Neue Studie

Berliner Schüler werden fitter - Neukölln ist Schlusslicht

In einer Studie wurde die Sportlichkeit von Drittklässlern in fünf Berliner Bezirken untersucht. Neuköllner Kids sind Bewegungsmuffel.

Berliner Drittklässler werden unter anderem im Sechs-Minuten-Ausdauerlauf auf ihre Fitness getestet

Berliner Drittklässler werden unter anderem im Sechs-Minuten-Ausdauerlauf auf ihre Fitness getestet

Foto: iStockphoto/E+/FatCamera

Berlin. Das Interesse an Sport scheint bei Berlins Drittklässlern in den letzten Jahren zu wachsen. Waren 2011 nur 33 Prozent der Kinder fit, waren es fünf Jahre später schon 41 Prozent. Die sportlichen Defizite sanken dagegen von 23 auf 16 Prozent. Zu diesem Ergebnis kommt eine Umfrage der HG Hochschule für Gesundheit & Sport, Technik & Kunst im Rahmen von „Berlin hat Talent“, einem Projekt des Landessportbunds Berlin und des Berliner Senats. Dabei werden jedes Jahr Schüler der dritten Klasse aus fünf wechselnden Berliner Bezirken befragt.

Die fünf im Jahr 2016/17 untersuchten Bezirke schnitten wie folgt ab:

Charlottenburg-Wilmersdorf hatte die besten Ergebnisse. Dort waren 19 Prozent der Drittklässler sportaffin, neun Prozent sollten sich mehr bewegen.

In Treptow-Köpenick machen 14 Prozent besonders viel Sport und elf Prozent zu wenig.

In Mitte gibt es 14 Prozent überdurchschnittlich fitte Kinder und 15 Prozent unterdurchschnittlich sportliche.

Lichtenberg hat zehn Prozent Sportskanonen und 14 Prozent Bewegungsmuffel.

Neukölln wurde Schlusslicht: Lediglich bei neun Prozent der Kinder wurde eine überdurchschnittliche sportliche Betätigung festgestellt. Dem gegenüber standen 19 Prozent, die sich zu wenig bewegen.

Über die Jahre hat Jochen Zinner, Direktor des Instituts für Leistungssport und Trainerbildung, von knapp 27.000 Grundschülern Daten erhoben. Im vergangenen Schuljahr waren es 6000. Die Zahl von Berliner Drittklässlern, die den „Deutschen Motorik-Test“ absolvieren, nimmt zu. Mittels acht Aufgaben werden Ausdauer, Kraft, Schnelligkeit, Koordination und Beweglichkeit überprüft.

Die Acht- bis Neunjährigen werden beispielsweise im Sechs-Minuten-Ausdauerlauf, Standweitsprung oder Rückwärtsbalancieren getestet. Neben dem Motorik-Test beantworten die Schüler einen Fragebogen, in dem es um die Einschätzung der eigenen Fähigkeiten, Mediennutzung, Herkunft und Sportgewohnheiten der Kinder und ihrer Eltern geht. Das Ziel der Aktion ist, mehr Kinder zu motivieren, lebenslang Sport zu treiben.

Kinder von Migranten sind seltener im Sportverein

In seiner Studie hat Zinner eine Korrelation zwischen Sportgewohnheiten, Mediennutzung und Herkunft festgestellt: Die Schüler, die sich zu wenig bewegen, verbringen auch – wer hätte es gedacht – mehr Zeit an Tablet und PC. Und: Kinder mit Migrationshintergrund treiben tendenziell weniger Sport. 54 Prozent der untersuchten Acht- und Neunjährigen haben ausländische Wurzeln, aber nur gut ein Drittel von ihnen ist Mitglied in einem Sportverein. Bei den Kindern ohne Migrationshintergrund (46 Prozent) ist es knapp die Hälfte.

Besonders begabten Kindern wird nach dem Test die Teilnahme an einer Talentsichtungsgruppe angeboten. Dort können die potenziellen Nachwuchssportler verschiedene Sportarten ausprobieren. Häufig treten sie dann einem Verein bei, so Zinner. Den Drittklässlern, die im Test nicht gut abgeschnitten haben, wird der Besuch einer Bewegungsfördergruppe nahegelegt. Dort soll Freude an Sport und Bewegung geweckt werden. Der Bedarf scheint vorhanden: 78 Prozent der befragten Schüler würden gern mehr Sport treiben.

Um das gewährleisten zu können, bildet das HG Institut für Leistungssport und Trainerbildung seit diesem Jahr Bewegungspädagogen aus. Sie absolvieren eine sechsmonatige, für sie kostenlose Ausbildung. Den aktuellen Kurs besuchen etwa 40 Personen. Nach dem erfolgreich abgeschlossenen Lehrgang sollen die Sozialpädagogen mit Sportprofil an Ganztagsschulen angestellt und das dortige sportliche Angebot – zusätzlich zum Sportunterricht – erweitern. Zinner will so die soziale Komponente in den Vordergrund rücken: Bewegung fördere Persönlichkeitsentwicklung und Selbstbewusstsein. Gehirnzellen würden aktiviert.

Neuer Bachelorstudiengang gefordert

Mittelfristig stellt sich Bernd Wolfarth, Facharzt für Sport-, Innere und Ernährungsmedizin beim Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) und an der Charité, einen Bachelorstudiengang „Soziale Arbeit und Sport“ vor. Dieser könne bereits zum kommenden Wintersemester starten. „Ich erwarte, dass das berlin- und bundesweit umgesetzt wird“, sagt Klaus Böger, Präsident des Landessportbundes Berlin. Die wissenschaftlichen Untersuchungen und die Ausbildung der zukünftigen Sportpädagogen werden über den Etat des Landessportbundes und die Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie mit öffentlichen Mitteln in Höhe von 500.000 Euro unterstützt, auch private Sponsoren beteiligen sich.

Mehr zum Thema:

Mehr Geld für den Sport - Finanzierung bis 2022 gesichert

Viele Kinder und Jugendliche haben Probleme mit Übergewicht

WHO alarmiert wegen über 120 Millionen fettleibiger Kinder