Berlin/Brüssel

Air-Berlin-Deal bis Weihnachten vertagt

EU-Kommission prüft Lufthansa-Teilübernahme. Airline bietet an, Strecken abzugeben. In Tegel startet Konkurrenz mit neuen Verbindungen.

Ehemalige Air-Berlin-Flugzeuge am Flughafen Schönefeld

Ehemalige Air-Berlin-Flugzeuge am Flughafen Schönefeld

Foto: FABRIZIO BENSCH / REUTERS

Berlin/Brüssel.  Während die Lufthansa mit den europäischen Wettbewerbsbehörden über die Übernahme großer Teile der bankrotten Air Berlin verhandelt, sichert sich die Konkurrenz ihre zukünftige Position im Berliner Luftverkehrsmarkt. Scoot, die Billigflugtochter der Singapore Airlines, fliegt ab der zweiten Jahreshälfte 2018 viermal die Woche nonstop von Tegel nach Singapur. „Diese neue Langstreckenverbindung in eines der bedeutendsten Finanzzentren Asiens ist ein großer Zugewinn für uns“, sagte Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup.

EU will Lufthansa-Deal nicht einfach durchwinken

Die zweite gute Nachricht für Berliner Fluggäste, die sich seit dem Air-Berlin-Aus mit geschrumpftem Angebot arrangieren müssen, kommtg von der neuen Air-France-Tochtergesellschaft Joon. Die Franzosen verbinden ab sofort 38 Mal pro Woche Tegel mit Paris-Charles-de-Gaulle. Das Ziel ist klar: Die Billigtochter soll das Drehkreuz von Air-France-KLM stärken und Berliner Kunden ermöglichen, über Paris in alle Welt weiter zu reisen.

Es wachsen also langsam Alternativen zur Lufthansa heran. Die Kranich-Airline wird darüber nicht unglücklich sein. Denn um die Übernahme von insgesamt 81 Flugzeugen und der nicht insolventen österreichischen Ferienfluggesellschaft Niki von Air Berlin zu retten, muss die Lufthansa Zugeständnisse machen.

EU-Wettbewerbskommissarin Margrethe Vestager ist offenbar nicht gewillt, den Lufthansa-Deal zur Übernahme der Air-Berlin-Töchter LG Walter und Niki unverändert durchzuwinken. Die Lufthansa hatte nach der Insolvenz der Berliner Fluglinie 81 Jets für 210 Millionen Euro übernommen und sich damit auch die Start- und Landerechte an vielen Flughäfen gesichert. Für Lufthansa-Chef Karsten Spohr war die Teil-Übernahme des einstmals schärfsten Konkurrenten eine einmalige Möglichkeit, die Billig-Tochter Eurowings schnell und zu vergleichsweise niedrigen Kosten wachsen zu lassen.

Berlin dürfte weniger im Fokus stehen

Um diese Strategie nicht zu gefährden, hat die Lufthansa nach Informationen aus Branchenkreisen in Brüssel angeboten, einzelne Strecken an Wettbewerber abzutreten. Berlin dürfte dabei nach Einschätzung von Luftfahrt-Kennern eher weniger im Fokus stehen als Flughäfen wie Düsseldorf und Palma de Mallorca, wo die Lufthanseaten mit Niki und ihrer Billig-Tochter Eurowings im Deutschland-Geschäft eine besonders starke Stellung hätte.

Von Berlin aus bedient Niki, die schon vor der Insolvenz die Ferienziele der Air Berlin übernommen hatte, mit 70 Flügen pro Woche elf Destinationen in Spanien, Portugal, Ägypten und Österreich. Diese Flughäfen werden aber ab Berlin auch von anderen Airlines angeflogen, sodass hier kein Monopol für die Lufthansa und ihre Tochtergesellschaften zu befürchten wäre. Hinzu kommt, dass auch der britische Billigflieger Easyjet für 40 Millionen Euro 25 frühere Air-Berlin-Maschinen übernehmen und diese vor allem von Tegel aus einsetzen wird.

British Airways interessiert sich für Ferienflieger Niki

Unabhängig von den möglichen Folgen für die Flugverbindungen von und nach Berlin könnte ein Konflikt zwischen der Lufthansa und dem europäischen Kartellamt dennoch ernste Folgen haben, die auch die restliche Air-Berlin-Mannschaft betreffen könnte. Sollten die Kartellwächter die Übernahme der Niki durch den deutschen Branchenprimus untersagen, wäre es an Air-Berlin-Insolvenzverwalter Lucas Flöther, einen anderen Bieter zu finden. Interessenten gibt es. So prüft die Mutterfirma von British-Airways IAG ebenso ein neues Angebot wie Thomas Cook und der Niki-Gründer Niki Lauda. Sie alle hatten sich schon im ersten Verfahren für die österreichische Airline beworben, wurden aber von der Lufthansa ausgestochen.

Am Freitag teilte die EU-Kommission mit, man werde die Prüfung des Air-Berlin-Deals der Lufthansa bis zum 21. Dezember verlängern. Die Beamten müssen Linie für Linie klären, ob es zu einem Monopol kommt oder nicht. Für die Lufthansa ist eine schnelle Entscheidung in Brüssel Millionen wert. Denn solange es kein Okay der Wettbewerbsbehörde gibt, müssen die nicht zu Niki gehörenden Air-Berlin-Jets am Boden bleiben. Mehr als ein Dutzend Maschinen parken zum Beispiel seit Wochen auf dem Rollfeld des unfertigen Berliner Flughafens BER. Sollten die Wettbewerbshüter weitere Probleme entdecken, können sie die Prüfung in schwierigen Fällen auf 90 Werktage verlängern. Falls die EU-Kommission so eine vertiefte Prüfung plant, würde die Lufthansa wohl die aktuelle Zwischenfinanzierung von Niki einstellen, so wird in der Branche spekuliert.

Bisher hält Lufthansa die Niki mit monatlichen Zuschüssen in zweistelliger Millionenhöhe über Wasser. Ohne dieses Geld wäre Niki wahrscheinlich ebenfalls pleite und der Flugbetrieb müsste eingestellt werden.

Das gleiche Schicksal könnte auch der Luftfahrtgesellschaft Walter (LGW) drohen, die die Lufthansa ebenfalls übernommen hat. Diese Firma hat meist mit Propellermaschinen lange im Auftrag von Air Berlin weniger nachgefragte innerdeutsche Strecken bedient.

Der Luftfahrtmanager Hans Rudolf Wöhrl, der selbst für die gesamte Air-Berlin geboten hatte, sieht keine Chance für die LGW, ohne Anbindung an eine starke Airline zu überleben. Die LGW werde „wohl ihren Betrieb einstellen, wenn die EU den Deal mit Lufthansa stoppt“, sagte Wöhrl dem Luftfahrt-Informationsdienst Airliners.