Berlin

Von der Geliebten in die Fänge der Agenten gelockt

Im Sommer wurde in Berlin ein vietnamesischer Asylsuchender verprügelt und entführt. Jetzt wurde der Ablauf der Tat enthüllt – und liest sich wie ein Thriller

Es waren Szenen wie aus einem Mafiafilm, die Passanten an einem Sonntagvormittag im Juli unweit der Siegessäule beobachtet haben: Ein Mann und eine junge Frau wurden von einer Gruppe asiatisch aussehender Männer verprügelt und in einen VW-Minivan gezerrt. Die Türen knallten, der Wagen raste davon. Was folgte, war eine diplomatische Krise zwischen Vietnam und der Bundesrepublik. Bilder vom Entführten tauchten im vietnamesischen Staatsfernsehen auf, wenige Tage nach dem Überfall in Berlin. Ihm soll nun in der Hauptstadt Hanoi der Prozess gemacht werden. Wegen Veruntreuung von Volksvermögen. Es droht der Tod durch eine Todesspritze.

Schon im August gab das Auswärtige Amt bekannt: Hinter dem Kidnapping von Trinh Xuan Thanh – 51, ehemals hochrangiger kommunistischer Funktionär und Geschäftsmann, der in seiner Heimat Vietnam in Ungnade gefallen war und in Deutschland Asyl beantragt hat – stehen der vietnamesische Geheimdienst und die Botschaft des Landes in Berlin.

Jetzt haben "NDR", "WDR" und "Süddeutsche Zeitung" den genauen Ablauf des Entführungskommandos recherchiert. Sie zeichnen eine von langer Hand geplante und minutiös durchgeführte Tat nach. Den Informationen zufolge waren die prügelnden Fahrer des VW-Vans vietnamesische Geheimdienstler. Sie sollen den Wagen direkt zum Treptower Park gesteuert haben, in die vietnamesische Botschaft. Dort sollen auch die Drahtzieher der Entführung gesessen haben. Vor der Entführung hatte Hanoi in Berlin mehrfach um Auslieferung Trinhs gebeten. Als die G20-Regierungschefs sich im Juli in Hamburg trafen, sprach der vietnamesische Ministerpräsident mit Angela Merkel über eine mögliche Auslieferung. Aber das Nein der Bundeskanzlerin scheint das vietnamesische Regime nicht von ihrem Plan abgehalten zu haben, den in seiner Heimat als "Kapitalist" und wegen Korruptionsvorwürfen verfolgten Ex-Politiker vor Gericht zu bringen.

Aus Vietnam heißt es: Trinh ist freiwillig zurückgekehrt

Aber: Eine Entführung soll es laut der vietnamesischen Regierung nie gegeben haben. Trinh sei freiwillig in seine Heimat zurückgekehrt um sich der Justiz zu stellen, heißt es von dort. Ermittlungen des Berliner Landeskriminalamtes, auf die sich die neuesten Recherchen stützen, zeichnen jedoch ein völlig anderes Bild von Trinhs Rückkehr.

Demnach hat sich der Vize-Chef der vietnamesischen Staatssicherheit bereits einige Tage vor der Entführung im Hotel "Berlin, Berlin" einquartiert. Kurz darauf mieteten vietnamesische Geheimdienstmitarbeiter in Prag einen VW-Multivan und einen BMW X5, fuhren nach Berlin und bezogen ebenfalls Quartier in der Nähe des Kudamms. Sie warteten auf einen Lockvogel aus Vietnam: Die 26-jährige Geliebte Trinhs, die offenbar ohne es zu ahnen vom Geheimdienst observiert und benutzt wurde. Sie landete vier Tage vor der Entführung in Tegel und wurde ab diesem Moment von Geheimdienstlern im BMW X5 verfolgt. Beim Sonntagsspaziergang von Trinh und seiner Geliebten im Tiergarten schlugen die Agenten dann zu.

Wie "NDR", "WDR" und "Süddeutsche Zeitung" weiter berichten, hinterließen die Entführer viele Spuren. Passanten notierten sich das Kennzeichen des VW-Vans, fotografierten ihn und riefen die Polizei. Zudem sei der Mietwagen mit einem GPS-Sender versehen gewesen, der es den Ermittlern später erlaubt habe, die genaue Route zu rekonstruieren. So konnten die Beamten die Fahrt des Wagens in die vietnamesische Botschaft in Treptow nachverfolgen. Dort stand das Auto fünf Stunden lang. Eine Mitarbeiterin buchte währenddessen in einem Berliner Reisebüro drei Flüge nach Vietnam. Für den gleichen Abend. An Bord des Fliegers: die 26-jährige Geliebte Trinhs und zwei Aufpasser. Trinh selbst sei vermutlich über Moskau nach Vietnam gelangt, zugedeckt auf einer Trage als Krankentransport. Dort soll ihm den Informationen zufolge im Januar der Prozess gemacht werden.

Trinh wird zur Last gelegt, als Chef einer Tochterfirma des staatlichen Öl- und Gaskonzerns PetroVietnam für Verluste von umgerechnet etwa 125 Millionen Euro verantwortlich zu sein. Im Juni 2016 hatte der Geschäftsmann in Vietnam einen Skandal ausgelöst, weil er in einem mehr als 200.000 Euro teuren Luxus-Auto unterwegs war, das Regierungskennzeichen trug. Das jährliche Durchschnittseinkommen in dem südostasiatischen Staat liegt unter 2000 Euro. Kurz darauf setzte er sich dann nach Deutschland ab, wo er in den 90er-Jahren schon einmal gelebt hatte. Trinh verlor in Vietnam alle Ämter, von seinem Managerposten wurde er entlassen. Den Sitz im Parlament hat man ihm aberkannt, später wurde er auch aus der Partei ausgeschlossen.

Die deutschen Anwälte des Ex-Geschäftsmanns sehen ihn als "Opfer eines Machtkampfs innerhalb der Kommunistischen Partei". Das Urteil der Todesstrafe ist nicht unwahrscheinlich. Im November wurde der frühere Vorstandschef von PetroVietnam, Nguyen Xuan Son, wegen Veruntreuung einer zweistelligen Millionensumme zum Tode verurteilt. Vietnam gehört zu den Ländern, die die Todesstrafe auch vollstrecken.

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