Räderwahnsinn

Leihräder blockieren Berlins Bürgersteige

Bald 10.000 Mietfahrräder in Berlin. Weil sich die Anbieter auf die City konzentrieren, stehen sie dort immer öfter im Weg.

Uta Lätzsch aus Halensee wundert sich über die vielen Leihräder, die auf dem Bürgersteig stehen

Uta Lätzsch aus Halensee wundert sich über die vielen Leihräder, die auf dem Bürgersteig stehen

Foto: Massimo Rodari

Berlin. Am Kurfürstendamm ist es noch bunter geworden. Überall entlang des Prachtboulevards haben sie sich versammelt, mal in kleineren, mal in größeren Gruppen. Oft auch allein. Leihfahrräder, die in den unterschiedlichsten Farben auf Kundschaft warten. Mitten auf dem Henriettenplatz etwa, direkt vor der bronzenen Stele, die Heinz Mack anlässlich der 750-Jahr-Feier Berlins schuf, steht ein Trio grüner Räder. Eine ältere Dame, die gerade vorbeikommt, findet das nicht in Ordnung. Überall in der Stadt würden diese Dinger inzwischen wahllos herumstehen, „wie hingespuckt“, moniert die Seniorin. „Und wenn es stürmt, fallen sie um und blockieren den Bürgersteig.“

Das Angebot an den umweltpolitisch gewünschten Leihfahrrädern in der Hauptstadt ist groß wie nie. Inzwischen tummeln sich fünf Anbieter auf dem Markt, im nächsten Jahr werden sie gemeinsam die Marke von 10.000 Rädern erreichen. Zum Vergleich: Vor gut einem Jahr gab es Call a Bike, ein Ableger der Deutschen Bahn, mit nicht einmal 2000 Rädern. Anders als damals müssen die Kunden ihre Mieträder nicht mehr an festen Stationen abstellen, sondern können das nahezu überall im öffentlichen Raum tun. Free Floating heißt das System, das für den Kunden praktisch, für manchen Anwohner oder Ordnungsliebhaber hingegen nervig ist.

Natürlich gibt es Vorschriften. In Parks oder vor Einfahrten dürfen die Räder nicht stehen. Die Anbieter haben zudem Abstellzonen eingerichtet. Wer sich daran hält, bekommt einen Bonus auf seine Miete, bei Missachtung muss eine Strafgebühr gezahlt werden. Für das Einsammeln falsch abgestellter Räder beschäftigen die Unternehmer zudem extra Mitarbeiter.

Beschwerden vor allem innerhalb des S-Bahn-Rings

So ganz zu klappen scheint das aber noch nicht, wie das Beispiel Tempelhof-Schöneberg zeigt. „Der Anstieg der Leihräder in Berlin ist erst einmal zu begrüßen“, sagte Bezirksstadträtin Christiane Heiß (Grüne). Mit Sorge beobachtet sie aber den gestiegenen Überwachungsaufwand. Vereinzelt habe es Beschwerden gegeben, die an die Verleihfirmen weitergereicht wurden. „Je nach Betreiber reagieren die Firmen auch mehr oder weniger umgehend und räumen die Räder ab“, sagte Heiß. Das Ordnungsamt habe noch nicht eingreifen müssen.

Beschwerden kommen vor allem aus den Bezirken innerhalb des S-Bahn-Rings, wo das Gros der Räder angeboten wird. Ursprünglich wollte der Senat das wahllose Abstellen unterbinden: Nach der Kündigung des Vertrags mit Call a Bike wurde dem Nachfolger Nextbike vorgeschrieben, seine Räder ebenfalls „stationsgebunden“ anzubieten. Problem: Die Bezirke kamen bei der Genehmigung von Stationen im öffentlichen Straßenland nicht hinterher. Von geplanten 700 Abstellorten sind erst 200 eingerichtet.

Für die Anbieter, die nach Next-bike auf den Berliner Markt drängten, gibt es keine Vorgabe, Stationen einzurichten, da sie nicht vom Senat gefördert werden und es daher auch keine vertraglichen Vereinbarungen gibt. Für ihre Abstellzonen zahlen sie momentan gar nichts.

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Anbieter wissen, dass sie behutsam vorgehen müssen.

Die Senatsverkehrsverwaltung hat die Bezirke deshalb angewiesen, die Entwicklungen genau zu beobachten. Sollten sich die Mieträder auf bestimmten Plätzen oder an Bahnhöfen häufen, müsse dies als Sondernutzung von den Bezirken genehmigt werden. So zahlt Nextbike für seine Stationen bereits eine Sondernutzungsgebühr. Maren Schellenberg (Grüne), Stadträtin in Steglitz-Zehlendorf, fordert aber eine einheitliche Regelung für alle Bezirke.

Die Anbieter wissen, dass sie behutsam vorgehen müssen. Als die kürzlich auch in Berlin gestartete Firma Obike die Münchener Innenstadt nach und nach mit Tausenden Rädern flutete, zogen sie den Zorn der Bayern auf sich. Teilweise stapelten sich die Räder im Gebüsch. Das Unternehmen aus Singapur hatte nicht daran gedacht, Mitarbeiter einzustellen, die sich um das Einsammeln und Verteilen der Räder kümmern. In Berlin hat Obike deshalb eine defensivere Strategie gewählt: Derzeit sind es nur 700 Obikes, ein externer Dienstleister kümmert sich um die Kontrolle.

Viele Berliner haben auch erst einmal nichts gegen die vielen bunten Räder. Uta Lätzsch aus Halensee hat sich zwar schon mal gewundert, warum sie manchmal direkt an Bushaltestellen stehen, kann sich aber trotzdem vorstellen, Nextbike und Co. einfach mal auszuprobieren.

Senat fördert Angebot mit 75 Millionen Euro

Ausschreibung: Das Leipziger Unternehmen Nextbike erhielt Mitte 2016 nach einer Ausschreibung den Zuschlag für das Leihfahrradsystem in Berlin. Der Senat war mit dem Vorgänger Call a Bike nicht mehr zufrieden.

Geldsegen: Nextbike wird vom Senat bis 2021 mit 7,5 Millionen Euro gefördert und muss dafür Qualitätsvorgaben erfüllen, etwa eine bestimmte Anzahl von Rädern und Stationen sowie ein Angebot auch in den Außenbezirken.

Vertrag: Wäre absehbar gewesen, dass so viele Anbieter nachziehen, hätte man die Förderung eines Unternehmens aus Steuermitteln überdacht, heißt es aus der Verkehrsverwaltung. Aber: „Verträge sind Verträge“.

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