig Pflichteinsätze in Krankenhäusern für alle Pflege-Azubis vorgeschrieben, dafür müssen Kooperationen mit Kliniken vereinbart werden. Kolats Sprecher betonte, niemand wolle, dass allgemeine Schulabschlüsse nicht mehr erworben werden können. Die Sorgen seien unbegründet. Derzeit werde über eine sachgerechte Neuordnung der Zuständigkeiten gesprochen. Ziel sei, Reibungsverluste in der Ausbildung zu minimieren und die Altenpflege attraktiver zu machen.

Doch viele Schulen lehnen die Absicht der Gesundheitssenatorin ab, die Zuständigkeit für die Altenpflege-Berufsfachschulen zu übernehmen. Dem werde man „mit aller Entschiedenheit entgegen treten“, schrieb Birgit Hoppe von der Stiftung SPI im Namen der Fachschulen in einem Brief an Dilek Kolat. „Das neue Gesetz birgt enorme Risiken, die nur mit etablierten und klaren Strukturen bewältigt werden können“, heißt es dort weiter. 24 der 32 Schulen haben den Brief vom 29. Juni unterzeichnet.

Auf ihrem Landesparteitag im November hat die Berliner SPD „zwölf Punkte für einen Neustart in der Pflege“ beschlossen. Darin werden unter anderem die Durchlässigkeit des Ausbildungssystems, die Möglichkeit zum Erwerb von Schulabschlüssen und die Überführung in die duale Ausbildung gefordert. All das klingt eher nach einer rechtlichen Verankerung in der Bildungsverwaltung, klar formuliert ist das im Parteitagsbeschluss nicht. Offen ist auch, wann der Regierende Bürgermeister in der Sache entscheidet.

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