Parken in Berlin

Liebe Bürokraten, eure Parkraumbewirtschaftung ist ein Witz!

Berlins Parkraumbewirtschaftung ist absurd bürokratisch und bestraft autolose Anwohner. Also kaufe ich jetzt ein Auto. Ein Wutbrief.

Youtube Video Parkraumbewirtschaftung rant geisler

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Liebe Berliner Bürokraten,

vor ein paar Monaten habt ihr die Parkraumbewirtschaftung eingeführt vor meiner Haustür in Friedrichshain. Das Parken kosten jetzt also Geld, Tickets gibt es am Automaten. An sich habe ich nichts dagegen, aber eure Parkraumbewirtschaftung ist leider ein absurder bürokratischer Murks geworden, der zudem noch Menschen bestraft, die in Berlin lieber Fahrrad fahren und nur gelegentlich mal ein Auto fürs Wegfahren übers Wochenende mieten. Die kassiert ihr jetzt nämlich so richtig ab und bestraft genau die Falschen.

Doch der Reihe nach, denn ihr hattet mich ja vorgewarnt: Ein halbes Jahr, bevor die Automaten aufgestellt wurden, kam von euch ein Schreiben, in dem ihr mich einludet zu einer Info-Veranstaltung im Bezirk, ich könne da als Anwohner auch Vorschläge und Kritik einbringen. Hätte ich das doch bloß getan! Stattdessen hatte ich mich auf euch verlassen - und noch Nachbarn am Briefkasten erzählt, dass die Verantwortlichen in Politik und Verwaltung das als Profis schon regeln werden. Parkraumbewirtschaftung gibt es schließlich weltweit, was kann man da schon groß falsch machen.

Parkraumbewirtschaftung ist woanders so einfach! Aber in Berlin nicht

Leider habe ich eure Kompetenz offenbar überschätzt. Als Laie hatte ich mir die Parkraumbewirtschaftung so vorgestellt: Ihr stellt die Automaten auf, und Parken kostet dann eben Geld. Da ich gar kein Auto besitze, fühlte ich mich gar nicht so recht betroffen. Sowieso bin ich überzeugt, dass weniger Autoverkehr in der Stadt unsere Kieze lebenswerter, ruhiger und gesünder macht. Wer mich besuchen kommt, kann außerdem ja einen Besucher-Parkausweis nutzen, so hattet ihr mir das schriftlich angekündigt.

Auch das kannte ich nämlich: Als ich mal einen Bekannten in einer Kleinstadt in den USA mit dem Auto besuchte, reichte er mir einen solchen Parkausweis, den ich hinter die Windschutzscheibe legte, damit durfte ich dann parken oder jeder andere, der ihn besuchen kommt. Das ist ganz unbürokratisch. Für diesen Ausweis zahlt er im Jahr eine feste Summe, nur seine tatsächlichen Besucher dürfen ihn benutzen. Missbrauch der Parkerlaubnis, etwa das Weitergeben gegen Geld an Dritte, ist natürlich strafbar und wird scharf geahndet.

Wie anders hingegen läuft es in Berlin! Man könnte denken, ihr habt euch bewusst ein Verfahren ausgedacht, das maximalen Aufwand für Bürger und Mitarbeiter im Bezirksamt bedeutet. Wenn ich nun Besuch bekomme, dann soll dieser vorab einen Antrag auf einen individuellen Besucher-Parkausweis stellen und Unterlagen einschicken: Benötigt werden ein Antrag mit genauem Besuchszeitraum, das Kennzeichen des Autos sowie "eine Ablichtung des Reisepasses bzw. Vorder- und Rückseite des Personalausweises der Gastgeberin/des Gastgebers“, also von mir. Immerhin: "Folgende Angaben werden für die Antragsbearbeitung nicht benötigt und können daher von Ihnen im Sinne des Berliner Datenschutzgesetzes (BlnDSG) unkenntlich gemacht werden: Auf der Ablichtung des Personalausweises: Größe, Augenfarbe, Geburtsdatum/-ort und Passbild.“ Wenn das mal den Vorgang nicht beschleunigt!

Der Besucher soll den Parkausweis "mindestens drei Wochen vorher" beantragen?!

Bezahlen muss mein Gast per Vorkasse. Will er den Ausweis per Post bekommen, muss er den Antrag "mindestens drei Wochen im Voraus“ (!) stellen, heißt es. Mindestens zwei Wochen bei Antragstellung per E-Mail. Ansonsten kann man den Ausweis auch persönlich abholen - zu euren nicht gerade bürgerfreundlichen Öffnungszeiten.

Anstatt dass also der Anwohner-Haushalt einmal auf Antrag einen Besucher-Parkausweis bekommt und den dann an Besucher herausgibt, die ihn hinter die Windschutzscheibe legen, soll jeder Besucher den Schrieb Wochen vorab beantragen. Und das nur, weil ihr nicht imstande seid, eine vernünftige Lösung zu kopieren, wie sie anderswo seit Jahrzehnten eingesetzt wird. Spontane Besuche mit Auto sind somit nicht mehr möglich, es sei denn, man will jede einzelne Stunde komplett bezahlen.

Auch das ist so ein Thema. Einer der Gründe für die Parkraumbewirtschaftung ist angeblich der Besucherdruck von außerhalb. Menschen, die aus anderen Städten ins hippe Friedrichshain kommen und Clubs und Kultur erleben wollen. Darum kostet ab 18 Uhr das Parken noch mal doppelt so viel wie tagsüber. Meine Straße zwischen Osthafen und S-Bahngleis ist aber vollkommen uncool, da parken meist keine Touristen von außerhalb, sondern vor allem die Anwohner und ab und zu deren Besucher. Kürzlich kam spontan eine Mutter mit Kleinkind vorbei. Der Umstieg auf die Bahn mit Kleinkind ist schwierig, da macht Autofahren Sinn. Ihr bestraft sie nun dafür. 15 Euro musste sie zahlen - für ein paar Stunden Plaudern mit mir.

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Meine Lösung: Dann kaufe ich jetzt einfach selbst ein Auto. Dank euch lohnt sich das

Es kommt noch besser. Wie gesagt, ich habe ja kein Auto, fahre meist Fahrrad, U-Bahn und sogar Bus in Berlin. Genau, wie ihr das wollt. Manchmal nehme ich übers Wochenende einen Mietwagen. Wer einen Mietwagen mietet, kann aber nicht vier Wochen Wochen vorher das Kennzeichen des Autos wissen und insofern - nehmen wir an, ich hätte Zeit und Energie für Euer kafkaeskes Verfahren - auch keinen Besucher-Parkausweis betragen. Besorge ich am Freitagabend das Auto und will Sonnabendfrüh damit ins Wochenende fahren, löhne ich zwischen 18 und 24 Uhr daher 12 Euro. Wer selbst ein Auto besitzt, nutzt hingegen seinen Anwohner-Parkausweis und zahlt nichts extra.

Dadurch rechnet es sich jetzt für mich, selbst ein Auto zu kaufen. Und das tue ich jetzt auch. Den einmal bezahlten Anwohnerparkausweis hinter die Scheibe und jederzeit parken, so lange man will. Auch meine Besucher hole ich künftig - sofern sie nicht zu weit weg wohnen - aus dem Umland einfach selbst mit dem Auto ab. Und bringe sie auch wieder nach Hause. Dadurch entstehen zwar zwei völlig sinnlose und umweltschädliche Zusatzfahrten, aber darauf kann ich leider keine Rücksicht nehmen. Es spart so viel Geld, da kann mein Besuch mich ja lieber mal zum Essen einladen.

Nach mehrfacher Nachfrage ("Oh, die Frage hatten wir noch nicht!") im Amt habt ihr immerhin die Information rausgerückt, es gebe eventuell doch einen Weg, als Mietwagen-Nutzer zu einem nicht an ein Kennzeichen gebundenen Anwohnerparkausweis zu kommen. Dafür müsse man mindestens vier Mietwagen-Rechnungen aus dem vergangenen halben Jahr nachweisen, oder acht Rechnungen aus dem vergangenen Gesamtjahr, die Bewilligung liege dann im Ermessen des Sachbearbeiters. Aber ich werde jetzt nicht mehr anfangen, Mietwagen-Rechnungen zu sammeln, jetzt bin ich ja selbst Kfz-Besitzer.

Vielleicht fahre ich demnächst auch mal mit dem Auto zur Arbeit. Man kann sich da nämlich echt dran gewöhnen. Morgens Radio an und vielleicht sogar einen Kaffee trinken im warmen Fahrzeug, das ist schon angenehmer,als keuchend in der Kälte auf dem Rad, wo man zudem den vielen Abgasen schutzlos ausgeliefert ist. Ohne euch hatte ich glatt verdrängt, wie schön Autofahren eigentlich ist. Vielleicht sollte ich mich daher gar nicht bei Euch beschweren - sondern sogar dankbar sein.

Herzliche Grüße,

euer

Sebastian Geisler

P.S.: Bitte beschwert euch nie wieder, ihr wärt im Amt überlastet. Wenn ihr Zeit habt, Unmengen sinnloser Anträge auf Besucher-Parkausweise zu bearbeiten, kann es so schlimm nicht sein.

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