Berlin

Panne nach der Premiere: ICE-Sprinter bleibt liegen

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Thomas Fülling

Neue Hochgeschwindigkeitsstrecke Berlin–München geht in Betrieb

Erst die glanzvolle Eröffnung – und dann das: Einer der beiden Sonderzüge zur Eröffnung der neuen Hochgeschwindigkeitsstrecke zwischen München und Berlin saß am Freitagabend in einem Tunnel fest, fuhr dann weiter, um erneut liegenzubleiben. Im Zug waren Ehrengäste, Journalisten und Gewinner, die die Eröffnungsfahrt von München nach Berlin mitgemacht hatten und wieder zurückfuhren. Eine Bahnsprecherin bestätigte der Berliner Morgenpost, dass der ICE wegen einer Störung am Fahrzeug zunächst vor Erfurt auf der Strecke stand. Der Zug sei in Erfurt mit elf Minuten Verspätung unterwegs gewesen. Um 21.35 Uhr kurz hinter Erfurt kam der Zug wieder zum Stehen. Es war zunächst nicht klar, wann die Fahrt weiterging.

Dabei waren zwei ICE zuvor noch begleitet von Scheinwerferlicht, Silberfontänen und der Bourani-Hymne „Ein Hoch auf uns“ im Berliner Hauptbahnhof eingefahren. Für die Mitreisenden, unter ihnen Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und Bahn-Vorstandschef Richard Lutz, war zuvor ein roter Teppich ausgerollt worden. Das Empfangskomitee auf dem Bahnsteig wurde von Berlins Regierendem Bürgermeister Michael Müller angeführt, der für diesen Anlass extra den gleichzeitig in der Stadt tagenden SPD-Parteitag verlassen hatte.

Wer Zweifel hatte, ob die von der Bahn vorab angekündigte Fahrzeit von weniger als vier Stunden zwischen beiden Metropolen auch gehalten werden kann, den überzeugte der Blick auf die Bahnhofsuhr. Die zeigte 16.10 Uhr an, die Züge fuhren fünf Minuten früher als angekündigt in Berlin ein. Abfahrt des in München gestarteten Sonder-ICE war um 12.18 Uhr – eine reale Fahrzeit von nur drei Stunden und 52 Minuten.

Ab Sonntag, wenn bundesweit der neue Fahrplan bei der Bahn in Kraft tritt, kommen auch alle zahlenden Kunden in den Genuss der schnellen Verbindung. Dann werden sich dreimal am Tag ICE-Sprinter von Berlin aus auf den Weg nach München machen (mit Halt in Südkreuz, Halle/Saale, Erfurt und Nürnberg). Fahrzeit: Drei Stunden 55 Minuten. Die öfter haltenden Takt-ICE, die alle Stunde mal über Halle/Saale, mal über Leipzig fahren, sollen die 623 Kilometer lange Strecke von der Spree an die Isar in rund viereinhalb Stunden bewältigen. Bislang benötigen die ICE für diese Distanz noch mehr als sechs Stunden.

Möglich wird der enorme Reisezeitgewinn durch die Inbetriebnahme des letzten Teilstücks der neuen Hochgeschwindigkeitstrasse, des 107 Kilometer langen Abschnitts von Erfurt nach Ebensfeld bei Bamberg. Künftig können die ICE mit Tempo 300 die Mittelgebirge des Thüringer Waldes durchqueren.

Es sei atemberaubend, was mit diesem Verkehrsprojekt Deutsche Einheit geschaffen wurde, sagte Bundeskanzlerin Merkel, die im Berliner Bahnhof Südkreuz in den Premieren-ICE eingestiegen war. Vor 26 Jahren hatte die Bundesregierung insgesamt 17 Infrastruktur-projekte beschlossen, mit denen die beiden zuvor getrennten Landesteile verkehrlich zusammengeführt werden sollten. 40 Milliarden Euro investierte der Bund seither in neue Autobahnen, Schienenstränge und Wasserstraßen.

Bahnchef spricht von einem historischen Tag

Bahnchef Lutz würdigte die Eröffnung der neuen Hochgeschwindigkeitsstrecke durch den Thüringer Wald als Meilenstein: „Heute ist ein historischer Tag: Mit dieser Eisenbahnstrecke der Superlative rückt Deutschland näher zusammen.“ Die Bahn setzt auch kommerziell große Hoffnungen in die neue Trasse. Die Reisezeiten seien gegenüber dem Verkehrsträger Flugzeug konkurrenzfähig, so Lutz. Mit der Eröffnung der Strecke Berlin–München ist der größte Fahrplanwechsel seit der Bahnreform im Jahr 1994 mit zahlreichen Angebotsverbesserungen verbunden. 17 Millionen Menschen werden von kürzeren Reisezeiten, neuen Direktverbindungen und besseren Anschlüssen profitieren, heißt es.

Es gab aber auch Kritik: Der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club (ADFC) wies darauf hin, dass auf der Linie Berlin–München künftig keine Fahrräder mehr mitgenommen werden können, weil dort keine Intercity-Züge (IC) mehr unterwegs seien. Der Wegfall von täglich drei IC in beide Richtungen bedeute im Sommerhalbjahr den Verlust von fast 7000 Radstellplätzen. Eine Änderung wird es wohl erst in einem Jahr geben. Ab Dezember 2018 will die Bahn auch neue ICE-4-Züge auf der Strecke einsetzen, in denen dann bis zu acht Räder pro Zug mitgenommen werden können.